Hans Blüher. “… Antifeminismus”.Parerga, die Achse dei Natur. Usw. .

Hans Blüher
Der bürgerliche und der geistige Antifeminismus

erschienen 1916 im Verlag Hans Blüher, Berlin Tempelhof

Über die Frauen hat es stets zwei Grundansichten gegeben: die eine sieht in ihr nur das unterworfene und darum verkümmerte Geschlecht, welches imgrunde dasselbe zu leisten imstande wäre, wie der Mann, wenn man es nur befreite. Eine Revision der gesamten Kulturlage der Menschheit muß nach dieser Ansicht die Unterschiede zwischen Mann und Weib in den kulturellen Leistungen aufheben. Alle Verschiedenheiten in den Leistungen sind scheinbar. Die zweite Ansicht dagegen sieht in der Frau einen grundsätzlich verschiedenen Typus Mensch, der dem des Mannes polar entgegengesetzt ist. Sie ist das andere Geschlecht, dann erst das schwächere oder gar künstlich geschwächte. Daher müssen alle Leistungen der Frau auch grundsätzlich anders sein, und alle Aehnlichkeiten sind scheinbar.

Die polare Ansicht hatten vor allem die Griechen, deren ganze Kultur auf sie eingestellt war. Das Theater, das für sie im Gegensatz zu uns eine religiöse Bedeutung hatte und demnach an wesentlich höherer Stelle stand, war den Frauen verboten. In unserem heutigen Staate wird die polare Auffassung von den rechtsstehenden bürgerlichen Parteien und dem Klerus vertreten, während das liberale Bürgertum und der bisherige Sozialismus dem graduellen Standpunkte huldigt.

Es muß hier etwas vorausgesagt werden, was die spätere Untersuchung erleichtert: man kann niemanden mit logischen Mitteln zwingen, den einen oder den anderen Standpunk anzunehmen. Daß einer so denkt oder anders, ist die Folge eines ursprünglichen Bildes vom Weibe, das sich fest und eindeutig aufdrängt. So wenig wie man irgend jemanden auf Grund physikalischer Erörterung zwingen kann, Grün zu sehen, wenn die Schwingungszahl für Grün sich einstellt – der Farbenblinde wird achselzuckend dastehen – so wenig kann man irgend jemandem beweisen, daß die Frau eben so zu sehen sei und nicht anders. Wenn demnach hier der polare Standpunkt vertreten wird, so geschieht dies unter gern geleistetem Verzicht auf letzte Beweisbarkeit. Wir verstehen unter der “Natur” des Weibes nur das, was der Empiriker unter Natur versteht. Metaphysische Ausdeutungen, die also Notwendigkeitscharakter an sich tragen müßten, reizen unsere Begier an dieser Stelle nicht. Die Ansicht von den Frauen, die hier vertreten wird, stammt aus der Erfahrung, wenn wir auch Wert darauf legen, nicht der Sammler-Erfahrung nie zu Ende dringender Kompendienschreiber zu fröhnen, sondern der durch eine Idee zusammengehaltenen klaren Sicht. Das Bild der Frau wird überall festgehalten, und wir lassen uns nicht durch die Zwischenstufen-Tatsache in der Natur beirren. Was von weiblichem Geschlechte ist, fügt sich in dieses Bild, das wir von der echten Frau haben, und es stört uns nicht, wenn stark vermännlichte Frauen nur schwer und widerstrebend dem Gesetze folgen, wonach sie angetreten. Der hermaphroditus verus hat noch nicht gelebt, und wenn der erste da ist, nun gut: wir wissen, daß alle Erfahrung den Garantieschein für Notwendigkeitswerte versagt, aber wir wissen auch, daß wir mit einer weit geringeren Fehlerquote arbeiten, als die, welche zwischen Mann und Weib nur den Gradunterschied sehen.

Wenn es richtig ist, daß Physiognomie irgend etwas besagt, wenn wirklich der Schnitt der Gesichter auf den Gehalt deutet, so ist es auch richtig, daß der Gehalt des Mannes von dem der Frau seinem Wesen nach und vollkommen verschieden ist. Denn man sehe in das Gesicht eines Mannes – irgend eines – und man wird dort (ausgebildet oder verkümmert) die physiognomische Vertretung der Geist-Tatsache in der Welt finden. Und man sehe darauf in das Gesicht irgend einer Frau, und man findet eine ebenso eindeutige Vertretung eines völlig anderen autonomen Prinzipes. Wir nennen es den Eros, und seine Gesetze lauten mit jedem Zuge anders, als die des Geistes. Wer sich an diesen Blick nicht gewöhnt hat, der schweige wenigstens vorläufig.

Die Unterschiedlichkeit in den Leistungen von Mann und Weib wird in unserer heutigen Kultur dadurch verunklart, daß eine Art neutrale Zone geschaffen worden ist, in der beide arbeiten, ohne dabei ihr Wesentliches zum Ausdruck zu bringen. So ist die schöngeistige und volkswissenschaftliche Literatur heut zu Tage etwas, was im Gegensatz zu eigentlich großen Zeiten jeder gebildete Mensch “produktiv” beherrschen kann. Nur sind es eben keinen Produktionen, sondern Variationen. Wir sind nicht imstande, zu unterscheiden, ob ein durchschnittlicher Roman von einer Frau oder von einem Manne geschrieben worden ist. Wir behaupten aber: wenn es möglich wäre, sämtliche sowohl geistigen als psychologischen Motive, die zur Abfassung eines solchen Romanes geführt haben, zu ergründen, und wenn es möglich wäre, die “Schöpfer” dieser Romane zu ganz reinen Menschen zu machen, die zum Geistigen ein durch Eitelkeit und Kulturüberhäufung völlig ungetrübtes Verhältnis haben, wenn also, sage ich, die echten Typen Mann und Weib wie Adam und Eva der richtenden Gottesstimme gegenübertreten könnten: so wäre der Unterschied des Verhaltens katastrophal. Eine völlige Entlarvung fände statt, Mann und Weib hätten dann nichts mehr miteinander zu tun, denn der Mann würde die Mittelmäßigkeit seines Romans mit tiefer Scham empfinden und seine Tat verfluchen, das Weib aber – würde lachen. “Ich habe ja nur gespielt!” – Den Ernst dieses Lachens freilich würde sie zu einer anderen Zeit enthüllen.

Man kann also im Grunde männliche und weibliche Leistung nicht miteinander verwechseln, sie sind ihrem Wesen nach verschieden, wenn das Ganze des Menschentums apostrophiert wird. Ihre Gleichheiten sind Irrtum.

Wer sie doch verwechselt, und zwar prinzipiell, der ist ein Feminist. Und dies eben kann als die Definition des Feminismus angesehen werden, daß er über wesentliche Verschiedenheiten hinwegsieht, während er aus unwesentlichen Aehnlichkeiten sein Kulturprogramm der Emanzipation und Gleichberechtigung der Frau entwickelt. Es braucht dann nicht mehr gesagt zu werden, was Antifeminismus ist, und man kann nur noch erleuternd hinzusetzen, daß er selbstverständlich nichts weiter sein kann, als eine vorübergehende Abwehrmaßregel. Wenn die feministische Verflachung des öffentlichen Lebens eingesehen sein wird und wenn die Forderungen, die der Antifeminismus stellt, erfüllt sein werden, dann tritt er wieder vom Plane, und die, die ihn vertraten, werden gewiß kein Gefühl der Leere in sich haben, wenn sie nunmehr diese Punktion nicht mehr zu übernehmen brauchen.

Ein Punkt des von mir entworfenen antifeministischen Manifestes (erschien in Ernst Joels “Aufbruch” 2/3) hat die höchste Entrüstung viel weniger bei Frauen, als bei Feministen gefunden, nämlich der Satz: “Die Frau ist ungeistig”. Mit merkwürdiger und doch verständlicher Resistenz hat man sich fast ganz allein auf die Schroffheit dieser vier Worte gestürzt, um meine barbarische Auffassung vom Wesen der Frauen an den Pranger zu stellen; hat sich aber vor der Interpretation dieser Worte, die kurz darauf folgt, im allgemeinen zurückgezogen.

Daß die Frau ungeistig sei, soll natürlich nicht heißen, daß sie dem Geiste gegenüber Indifferenz zeige. In diesem Falle wäre man genötigt, ihr die überzoologische Zugehörigkeit zur Menschengattung abzusprechen. So einfach aber geht das nicht. Es ist vielmehr gemeint, daß die Frau von dem Geist – der vom Manne kommt – nur das Niveau, seine Schichtungshöhe, nicht aber die Schöpferkraft erhält. Wir müssen bei allem was bisher Geistiges in der Welt vorgefallen ist durchaus unterscheiden zwischen dem eigentlichen Unternehmen, das aus der Sicht einer Idee entspringt, und der Manifestation, die es nachher einnimmt, wenn es gestaltet worden ist. Das Erste ist die schöpferische Leistung, das tiefe Wesen des Geistes selbst, das nur vom Manne getragen wird und eben dessen Bedeutung ausmacht. Das Zweite ist dem gegenüber eine Neben- und Außersache, die sogar Gegensache werden kann. Die tiefe Entfremdung, die jeder wirklich schöpferische und nicht stehengebliebene Mann zu allem hat, was er selbst geschaffen hat, ist das beste Zeugnis für den Ernst der Situation. Affenliebe gegenüber einem geschaffenen Werk, ist die Eigenschaft des Philisters und zeugt von Geistesschwäche.

Da aber nun das eigentlich Große am Geist seine Aktion ist, die Tätigkeit und Ursprünglichkeit des Schaffens, die wie die Natur nie stille steht, so muß ein Geschlecht, das – übrigens ziemlich zugegebener Weise – diese Schöpferkraft und ihren religiösen Ernst nicht besitzt, schlechterdings als ungeistig bezeichnet werden. Das Ernstnehmen des Geistes bei Frauen ist immer nur das Ernstnehmen des Mannes, der ihn vertritt. Wenn eine Frau sich um den Geist bemüht, um ihn “ringt” so ist dieser Vorgang ein fundamental verschiedener von dem beim ringenden Manne. Dieser ringt um das zu wirkende Werk, die Frau ringt um das Niveau, das sie sich auferlegt, um dem geliebten Manne würdig an die Seite zu treten. Ein wahrlich edles und hochgestelltes Ringen, aber kein Ringen um den Geist, sondern ein Ringen um den Eros.

Aus der Tatsache nun, daß die Frau in diesem entscheidenden Sinne ungeistig ist, stellt der Antifeminismus die Forderung auf, daß sie unter keinen Umständen herrschen darf. Vom Votum einer Frau darf im Staate niemals etwas abhängen. Denn der Staat ist, mag er in jedem gegenwärtigen Zustande noch so verfahren sein, doch dazu berufen, größtes und mächtigstes Werkzeug des Geistes in der Welt zu werden. Da aber die Frau weder den Geist noch den Staat im Grunde ihres Wesens ernst nehmen kann, so darf sie auch nichts in ihm zu sagen haben. Die Frau ist Familien-Wesen und nur das. Zu meinen, daß der Staat eine erweiterte Familie sei, ist ein abgründiger Irrtum. Tiergattungen, die nur die Familie in sich haben, können nur flüchtige Herden bilden, keine Staaten. Hierzu gehört noch ein anderes Gesellungsprinzip, an dem die Frau nicht teil hat.

Es sei aber hier bemerkt, daß wir unter “Familie” nicht die übliche verstehen, sondern eine ihr übergeordnete, für die jede bürgerliche jedes Zeitalters immer nur ein verkrüppelter Sonderfall ist. Psychologisch geordnet ist die ursprüngliche Familie beim Menschen haremitisch. Im Sinne der Menschenwürde geordnet ist die bürgerliche Einehe eine unterwertige Form, die wesentliche Ereignisse bei Mann und Frau überspringt und erdrückt. Wohl aber erscheint uns die Doppel-Ehe als die berufene Form, denn der Mann liebt immer zwei Frauen entscheidend. Doch sei das hier nur angedeutet, um uns vor Verwechselung mit bürgerlichen Sozial-Ethikern zu schützen. Im Uebrigen meinen wir, daß das erwähnte Menschen-Verhältnis von einer Würde und Schwere ist, daß es wohl noch keinem Menschenpaare bisher geglückt ist, es zu erfüllen. Daß sie vielmehr alle daran verzweifelten und verdarben. – –

Wenn man sich einmal die Frage vorlegt, wie es denn eigentlich gekommen ist, daß der Gedanke der Gleichberechtigung in geistigen und politischen Dingen überhaupt eine so große Verbreitung hat finden können, wie es möglich war, daß ein so offenbar gänzlich verrannter Plan mit Leidenschaft konnte verfochten werden, so möchte ich wenigstens für eine Stelle, die ich genau zu kennen glaube, eine Antwort geben. – Nirgends wird der Gedankenkomplex, der durch die Worte Koedukation, harmloser Verkehr der Geschlechter, Kameradschaft zwischen Jüngling und Mädchen usw. gekennzeichnet ist, so laut vertreten, als in der neueren Jugendbewegung. Die Gesellschaftsgebiete der jugendlichen Wanderbünde und frei studentischen Gemeinschaften sind voll von ihm. Ich wage nun die Behauptung: junge Männer, die vollkommen, ganz und unzweideutig auf das weibliche Geschlecht eingestellt sind, das heißt also Männer vom echten Typus der Frauenjäger, sind hier eine ganz seltene Ausnahme, die sich, wenn sie überhaupt auftritt, nur kurze Zeit halten kann. Diese Bezeichnung “seltene Ausnahme” gebrauche ich lediglich aus Vorsicht und Freigebigkeit, genau genommen bin ich der Meinung, daß dieser Typ dort überhaupt nicht vorkommt. Ich warte wenigstens seit den 10 Jahren, die ich mich um die Psychologie der Männerbünde kümmere, auf den ersten Fall. Es tummelt sich eben niemand jahrelang und leidenschaftlich in der Gesellschaft des eigenen Geschlechtes (was diese jetzt feminisierten Bünde früher waren), der es nicht in seinem Unbewußten dringend nötig hat. Wo ich auch hinsehe, das innere Verhältnis zum anderen Geschlecht ist bis zu einem gewissen Grade gebrochen. Irgend etwas an diesen jungen Männern haftet nicht ganz am Weibe, reißt sich wieder los und will wo anders hin. Ich bin immer wieder von neuem erstaunt, zu sehen, wie junge Männer, geborene Führergestalten, angebetet von jungen Mädchen, sie zu Füßen habend: sie doch nicht berühren. Mit einem sittlichen Gebote hat das nicht das mindeste zu tun, denn kaum jemand erkennt es als sittliches Gebot an, sie nicht zu berühren. Sie tun es nicht, weil sie es nicht wollen. Es hat für ihren Eros keinen Sinn.

Ich bin nun, wie man weiß, der Meinung, daß dieser offenbare Mangel an Einstellung auf die Frau kompensiert wird durch ein entsprechendes Maß Einstellung auf den Jüngling. Ich rede vorläufig ganz formal-psychologisch von “Einstel-lung” und erst hinterher sage ich: unter Anwendung einer bestimmten Methode und zwar der von Freud stammenden (und an dieser Stelle etwas zu korrigierenden) Psychoanalyse kann man herausbekommen, daß dieser Einstellung ein als Inhalt wirkender Trieb und zwar von sexueller Natur entspricht. Diese Sexualität kann transformiert sein, dann erscheint sie in sublimierter Form als kulturelle Leistung (die aber immer den Mann zum Zentrum hat) oder in pathologischer als Zwangsneurose. In einer sehr reichlichen, besonders bei der früheren Wandervogelbewegung ungestüm und unverkennbar deutlich gewordenen Zahl der Fälle bleibt aber der sexuelle Charakter erhalten, und man kann dann alles mit Händen greifen. In meiner privaten Terminologie befindet sich nun ein Begriff, der den Namen des “verschrobenen Männerbündlers” führt. Das ist jener Typus, der diesen Vorgang nicht kennt und sich von ihm überrumpeln läßt. Er liebt mit einem bestimmten, oft recht kleinen, Teil seines Herzens auch die Frauen, aber erstens einmal nicht so stark, wie die Frauen ihn (denn die weib-weiblichen Liebesbeziehungen sind an Folgenschwere den mann-männlichen garnicht zu vergleichen) und zweitens nicht in der Art, wie die Frauen im Grunde es verlangen müssen. Nämlich folgendes geschieht: der verschrobene Männerbündler dichtet, ohne es zu wissen, das Bild des Jünglings in die Frauen hinein, wodurch natürlich eine vollkommene Verzeichnung des Weibes bewerkstelligt wird. Die Nötigung des verschrobenen Männerbündlers ist darin zu suchen, daß er die Jünglingserotik verdrängt, also nicht zu ihrer Erfüllung gelangt. Die “ebenbürtige”, die “geistige”, die ,,kameradschaftliche” Frau ist demnach eine Schöpfung des Mannes, eine Phantasie, geboren aus psychischen Nötigungen. Solche jungen Männer, die trotz ihres dauernden Verkehrs mit Mädchen, trotz Du-sagens in mindestens einem halben Dutzend Fällen (der echte Frauenheld staunt darüber!) in Liebesdingen geradezu naiv durch die Welt laufen, die gewöhnlich noch nie einem Mädchen den Gürtel vom Leibe gerissen haben, um die letzte Forderung des Mannes zu stellen, die, wenn sie heiraten die unmöglichsten Ehen erleben, denen die Frauen fortlaufen, – solche Männer propagieren jenes unsinnige Bild der Frau, das in den Köpfen der liberalen Oeffentlichkeit spukt. Jeder echte Frauenliebhaber, für den Kameradschaft mit dem anderen Geschlecht eine indiskutierbare Ange-legenheit ist, die höchstens außerdem noch bestehen kann, lacht über ein solches Bild, das unwahr, verzeichnet, frauenquälerisch und frauenfeindlich zugleich ist – vom Geistfeindlichen ganz abgesehen.(Fußnote: Ich gedenke hier besonders der in letzter Zeit – durch den Krieg – so grassierenden Wandervogel-Ehen, deren Jammer eben auch nur der Krieg übertönt.) Aber noch eine andere dingliche Stütze, und diesmal physiologischer Art, hat die Lehre von der Ebenbürtigkeit. Wenn wir von der Geistigkeit als einem männlichen Merkmale sprechen, das dem Manne so zugehörig ist wie der Penis, so setzen wir Endtypen voraus, den Vollmann und das Vollweib. Da nun die Natur ganz und gar keinen Grundsatz hat, außer dem einen, grundsätzlich alles durcheinander zu werfen, kann mit mathematischer (sage metaphysischer) Gewißheit nicht behauptet werden, daß die Frau ungeistig sei. Hier liegt die Fehlerquelle, die wir in Kauf nehmen, die jeder flache Empiriker mit heldenhafter Entsagung in Kauf nimmt, von der wir aber behaupten, daß sie unvergleichlich viel spärlicher fließt, als die der Ebenbürtigkeits-Gläubigen. Es kommt vor, daß ein Mann Brüste hat, es kommt vor, daß er eine Vulva hat, und ebenso kann es vorkommen, daß eine Frau Geist hat und zur Werk-Schöpfung drängt. Aber der flache Empiriker muß sagen: der Mann kann zu Höchstem und Geistigem kommen und dabei völlig seine männliche Natur behalten, die Frau dagegen nicht. Sie vermännlicht bis zum Hermaphroditen, wenn sie zum Schaffen kommt.

Ich selbst verkehre seit vielen Jahren mit einem Mädchen, daß wirklich an einem Werke schafft, und während ich dies schreibe, vollzieht sich eine Schöpfung auf dem Gebiete der expressionistischen Malerei, die mich stets, wenn ich das Werden ihrer Form miterleben darf, aufs heftigste erregt. Aber dieses Mädchen steht ihrer Natur nach zwischen den Geschlechtern und man kann nicht sagen, ob sie Mann oder Weib ist; daß sie sich entschloß, als Mann zu leben, das kam aus dem tiefen und sicheren Gefühl heraus, daß das Schöpferische und Geistige eben das Männliche sei. Ich brauche nicht erst zu erwähnen, daß sie über den Frauen-Geist so denkt, wie wir, ich will aber sagen, daß man wohl nirgends besser über Mann und Weib und über den Sinn dieser Tatsache belehrt werden kann, als dort, wo die Natur selber in einem lebendigen Menschen klügster und fähigster Art jene Doppel-Wesenheit aufleuchten ließ.

Dieser verzweifelte Typ ist das größte Risiko, das unsere Einstellung zum Frauenproblem auf sich nehmen muß. Wir wissen nicht, wo wir eine solche Frau hinstellen sollen. Aber es gibt ja so viele Menschen, die alles wissen, frage man sie. Weit geringer und sofort lösbar ist die Schwierigkeit bei den geistig leicht erregten Frauen, jenem klugen, spontanen, lebendigen Typ, der auf die Universitäten geht, und um den es sich ja hauptsächlich handelt. Ich rede also hier von den jungen Mädchen, die die Kameradinnen des verschrobenen Männerbündlers sind. Und ich fordere meine Gegner auf: gehen wir zusammen in irgend eine freistudentische Versammlung, in der Frauen mitdiskutieren und aktiv an allem Geistigen teilnehmen, und man zeige mir ein einziges Madchen, das dem echten vollen Frauentypus entspricht, wie wir ihn etwa in der Madonna oder in den Gestalten Dürers sehen. Wir haben also die Situation: ein auf Frauen nur halb eingestellter Mannestyp (der verschrobene Männerbündler), der in ganz seltenen Fällen überhaupt dazu kommt, Frauen nackt zu sehen und weibliche Körper zu vergleichen, weibliche Hoch-Affekte zu erleben, zeichnet das Bild des Weibes, nachdem er ausschließlich mit vermännlichten Mädchen in kameradschaftlichem Verkehr gestanden hat! Dies ist wahrlich eine äußerst prekäre Lage, und wenn sie auf Vollheit der Erkenntnis Anspruch machen will, dann ist der allerflachste Empirismus medizinischer Sammelforscher noch königliche Wissenschaft dagegen.

Wir wollen aber an diesem Frauentypus nicht vorübergehen, ohne seinen Wert zu betonen. Es gibt nämlich ein Ereignis, das für jeden, der Blick für Frauen hat, ergreifend wirkt: wenn diese Amazonen ihre große Klugheit, die die Natur ihnen mitgegeben hat, plötzlich umschalten und auf den Eros werfen. Wenn diese Frauen auf einmal ihre ganze Wissenschaft verlieren und (…nach jenem prächtigen Gelächter) in den Dienst der Liebe treten. Sie werden dann die edelsten und tiefsten Beraterinnen bei Männern und Frauen und, wie mir scheint, kann man die Gestalt der antiken Diotima als eine solche bekehrte Amazone deuten. Wo dieser Akt der Umschaltung eintritt, da kommt ein Segen auf, für den es heute noch nicht viel gute Worte gibt. Hier beginnt das Eros-Werk der Frau erst, und hier beginnt auch jene höhere Art der Familie, von der wir oben andeutend sprachen.

Und nun der Ausblick für die Gesamtlage der Frauen; es hat gegeben: Judenemanzipation, Bauernemanzipation, Sklavenemanzipation, und das alles hat seinen vollen und guten Sinn. Aber das Wort “Frauenemanzipation” dagegengehalten ist der vollkommene Unsinn. Denn Juden, Sklaven und Bauern wollten emanzipiert sein, die Frau aber will dies niemals. Wir wissen seit Otto Weininger, daß die Frauenemanzipation gegenstandslos ist, denn es gehört zum Wesen der Frau, hörig sein zu wollen. Auch jener leicht vermännlichte Frauentyp ist eben im Grunde so durchaus Frau, daß er dem Manne, der sie bezwingt (das ist selten ein verschrobener Männerbündler!), gern und völlig “frei”, das heißt, ihrem Gesetze folgend, hörig wird. Man mache die Probe auf irgend einen Fall, man lasse die schwachsinnige Kameradschaftsphrase, bezwinge wirklich eine Frau, liebe sie aber auch von ganzem Herzen – und man wird finden, daß jede andere Lösung unsinnig ist; die Frau gehört dem Manne, und wenn hieran etwas zu ändern ist, so kann dies nur auf die Art des Gehörens bezug haben. Die heutigen Modi des “Habens” einer Frau bedürfen allerdings der völligen Umwandlung. Statt der von vermännlichten Frauen betriebenen und von feministischen Männern bejubelten Frauen-Emanzipationsbewegung muß eine von Männern geschaffene und nach obersten geistigen Grundsätzen durchdachte Bewegung für Frauenrecht geschaffen werden.

Nur wer den Sinn für die Persiflage völlig verloren hat, kann überhaupt die Frauenbewegung in einem Atem mit den Bewegungen unter den Männern nennen. Wir Männer, wenn wir großen Führern folgen, sind niemals hörig, sondern wir gehören zu ihrer Gefolgschaft, und der uns führt, ist immer ein voller Mann. Die Frauen aber kommen in die Lage, von vermännlichten Frauen geführt zu werden, und der Erfolg ist: sie hören garnicht auf die Führerinnen und geben ihre Hörigkeit zum Manne keinen Augenblick auf. Aber man kommt auch ohne die Ver-männlichungsquote aus, wenn man sagt: die jungfräuliche Suffragette ist forsch, schneidig und tollkühn, sie sublimiert in diesen Eigenschaften ihre brachliegende Sexualität. Die verheiratete Frau ist milde, hingebig und sanft, und hat gar keinen Grund, auf die sexuellen Aushilfsbewegungen der Amazone zu lauschen; “sie läßt sich zu sehr von ihrem Mann beeinflussen” heißt es dann. Aber man gebe den Suffragetten statt harmlosem Verkehr der Geschlechter harmlosen Geschlechtsverkehr, und sie werden milde wie Tauben.- Wenn dies kein Mißverhältnis zwischen ,,Führern” und “Volk” ist, so gibt es überhaupt keines.

Ganz anders sieht es unter den Männern aus. Wenn ein Mann zu einem Manne von dem Letzten und Wesentlichen in seinem lnnern spricht, nämlich von seinem Werk, das erst geschaffen werden soll, so ist der andere imstande, wenn er nur vom gleichen Niveau ist, diese werkschaffende Tätigkeit in einer besonderen Weise zu begrüßen: nämlich seine eigene Schöpfermöglichkeit regt sich, und er kann dem andern etwas entgegensetzen; er kann ihm Widerstand leisten, wenn die Richtung des Denkens der seinigen zuwiderläuft, er kann aber auch ein Bündnis schließen, wenn er nach der gleichen Richtung strebt. Im Bündnisfalle tritt ein Akt der Bejahung ein, der sich auf die ganze Person erstreckt, und die das Gefühl eines großen Glückes für beide Männer bedeutet. Spricht aber derselbe schöpferische Mann zu einer Frau von gleichem Niveau, und nehmen wir an, daß die Frau vollkommen hingegeben und erschüttert lauscht, so – liebt sie ihn. Und zwar geschieht dies, ohne daß sie imstande wäre, dem Werkgedanken des Mannes etwas entgegenzusetzen, weil sie eben selbst als Frau nicht werkschaffend, sondern nur werkempfangend ist. Hier kreuzen sich also nicht zwei Schöpferkräfte und übersteigern sich gegenseitig, erhöhen und förden sich, sondern es gibt nur eine geistige Aktivität, die des Mannes. Die der Frau aber ist eine Aktivität des Eros.

Dies sind also die grundlegenden Unterschiede, die besagen, das es ein geistschöpferisches Verhältnis zwischen Mann und Frau nicht gibt, sondern nur zwischen Mann und Mann. Und selbst im Falle starker Niveau-Ungleichheit macht sich doch eben die gänzlich andere Einstellung zum, Geiste, die der unbegabtere Zuhörer als Mann hat, irgendwie geltend, sodaß seine Zuhörerschaft trotzdem eine von der weiblichen grundsätzlich verschiedene ist. Jene zuhörende Frau ist, wenn der Mann sie wieder losläßt, immer nur imstande, die geistigen Tatsachen des Niveaus, zu dem sie gelangt ist, zu variieren, eine eigene kritikbegabte Leis-tung kann sie nicht hinzusetzen. Man sehe sich die völlige Gefangenheit von Professoren-Witwen und Philosophenschwestern an, die allem gänzlich fassungslos gegenüberstehen, was abseits von dem Manne steht, dessen Geist in ihnen wiederstrahlt; nicht einmal eine naive Milieuerklärung seines Genies können sie ertragen.

Aber es muß noch mehr gesagt werden: stellt sich zwar das Glück des Bündnisses als ein geistiges dar, so muß man doch bedenken, daß Geist in reiner “Substanz” in der Natur nicht vorkommt. Er ist stets an körperhaftes und triebhaftes gebunden. So auch das geistige Glück jener Männerbündnisse. Es war eine Gefolgschaft an den ganzen Menschen, wie schon oben zugegeben war, nicht blos an den abstrakten Teil seines Wesens. Die Gestalt des Mannes spricht hier mit, und man verkennt leicht, was hier gemeint ist, wenn man zu sehr nach den Gelehrtenfreundschaften zwischen unseren Professoren sieht, statt nach den Vorbildern dieser Gefolgschaftsverhältnisse: den Bündnissen der platonischen Akademie, des epikuräischen Gartens und der Stoa. Von der psychologischen Seite aus gesehen sind diese Männerbündnisse sublimierte Wiederbelebungen mann-männlicher Liebesbeziehungen aus der Jünglingszeit, deren Triebkraft nicht verloren gegangen ist, und sind nicht selten diese Liebesbeziehungen selbst.

Wenn es sich nun zeigen läßt, daß die größen Leistungen in der Kultur, die ausschließlich von Männern geschehen, nicht von Alleinstehenden kommen, sondern von dem, der in einer “Gemeinschaft” steht, – mag diese phantasiert sein oder wirklich – und wenn es sich zeigen läßt, daß diese Gemeinschaft ein durchaus im Prinzipe der männlichen Gesellschaft aufgebautes Gebilde ist, das mit Frauen nicht das Mindeste zu tun hat: so muß der Liberalismus ins Irre greifen, wenn er, auf vorgebliche Ebenbürtigkeit der Frauen pochend, verlangt, daß Frauen überall dort sein dürfen, wo Männer untereinander sind. Da die schöpferischen Leistungen von Männerbünden stammen und der Männerbund eine völlige Stilverbiegung erleidet, wenn auch nur eine Frau, die klügste und beste auf der Welt, als gleichberechtigtes, Rechte forderndes Mitglied eintritt, so muß die antifeministische Mindestforderung lauten: Ablehnung jeder Fraueninvasion in die Männerbünde. An dieser Stelle bekommt der Antifeminismus seine letzte und klarste Begründung, für die alle anderen Anwendungsmöglichkeiten, wie z.B. das Verbot des Frauenstimmrechtes und der gesamten politischen Tätigkeit der Frau, nur abgeleitete Fälle sind.

Hier ist die Darstellung so weit gediehen, um einen Zweck zu beleuchten, der uns dringend am Herzen liegt: die Freie Akademie.- Wie man weiß, haben unsere Hochschulen für den Geist nur peripherischen Belang. Eine Universität ist eine Universal-Lehranstalt, in der das jeweilige Intellektuellengewerbe die jeweiligen Tendenzen der Oeffentlichkeit bedient. Abgesehen aber von ihrer Vermarktung pflegen sie noch korruptive Einschläge zu haben. Die Freie Akademie dagegen ist die oberste geistige Instanz eines Volkes, in der nur die im schöpferischen Ur-Zustande verharrenden, unbestechlichen und entscheidenden Köpfe lehren. Die Lehrer der Freien Akademie sind unabhängige Denker, die Schüler sind Jugend, und zwar ausgewählte Jugend. Die Lehrer der Universitäten sind bekanntlich Professoren, die an Stelle der entscheidenden Aktivität des Geistes Klugheit, Rang und Würde besitzen, während die Schüler beliebige Jugend unrechtmäßig privilegierter Stände sind.

Dürfen an der Freien Akademie Frauen teilhaben? – In der Akademie werden sich, wie in der Geschichte der Menschheit, zwei Flügel bilden, die den Geist verschieden behandeln. Ein gotischer und ein dionysischer Flügel. Unter dem gotischen Menschen sei jede Art begriffen, die das Geist-Ereignis in der Welt um seiner selbst Willen zuende führt. Denen es um das bauende Wesen des Geistes allein zu tun ist, und für die demnach Natur, als Gegenspiel und Antigeist, keiner Rechtfertigung zugänglich ist. Gotische Menschen sind alle Christen, der philosophische Idealismus ist gotisch, angeschlagene Saitenmusik und Architektur dienen wesentlich der gotischen Lebenshaltung. Und um in den geistigen Kampf der Gegenwart hineinzusehen: Gustav Wyneken war noch gotischer Mensch, als er die Freie Schulgemeinde gründete.

Vom Standpunkte des gotischen Willens aus gibt es gar keine Möglichkeit, die Frauen anzuerkennen. Wer in diesem Sinne nach dem Göttlichen strebt, muß der Frau endgiltig den Abschied geben. Sie ist unter allen Umständen nur Gattungswesen und sexus sequior. Die großartigste gotische Macht, die katholische Kirche, ist daher ausgesprochen antifeministisch; (daß sie der einfältigsten aller Frauen die Himmelskrone aufsetzte und sie – in eine Nische stellte, besagt nur, daß sie dem Probleme Weib auswich). Die katholische Kirche ist nach dem Prinzip der männlichen Gesellschaft aufgebaut und wirkt gegen die Familie. Ein Blick auf jenen plumpen Verrat am gotischen Menschen, der durch den Protestantismus betrieben wurde, zeigt uns das neue Einsetzen der Familie aber gleichfalls ohne Ernstnehmen der Frau. Der protestantische Antifeminismus ist bürgerlich, der katholische geistig. Otto Weininger, gotischer Mensch in vollstem Bestande, hätte Katholik werden können, wenn er es nicht vorgezogen hätte, einen weit erstaunlicherenWeg zu gehen.- So wenig, wie nun im katholischen Phänomen der Mensch allein blieb, sondern sich (nach dem Prinzip der männlichen Gesellschaft) verbündete, und so wenig er die Frauen bei sich dulden konnte, so wenig ist dies in unserem heutigen Leben möglich, falls man gewillt ist, die letzte Konsequenz zu ziehen. Und so wundern wir uns nicht, wenn die Vertreter des gotischen Willens in der Jugendbewegung, jene Menschen, die die “Gemeinschaft” erträumen, durchweg jenes mehr oder minder gebrochne Eros-Verhältnis zu Frauen haben, das oben erwähnt wurde. Die gedachte geistige Gemeinschaft ist in dem Augenblick, wo sie Wirklichkeit wird, schon mit Erotik gefüllt, und diese Erotik ist nun einmal die des Jünglings zum Jüngling. So will es die List der Idee. Und wer es etwa wagt, die Frauen in diese “Gemeinschaft” einzubeziehen, wer den leisesten Versuch macht, ein Geistesbündnis mit Kameradinnen zu schließen, der steht mit einem Fuß bereits in der Katastrophe.

Ganz anders ist es mit dem dionysischen Flügel der Akademie. Dem dionysischen Menschen ist der Geist niemals Selbstzweck, sondern Mittel zur Steigerung des Lebens. ,,Leben” aber hat hier von vornherein einen anderen Sinn, als in der Biologie (man darf niemals sagen: “Nietzsche, und Darwin”). Menschen mit dionysischem Gehalt waren die Griechen im tragischen Zeitalter, die Romantiker, Nietzsche, Bizet; dionysische Mittel sind vor allem die Flötenmusik (die ewig und faunisch zum Leben verführt) und die Lyrik. Wer das Wirken der dionysischen Lebenshaltung in der heutigen Literatur spüren will, der lese Kurt Hillers Lehre vom Paradies in der “Philosophie des Ziels”).

(Fußnote: Das Ziel. Aufrufe zu tätigem Geist. Herausgegeben von Kurt Hiller. Verlag Georg Müller, München, 1916.)

Da die Rechtfertigung der Natur vom Standpunkte der Gotik aus mißlang und immer mißlingen muß, so bleibt kein anderer Weg, als der vorläufige Abbruch der Beziehungen zum bauenden Geist und die Umstellung ins Gegen-Lager. Und dieses Gegen-Lager ist allein der Eros. Eros – jene andere Göttlichkeit des Menschen – ist der Repräsentant der Natur innerhalb des Menschenwesens. Durch ihn hindurchgegangene Natur ist menschenwürdig.- Ich weiß, daß diese Worte dunkel sind, und ich kann hier nichts anderes tun, als meine Leser um den Glauben bitten, daß sie weder absichtlich dunkel sind, noch daß dieser Satz bei m i r dunkel ist. (Ich glaube für die Unanständigkeit von Mystik sichernde Instinkte zu haben.) Aber es ist doch nun einmal so, daß wir dasjenige Stück Natur in uns, das nur zu unserm biologischen Fortbestande verhilft, in der Tat unbeachtet lassen, während wir in Entzückung geraten, sowie bestimmte steigernde Genüsse auf uns wirken. Hier steckt das Problem der Erfindung der Rauschgifte und steht hart genug der Erfindung des Alphabetes gegenüber.

Wenn ich nun sagte, daß es der Eros sei, der die Natur für den Menschen annehmbar mache und das Leben entzückungsvoll, so sollte man vermeiden, hierfür das schlechte Wort Liebe einzusetzen; nicht weil es falsch wäre, sondern weil diese Uebersetzung den Geschmack des Christlichen und der Humanität an sich trägt. Vielmehr denke man an den heidnischen Eros, der wuchtig, wollüstig, erschütternd und lebensgefährlich zwei Menschen aneinander kettet; man meine aber auch wiederum nicht, daß das Brünstige an ihm zu seinem Notwendigen gehöre, sondern man wisse, daß er von göttlichem Wesen ist, und daß wir ihn nur deswegen nicht geistig nennen, weil dieses Wort den prägnanten bauenden und gotischen Sinn hat. Die Göttlichkeit des Eros hat aber einen ganz anderen Klang, als die des Geistes, eben den dionysischen, und wer um dieses Tones willen nicht imstande ist, gar seinen Geist aufzugeben, wer diesen Jubel des Welt-Alls nicht mitfeiern kann, dem bleibt freilich kein Weg, als das Schicksal eines christlichen Theologen weiter zu tragen.

Mag man nun auch den mann-männlichen Eros höher stellen, als den mann-weiblichen (wie das Platon tat), so ist doch keine Frage, daß die Frau über das Wesen des Eros ein tieferes Wissen hat, als der Mann. Weil er eben ihr Wesen selber ist und weil sie außerhalb seiner nichts bedeutet. Dieses Wissen ist zwar in unserer Kultur, in der die Frauen noch Besitzstücke des Mannes sind statt Frei-Hörige, erst Rhapsodie (die edelsten Frauen sprechen hierüber wesentlich in Warnungssignalen), aber die Eigentümerinnen dieses entfaltbaren Wissens sind sie darum nicht minder. Sokrates ging zu Diotima, um sich über den Eros zu unterhalten. Dieser bedingungslose Männerbündler und Päderast hatte noch soviel undialektisierte Instinkte, daß er die Ueberlegenheit der Frau an dieser Stelle fühlte. Es bleibt hierfür gleichgiltig, daß der Feminist Platon im Symposion seinen Sokrates eine höchst unweibliche und unechte (vermännerbündelte) Antwort der Mantinäerin berichten ließ.

Solange die gotisch-dionysische Fragestellung an das Leben offen bleibt, solange haben also Frauen eine Stimme in der Menschheit. Aber diese Stimme darf nicht dort ertönen, wo Geist auf Geist um seine eignen Abgründe kämpft. Und es ist wahrlich kein Zufall, daß überall in der Geschichte der Völker Frauen heilig gesprochen wurden; daß man ihnen Priesterrollen anvertraute. daß es Sibyllen, Wahrsagerinnen und Hexen gab, darin steckt ein Blick in die Wahrheit, wenn auch jeder einzelne Blick falsch ging. Indem man Frauen heilig sprach (und die Verruchtheits-Erklärung ist immer nur der reciproke Wert der Sanktion!) bekannte man, daß ihr Wesen dem des Mannes erschütternd-abgrundhaft entgegen gesetzt ist: daß man ihm aber nicht ausweichen kann.

Die Frage nach der Zugehörigkeit zur Freien Akademie kann daher nur eine Antwort erhalten: die Suprematie des Männerbundes bleibt bestehen, aber er selbst ist immer nur Mittel. Es ist uns nicht um die männliche Gesellschaft zu tun, sondern um die menschliche. Da Sokrates zu Diotima ging, ohne daß deshalb Diotima in die vorplatonische Akademie einbrach und “Stimmrecht” verlangte, müssen auch die künftigen Akademiker zu Frauen der Akademie gehen können. Welche das sind, darüber herrscht bei uns kein Zweifel. Die sämtlichen Suffragets und alle bürgerlichen Frauen schalten aus. Es bleibt ein verschwindend kleiner Rest und von diesen können wir ruhig sagen, daß er uns gar keine Schwierigkeiten macht. Bekanntlich sind die obersten, klügsten und fraulichsten Frauen von heute antifeministisch (aber nur im hier vertretenen Sinne)

Unserem Antifeminismus steht der bürgerliche gegenüber. Der bürgerliche Antifeminismus ist relativistisch, d.h. er nimmt einen überlieferten Kulturstand des Volkes, dem er angehört, als letztes Maß an und bezieht seine Forderungen darauf. Für ihn ist es selbstverständlich, daß dieser überlieferte Kulturzustand Wertgebungsinstanz sei, und er verwirft alle Abweichungen davon als “Entartung”, blos eben deshalb, weil es Abweichungen sind. Jedem nicht-relativistischen Standpunkt dagegen sind alle Kulturinhalte selbst nur sekundäre Ausdrücke für ein hinter ihnen steckendes Primäres und Geistiges. Mit anderen Worten: jede noch so altgeheiligte Sittlichkeitsanschauung unterliegt jeden Augenblick der Kritik und darf ihre Rechtfertigung in nichts anderem finden, als in der Normierung nach letzten geistigen Instanzen.

Wenn wir daher mit den relativistischen Programmpunkten übereinstimmen, so kann dies immer nur besagen, daß die Denk-Ergebnisse dieselben sind, nicht aber das Denken. Als der Vertreter des bürgerlichen Antifeminismus tritt der Deutsche Bund gegen die Frauenemanzipation auf. Bei sofort deutlich werdender Unterschiedlichkeit in der Verfassung des Denkstiles, die niemandem, der für dergleichen Ohr und Sinn hat, entgehen kann, treten die gemeinsamen Forderungen klar zutage. In unseren programmatischen Darlegungen können Worte wie “Auswüchse”, “Uebertreibung oder “gemäßigt” nicht vorkommen, und wir drohen niemals mit sofortiger Degeneration des deutschen Volkes, falls man unsere Forderungen nicht annimmt, so wenig wie wir imstande sind, für ihre Erfüllung das Glück zu versprechen.

Ich zitiere nach dem “Programm” (“Aufruf” der Ortsgruppe Heidelberg-Mannheim, erstunterzeichnet von Dr. Arnold Ruge, Heidelberg, Gaisbergstr. 29). Aus Punkt 2: “Wir sind überzeugt, daß die ledigen Frauen Erwerbsmöglichkeiten haben müssen, sind aber der Ansicht, daß solche in Gestalt weiblicher Berufe vorhanden sind und noch vermehrt werden können. Das kann geschehen, ohne daß Uebergriffe auf solche Arbeitsgebiete stattzufinden brauchen, die der Mann von jeher dem Wesen des männlichen Staates entsprechend (von mir gesperrt H. B.) und zum Vorteil der Allgemeinheit ausschließlich beherrscht hat.” “Die Staatsverwaltung sowie geistliche, richterliche, auch laienrichterliche Aemter müssen, wie bisher, dem Manne belassen werden”. Während selbst in diesen knappen Zitaten noch Worte und Wendungen gebraucht sind, die, wie gesagt, unserer Denk-1age nicht entsprechen, und die wir demnach nicht gebrauchen würden, springt ein Satz in flotter, treffsicherer und instinktfester Ursprünglichkeit heraus: “Eine Unterordnung männlicher Beamter unter weibliche Vorgesetzte muß gesetzlich ausgeschlossen werden”. Noch einige andere Dinge sollten gesetzlich ausgeschlossen werden, so z.B. die Verwaltung des geistigen Erbes von Männern durch Personen weiblichen Geschlechtes. Auch Punkt 3 des Programms erheischt (immer abgesehen von schweren Denkstil-Diskrepanzen) die Unterzeichnung. Er lautet: “Wir sind nicht dagegen, daß wissenschaftlich begabten, geistig regsamen Mädchen die Moglichkeit gegeben wird, eine höhere wissenschaftliche Bildung zu erlangen. Aber wir verwerfen unbedingt die Gemeinschaftserziehung (Koedukation), gegen die sehr gewichtige pädagogische, ethische und nationale Bedenken (Denkstil-Diskrepanz! H. B.) sprechen. Ferner wünschen wir, daß den Frauen nur solche Studienzweige eröffnet werden, in denen sie ihre Eigenart mit Erfolg zur Geltung bringen können. (Diese Einschränkung machen wir nicht. H. B.) Für weibliche Studenten sind daher besondere Hochschulen zu gründen. Sobald diese ins Leben getreten sind, müssen die übrigen Universitäten und die technischen Hochschulen der männlichen Jugend vorbehalten werden, und die Frauen dürfen an ihnen nur als Hörerinnen zugelassen werden.” (Sprachstil-Diskrepanz! H. B.)

Wir kommentieren hier nur: eine rein technische Zusammenbelehrung von Knaben und Mädchen aus Gründen der Zeitersparnis in untergeordneten Dingen, ist nicht zu verwerfen, auch vor einer gemeinschaftlichen Belehrung in medizinischen und sexuologischen Angelegenheiten schrecken wir keineswegs zurück; wenn man aber unter Erziehung die Hinwendung zum höchsten geistigen Berufe der Menschheit verstehen will, so wie sie in den Philosophenschulen des Altertums und der leider schnell feminisierten Freien Schulgemeinde sich darstellt, so ist Koedukation allerdings völlig zu verwerfen. Das gleiche gilt von den Universitäten, deren Feminisierung nur ein Symptom mehr für ihre Verkommenheit ist. Frauen gehören in Frauenschulen

Sind in dem bisher Genannten, zum mindesten in den Resultaten, einige Uebereinstimmungen gefunden worden, so klafft in dem Folgenden ein gähnender Zwiespalt, der nicht zu überbrücken ist. Es handelt sich dort um die berühmte Frage Ehe “gegen” freie Liebe. Es ist selbstverständlich, daß ein bürgerlich orientierter Bund sich aufs heftigste gegen alles wehrt, was die Ehe vorgeblich untergraben könnte. Grade so, wie die bürgerlichen Parteien in der Politik, je konservativer sie sind, umso leichter dazu neigen, abweichende Meinungen über das Wesen der Gesellschaft – auch wenn diese erheblich staatsgläubiger sind, als sie – als staatsuntergrabend darzustellen. Die Ehe kann nicht untergraben werden. Selbst wenn man sie gesetzlich aufhöbe, würde sie weiter bestehen. Die Ehe ist das Resultat einer ganz besonderen Gattenwahl des Mannes; wir wissen seit Freud, daß der Mann die Tendenz hat, seine Gattin nach dem Urbilde der ersten geliebten Person der Kindheit zu wählen – und zwar meistens der Mutter – , was ein unbewußter Mechanismus ist. Solange also männliche Kinder von Müttern betreut werden, solange werden jene charakteristischen und auch im Liebesverhalten durchaus gesonderten Verhältnisse eingegangen werden, die wir Ehe nennen. Ferner wissen wir seit Wilhelm Fließ, daß die Zahl der Totgeburten in den Ehen sich zu den Totgeburten der unehelichen Bündnisse konstant wie 23 zu 28 verhält. Da dieses Zahlenverhältnis aber nicht hier allein vorkommt, sondern allenthalben in der Natur nachweisbar ist, kann die Ehe kein willkürlich gesetztes Gebilde sein, sondern muß aus der Natur stammen. Sie bedarf also nicht der Schildwacht redlicher Bürger, und für sie einzutreten, besagt so viel, wie für den Mond einzutreten. Aber im Grunde kämpft der Deutsche Bund gegen die Frauenemanzipation, ja auch nicht für die Ehe, sondern gegen die freie Liebe

Wir glauben in Sachen des sogenannten Fortschrittes skeptisch genug zu sein, aber es gibt Dinge, die man heute nun einmal nicht mehr tun und denken darf, und zu diesen gehört die Verpönung abweichender Liebesarten. Der Bund bekämpft die “Auswüchse der Mutterschutzbewegung”, die “übertriebene Erweiterung der Rechte unehelicher Mütter”. Man muß hier die Frage stellen: wie weit gehen denn eigentlich die Forderungen, die von Seiten der Mutterschutzbewegung gestellt werden? Gingen sie etwa so weit, daß sie für die unehelichen Mütter und Kinder mehr Rechte verlangten, als für die ehelichen? Dann wäre die Frage nach “Uebertreibung” gegeben. Aber die Maximalforderung – die wir völlig und ohne jede Einschränkung unterzeichnen – ist ja nur: Gleichberechtigung im öffentlichen Recht und gleiche gesellschaftliche Behandlung, gleiche ethische Bewertung. Stellt man sich nicht auf diesen Standpunkt, so setzt man sich der Gewissensfrage aus: mit welchem Recht darf ein Kind, das für seine Geburt nichts kann, schlechter behandelt werden, als ein anderes? Mit welchem Recht darf man ihm sein Leben lang einen Makel anhängen, für den es nicht im mindesten verantwortlich ist? Mit welchem Recht dürfen uneheliche Wöchnerinnen schlechter und liebloser behandelt werden, als eheliche? Welches Recht steht den Bürgerlichen zu, die Not jener Mädchen durch ihre Mißachtung aufreibender und verzehrender zu machen? – Daß es hierfür keinen diskutierbaren Grund mehr gibt, wissen wir. Aber man darf wieder einmal die Frage stellen: woher es kommt, daß die bürgerlichen Vorurteile, wonach die Ehe heiliger und höher sei, als die freie Liebe, sich so zähe festhalten…?

Ich möchte die Lösung im Voraus geben: es ist das “Werk” des bisherigen Weibes. Es ist nämlich für ein Mädchen lediglich eine Angelegenheit des Glücks, wenn es geheiratet wird, die Gattenwahl ist ein selbständiger Akt des Mannes, an dem die Frau nicht teil hat; sie wird Ehegattin, weil sie zufällig einem Manne begegnet, dessen Mutter oder Schwester sie in gewissen, ihr selbst unbekannten und unkorrigierbaren Zügen gleicht. Kein Schmuck, keine Schönheit, von “Geist” ganz zu schweigen, kann ihr diese Eigenschaft ersetzen, und die erstaunte Frage: warum bekommt dieses Mädchen, das doch alle diese Vorzüge hat, keinen Mann, dagegen jenes andere, das so kümmerlich und bescheiden ist… ? löst sich durch die Kenntnis des unbewußten Mechanismus der Gattenwahl auf. Nun ist es die schlimmste und verwerflichste Herzlosigkeit des bisherigen Weibes, diese reine Glückssache, – die sie auch selbst als solche ganz richtig empfindet – sich als Tugend auszulegen, und dies die anderen Frauen, die “nur” zur freien Liebe kommen, fühlen zu lassen. Sie ist das “sittliche” Weib und jene das verworfene. Die liberalisierenden Milderungen der Moderne, die “gemäßigte” Mutterschutzbewegung ändert an diesem moralischen Fehlurteil nichts. Es bleibt dabei, daß die bürgerliche Ehefrau sich erlogene Verdienste in die Tasche steckt auf Kosten ihrer Mitfrauen.

Wenn demnach der Deutsche Bund gegen die Frauenemanzipation mit schlechtverstecktem Mißmut die Liebeserfolge der freiliebenden Frauen endgiltig niederhalten will, so ist dies nichts weiter, als schlimmste Gynäkokratie. Und wenn dies gar, wie es tatsächlich der Fall ist, durch den Mund von Frauen geschieht, so steigt die Bedenklichkeit dieses Verfahrens ins Groteske. Unter dem idyllischen Bilde des Familienlebens, das vorgeblich des Schutzes bedarf, betreiben herzlose Frauen ihre Propaganda gegen das eigene Geschlecht. Man sieht an diesem Beispiel wieder einmal, daß die Inanspruchnahme des Allerwelt-Klebstoffes “Gemüt” und die Verherrlichung des bürgerlichen Gartenlaubendaseins nicht ausreicht, um die Besitzer vor unverfälschten Gefühlsroheiten zu schützen, – die noch dazu von den vorgeblichen Beschützerinnen des Gemütes gegenüber dem Verstande herkommen.-

Wir meinen, daß die geistige Lösung des Problems freie Liebe – Ehe dem Fortschritt bisher noch nirgends gelungen ist. Es gehört mehr dazu, als für die Freiheit zu schwärmen, um Gesetzgeber in oberster Instanz zu sein. Wir meinen aber, daß der Fortschritt hier mehr Recht hat, als die konservative Gesinnung. Wir meinen nämlich so: es ist für das Wesen der Liebe völlig gleichgiltig, in welcher sexuellen Form sie sich äußert. Die Gesamtheit aller in das Sexualgebiet gehörender Betätigungsformen von den zartesten bis zu den gröbsten, sind nur die psychologischen oder physiologischen Ausdrücke der Liebe und erschöpfen sie selbst keineswegs. Liebe ist ein durchaus selbständiger Akt von einem Menschen zum andern. Wenn ein Mensch einen andern liebt, so reißt er ihn aus allen Beziehungen zu irgend welchen sonst vorhandenen Werten heraus, und bejaht ihn abgesehen davon in vollkommener Selbstherrlichkeit. Dies ist das eigentlich große und menschliche Wesen der Liebe, die mit keiner Tierverkuppelung verglichen werden kann. Es ist ein grandioser Akt, antinomisch bis zum Exzeß und unbegründbar wie alles wahrhaft Große. Der Mensch, welcher liebt, handelt nicht mehr als psychologisches Geschöpf im Rahmen der Reize, sondern autonom nach dem Gesetz des Eros. Man kann die Liebe verwerfen – Anlaß genug gibt ihre Struktur dazu – dann aber muß man es in jeder Form tun und darf keine Rücksicht auf das Aussterben der Menschheit nehmen; bejaht man sie aber, dann gibt es wiederum kein Feilschen und Handeln mit bürgerlichen Scheinwerten, sondern die einzige Einstellung zu ihr ist die Forderung ihrer Unantastbarkeit.

Dies wahrlich nicht um der Brünste willen. Denn ob uns gleich die Kokotte mehr Hoffnung, mehr Schönheit und Menschentum enthält, als die bürgerliche Jungfer, so verschwenden wir doch keine Zeile und keine Tat um Brunstbefreiung. Es gilt weit mehr. Und ob in jenem neuen Gelten nicht viel härtere Gesetze wirken, mehr Zucht und Beherrschtheit, das kann heute noch niemand wissen.

Hans Blüher
Ulrich von Wilamowitz und der deutsche Geist 1871/1915

(erschienen 1916 im Verlag Hans Blüher, Berlin Tempelhof)

Und da er nunmehr sah den Engel wartend stehen an

des Tales Mark, da kam ein Geist der Klugheit über ihn, und

heimlich schlich er aus dem Haus und duckte sich und eilte

auf verstecktem Pfad, bis daß er war gekommen vor des

Engels Antlitz;

Und allda fiel er auf die Knie und betete und sprach

mit demutsvollem Herzen:

“Mein Herr, mein Gott! im Irrtum wandelt’ ich bis jetzt,

gefangen durch des ältern Bruders Wort und Beispiel;

Doch nun so ist nach Wahrheit mein Begehr, und siehe

meine Seele liegt in Deiner Hand, und so es Dir gefällt, so

gib mir ein Gewissen, das mich lehre “Heit” und “Keit” und

jegliches gerechte Wesen.”

Und also sprechend überreichte er ihm ein Kästchen

reich geschmückt mit Gold und köstlichen Gesteinen.

Und mit geneigtem Willen hörete der Engel sein Gebet

und nahm das Opfer an und tat nach seinem Wunsch und

schenkt’ ihm ein Gewissen gnädiger Gewährung;

Und über dem da machte er sich auf und war ver-

schwunden in des Tales Falten.

(Spitteler: Prometheus und Epimetheus.)

Gibt es Zufälligkeiten im Ablaufe eines Charakters…?

Gibt es “Jugendsünden”, von denen man sagen kann: “Dies war nicht meine Tat!”, oder muß man sagen: “Hier hat sich mein Wesen verraten, und dieses Wesen bin ich selbst mit braunem oder weißem Haar”?

Ulrich von Wilamowitz hat sich selbst verraten: zwei, drei oder vier Symptomhandlungen seines Charakters kennen wir heute. Gehen wir seinen Wegen nach, und wir werden seinen Fall verstehen. – Auch “Fall” ist ein zwiespältiges Wort. Verstehen wir darunter einmal genau das Gegenteil von dem, was man sonst mit diesem Worte meint: den Aufstieg. Ich meine also jene feineren Fälle von “Fall”, bei denen Ruhm auf Ruhm die gierige Stirne kränzt. Jenes Fallen durch Berühmtheit, jene Glorie, die den Rühmer nicht taxiert, und die nicht fragt, w o h e r die Woge schwillt. –

Es ist jetzt Zeit, vom deutschen Geist zu reden. Und auch für uns wird es Zeit, die wir den Krieg bisher fast schweigend erlebten. – Ob es so etwas gibt, wie prachtvolle Zerrüttungen eines ganzen Volkes, die in ihrem Höhepunkt – plötzlich gebären? Wenn es das gibt, dann kann man vermuten, daß das Geborene v o r h e r unbekannt ist, und daß Besprechungen, Beschwörungen, Zauberformeln und Gebete keinen Einfluß auf seine Artung haben. Dies ist der Grund unseres Schweigens über deutsches Wesen.

Noch wissen wir nichts über 1915, aber schon wissen wir etwas über 1871. Es muß zugegeben werden, daß der gesamte Inhalt dessen, was zur Zeit des vorigen Krieges an öffentlichem Geistesleben geschah, belanglos gewesen ist. Man wußte damals so schlecht, wie man heute weiß, wo die geladene Wolke hing, die auf einmal blitzt. Gibt es aber heute noch ernste Zweifel daran, daß diese Wolke, die “unter den Donnern der Schlacht von Wörth” ihr erstes Funkensprühen bekam, F r i e d r i c h N i e t z s c h e war? Unaufhörlich hat sie sich seitdem fast zwanzig Jahre weiter entladen; die deutsche Sprache ward ins Tiefste aufgewühlt, holte alles heraus, was sie hergeben konnte, so daß sie mit dem großen Meister, der sie zwang, fast selbst zusammenbrach. Und welcher kluge Mann hat das v o r h e r, ja auch nur gleichzeitig, gewußt?

Nietzsches erstes Buch erschien. “Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik. Oder: Griechentum und Pessimismus”.

Es war etwas geschehen, was niemand ahnte: ein überlegener Mann deutscher Herkunft und Sprache hatte wieder einmal das große Schicksal erlitten: er war auf die Griechen gestoßen, und auf einmal wurde sein Wesen aufgerührt. Durch einen unbegreiflichen Gattungsprozeß, der Deutsches und Hellenisches im Überschwang zusammenschweißt, war eine neue Lebenshaltung entstanden; unter fortwährender Todesgefahr für den, der sie zum ersten Mal verkündete. Eine Natur mit üppigem Reichtum ist es gewesen, wie Alle, die in diese verfängliche Lage gerieten, und sich nur dadurch retten konnten, das sie Werke schufen.

Das Thema der Geburt der Tragödie ist bekannt: zwei Kunsttriebe sind es, die im Menschen, am stärksten bisher im hellenischen Menschen, ununterbrochen zur Geltung drängen: der apollinische und der dionysische. Der apollinische schafft, der Traumsituation angepaßt, die epische Welt und die der Plastik, jene ruhige Haltung des Lebendigen, die uns bisher am griechischen Wesen allein geläufig war. Der dionysische aber schafft gemäß der Rauschsituation; er ist der gefährliche, menschenzerbrechende Kunsttrieb, der, ganze Schwärme zum Taumel hinreißend, aus der letzten Urlust des Menschen am Dasein entspringt. Die wilde Flötenmusik ist sein unmittelbarster Ausdruck. Die griechische Kultur ist, so meint Nietzsche, dauernd bedrängt gewesen von jenem furchtbaren Ansturm der dionysischen Schwärmerei, die vor nichts Halt macht, und der griechische Mensch hat die ganze Macht seiner apollinischen Möglichkeiten aufraffen müssen, um diesem ewigen Anprall seines eignen Wesens gewachsen zu sein. In e i n e m Kunstwerk aber, das die Griechen mit religiöser Inbrunst gepflegt haben, sind die beiden Grundtriebe zur Ruhe gekommen: in der älteren Tragödie des Aischylos und Sophoklos. In ihr feierte der Lebenstrieb seine höchste Bejahung, grade w e i 1 in ihr das Wertvollste, was es gibt, der Held, vernichtet wird. Die Tragödie ist die härteste Probe auf den letzten Daseinswillen und die geglückte Überwindung des hellenischen Pessimismus.

Jedermann weiß, daß in diesem ersten Buche Nietzsches der ganze spätere Nietzsche enthalten ist: die Dionysos-Mythe blieb bei ihm bis zu jenem Tage in Turin, an dem er sich selbst für Dionysos hielt; der Übermensch, der Immoralist, die Höherführung der Gattung Mensch, das ganze Zarathustra-Thema keimt ihr auf, und vor allem: jene folgenschwere – heute erst zur Wirkung kommende – Verdächtigung des Typus Sokrates und des alexandrinischen Menschen.

Dies alles geschah 1871. Aber es geschah noch mehr. Ein junger Dr. phil. namens Ulrich von Wilamowitz-Möllendorff schrieb eine Broschüre dagegen, die den Titel “Zukunftsphilologie!” führte. – Wir wollen gleich sagen, worauf es uns wesentlich ankommt, und worauf nicht. Nicht kommt es uns darauf an, daß Wilamowitz gegen die guten Sitten verstieß, indem er Seite um Seite sich arger Schimpfereien befliß (…vielleicht schon mehr darauf, daß dies keine Schimpfgeburten waren, wie sie Schopenhauer und Shakespeare in zeugerischem Überschwang gerieten, sondern ganz gewöhnliche Schulmeister-Invektiven); wenig kommt es uns darauf an, daß er Nietzsche Mangel an Wahrheitsliebe vorwirft, auch darauf nicht, daß er ihn auffordert, vom Ka-theder der klassischen Philologie berunterzusteigen, daß er damals noch nicht bestiegen hatte. Sondern darauf kommt es an: daß er von Nietzsche sagt, er habe sich geirrt, er kenne die Griechen nicht, und daß er dies für einen Einwand gegen – Nietzsche hält. Hier steckt unser Problem!

Gibt es überhaupt psychologische Notwendigkeiten, so ist dieses eine: wenn irgend ein Großer unter stärksten Entladungen seines schöpferischen Gemütes auf die Griechen stößt – oder auf sonst etwas ihm Gleiches – so sind die Griechen immer Zeugungsmittel. Und es kann nicht anders sein: wenn der schöpferische Mann über dieses Mittel urteilt, so m u ß er sich irren. Es kann kein Zweifel bestehen, daß Winckelmann, Schiller und Goethe, die den Deutschen vor Nietzsche als Interpreten der Griechen galten, sich über deren empirische Realität ebenso geirrt haben, wie dies Nietzsche tat. Der schöpferische Mann hat die Wahrheit nicht nötig. Und man könnte sehr wohl die Vollkommenheit unserer klassischen Philologie danach bemessen, wieweit sie beweisen kann, daß die schöpferischen Männer – sich geirrt haben. Altertumswissenschaft ist nichts anderes als Rückgängigmachung der Irrtümer großer Männer; denn gäbe es keine großen Männer, die sich an den Griechen entzündeten, so kümmerte sich kein Mensch im Volk um sie. Erst nachdem dies doch geschieht, nachdem die Schöpferischen ihre Entdeckung kundgetan, kann Altertumswissenschaft einsetzen und alles besser wissen. Denn Wissenschaft wird bekanntlich niemals selber von schöpferischen Lüsten beschwert.

Wenn also in unseren Gymnasien die Griechen gesehen und gelehrt werden, wie sie G o e t h e sah, so hat das überhaupt nur solange erzieherischen Wert – als es im Widerspruch zu den “Ergebnissen” der klassischen Philologie steht. Sowie alles “richtig” gesehen wird, ist der Zweck verfehlt. Nur Entzündungsstoffe sind pädagogische Stoffe, und wenn sie so weit verwässert sind, daß fremdes Feuer keine Explosionen mehr bewirkt, so soll man sie fortwerfen. Philologie als “Wille zur Wahrheit” ist demnach Befeindung der griechischen Zeugungskraft. Klassische Philologen sind für jene Befruchtung der Völker höchst überflüssige Menschen und sollten als Erzieher überhaupt ignoriert werden. – Und in der Tat s i n d sie es auch! Durch eine heimlich-offne Übereinkunft richtet man sich ja garnicht nach ihnen; es ist völlig gleichgiltig, was sie sagen, ihre Werke sind im deutschen Erziehungsplane fast Makulatur. Es ist gewiß ganz neckisch, hin und wieder einmal nachzusehen, wie die “neuere Forschung” über die Homer-Frage denkt, aber, da man weiß, daß in der Philologie die “feststehenden Ansichten” nicht weniger schwanken, wie in jeder anderen Wissenschaft auch, so ist der Belang solcher Orientierungen nicht groß. Es kommt auf die geheiligten Irrtümer der Großen an, nicht auf die Wahrheiten der kleinen Leute. Denn es i s t doch so: wir fragen wohl und wichtig danach, wie Goethe, Schiller, Winckelmann und Nietzsche die Griechen gesehen haben, aber wir fragen nicht im Traume danach, wie sie Wolf, Herrmann und Lachmann sahen. Und wenn ein klassischer Philologe Oberlehrer wird, so ist das Erste und Wichtigste, was er tut, die gesamte Textkritik zu vergessen und zu den falschen Übersetzungen Schillers und Höl-derlins zurückzukehren.

Aber wir wollten von Herrn von Wilamowitz reden. Wir haben festgestellt, daß die Wissenschaft gegenüber den Fragestellungen Nietzsches n i c h t s bedeutet; wir werden feststellen, daß sie für Wilamowitz a 1 1 e s bedeutet, und warum das so ist. Wir haben dabei Nietzsche als Entdecker so schlecht wie möglich taxiert. Aber wir wissen im Stillen: schließlich verstand er von den Griechen doch mehr, als Herr von Wilamowitz. Sie standen sich besser. Der König Skyles mußte bekanntlich die Hellenen wegen ihrer “unvernünftigen Bacchoswut” verteidigen und zwar gegen – Skythen! Da nützt kein Nörgeln und Moralisieren: das ist sogar w a h r. Die Griechen waren die Rasenden, Schwärmenden, Sinnlosen und die Skythen die Sittsamen. Das steht deutlich zu lesen bei Herodot im Buch Melpomene Kap. 79. – Niemand wird behaupten, daß Wilamowitz zu vertrocknet war, um Nietzsche zu verstehen, niemand behauptet, daß er ein öder Gelehrter sei; wer dies sagte, täte ihm bitter Unrecht und machte sich die Sache zu leicht. Nein, Wilamowitz ist kein Stubengelehrter: es steht viel schlimmer um ihn! Das, was seine Wirkung ausmacht, die Lebhaftigkeit seines Wesens, die er sich noch als Greis bewahrt hat, ist zu deuten als das Rudiment eines größeren Lebenszustandes, der in seiner Jugend gelegen hat. Auch er ist von den Griechen in so großer Art erregt gewesen, wie Nietzsche, auch für ihn sind sie gefährlich gewesen. Und für welchen Jüngling besserer Art sind sie es nicht… ?

Nun aber klafft der Pfad des Herakles. E n t w e d e r Ja sagen zur eignen Seele und durchhalten zur eignen Schöpfung; aushalten den Ansturm der zersprengenden Befruchtung, um vielleicht wirklich zu zerspringen, o d e r :….?

E n t w e d e r : Willig auf sich nehmen Verbannung und Einsamkeit, heldenhaft leben hart am Existenzminimum mit eisernem Willen zum eignen Werk, das notwendig verflucht sein muß bei allen sofortigen Zeitgenossen, – o d e r: …?

E n t w e d e r : Heilighalten jenen sphinxhaften Zeugungsakt deutschen und hellenischen Wesens, Mut haben zu allen Irrtümern und Paradoxien, die ihn begleiten; oder: man hält es mit der “Wissenschaft”.

Als Nietzsche 1886 jene berühmten Vorworte zu seinen früheren Werken schrieb, da schrieb er auch jenen damals unerhörten, heute gar sehr erhörten Satz von der Wissenschaft als einer “feinen Notwehr gegen – die W a h r h e i t”.

Die Wahrheit, die Nietzsche dort meinte, war die pessimistische Erkenntnis. Die Wahrheit, die h i e r gemeint wird, lautet: es gibt große Männer und mäßige und kleine; wer nicht das Zeug hat, ein großer zu sein, der hat allein Sinn und Wert in der Gefolgschaft der Großen. – Zur Größe hatte Wilamowitz nicht das Zeug, das wissen wir; denn sonst wäre er den a n -d e r n Weg gegangen. – – – Wo aber traf je dieser verfängliche Satz Nietzsches besser zu, als bei ihm: mit welchem Mittel kann man sich besser die aufregenden Mächte vom Leibe halten, als dadurch, daß man – nach der “Wahrheit” forscht? Wie der Verführung zur Größe besser entgehen . . ? Wenn der hellenische Menschentyp beunruhigt und mit der Zersprengung droht: welches Mittel ist wohl besser geeignet, sich Ruhe zu verschaffen, als dieses, daß man ihn – “erkennt”!

Und zwar o b j e k t i v erkennt!

Objektiv aber heißt: unter A u s s c h a l t u n g des eignen Gemütes. Hätte Nietzsche nicht grade d a s in die Griechen hineingedeutet, sondern immer wieder sich selber zugerufen: “Du irrst dich ja! Es ist ja Unsinn, was du denkst! Du bist ein Romantiker und Träumer, pfui! wie kann man so unvernünftig sein . . !” – wäre er nicht auch vernünftig geworden und Professor geblieben, statt wahnsinnig und Heros…?

Wissenschaft ist ein Mittel gegen die Wahrheit. Wer Wissenschaft betreibt und nicht von ihr loskann, von dem kann man immer sagen, daß er sich vor einer anderen Erkenntnis wehrt. Die “voraussetzungslose Wissenschaft” hat immer die eine Voraussetzung: daß ihre Gläubiger an einem andern Ende glatt belogen werden. Der gelehrte Menschentypus hat ja auch, zum Ersatz für den wohlgefühlten Mangel, eine Heldengeste für sich erfunden: die von der Sisyphusarbeit. Er klagt in gut gewählten Abständen seinen Hörern vor, daß alles Streben nach Erkenntnis imgrunde doch vergeblich sei, daß aber Er trotz allem treu und standhaft am Werke bleibe. Das ist die Psychologie der sogenannten “Geistesheroen”. Doch immerhin – muß man sagen – : für die äußerste Not hat die bürgerliche Gesellschaft beim Geistesheros gesorgt; schließlich kann er leben, gut leben, ist pensionsberechtigt, ist immer des Zurufs der Menge gewiß und sinkt schließlich belobt und gepriesen unter Hekatomben von Kränzen ins Grab. Denn ehe er Geistesheros wurde, hat er etwas getan, was ihn für immer band: er hat einen Pakt geschlossen mit den gerade gegenwärtigen Geschätztheiten. Im Falle Griechentum geschieht das immer so, daß der betroffene Geistesheros den Eid auf die christliche Gesinnung leisten muß, und damit übernimmt er die stillschweigende Verpflichtung (es ist übrigens alles entweder “stillschweigend” oder “rein formale Angelegenheit”), den Inhalt des griechischen Wesens stets nur soweit zu enthüllen, daß das “Heit” und “Keit” des gegenwärtigen Bürgertums nicht in Zweifel gezogen wird. Die Anpassung des Griechentums an die bürgerliche Wohnstube und das protestantische Pfarrhaus ist Grundbedingung für die Existenz eines öffentlichen Geistesheros. Die Griechen mögen noch so mächtig mit ihrem Wesen mahnen und Fra-gezeichen auf Fragezeichen zu den Stillen im Lande schleudern: sie werden immer wie “ewige Kinder” behandelt, (die also nicht ernst zu nehmen sind!) die “harmlos und ahnungslos” sich des schönen Lichtes freuen. (Wilamowitz). Wenn nun diese Anpassung an irgend einer Stelle durchaus nicht möglich ist (wir werden noch auf eine solche stoßen), wenn das griechische Wesen gar zu abscheulich wirkt, andrerseits aber die bedauerliche Tatsache doch nun einmal nicht geleugnet werden kann, so übernimmt der angehende Geistesheros wiederum die stillschweigende Verpflichtung, “streng objektiv” zu bleiben und sich ja nicht selbst in den Strudel antiker Aufrührigkeiten hinreißen zu lassen.

Der Gehalt eines Mannes hört auf, wenn das Gehalt beginnt. Dieser Satz wird solange gelten, bis jenes Staatstum und jene Hochschule Wirklichkeit geworden sind, die F i c h t e vor hundert Jahren in Berlin verkündete. – Damit enthüllt sich uns die Quelle jener Leidenschaft, mit der sich Wilamowitz auf Nietzsche warf; dieser rührte in seinem prachtbeschwerten Buche nichts anderes in ihm auf, als jenen letzten und tiefsten Gehalt des Mannes. Unmöglich ist es dieses Buch zu lesen, und nicht aufzurauschen. Hier kündet sich das Genie in jeder Zelle an. Eine der besten Stellen aus der Geburt der Tragödie zitiert Wilamowitz gleich am Anfang, und die ersten Worte, die er selber schreibt lauten: “Dies zur probe und zum vorschmack von ton und tendenz des buches; wohl dürfte beides sich selbst richten”. Und das sollte k e i n e Abwehrmaßregel sein gegen sich, gegen sein Bestes, das mit Aufruhr drohte? Denn: es kommen Worte in der Geburt der Tragödie vor, die unerträglich und verboten sind für alle Naturen, die sich der bürgerlichen Lebenshaltung schon anverlobt haben. Man denke an die Deutung des Satyr, an das Fragezeichen hinter dem g u t e n Menschen und an jenen Abgrund, der hinter den Worten von den “eigentlichen Urscenen der Menschheitsanfänge” klafft. Das verträgt kein wohlversorgtes Gemüt.

– – Wir pflegen bei einer Hysterika von der Stärke ihrer Prüderie auf die Stärke ihrer verdrängten Sexualität zu schließen. Schließen wir hier einmal von der Stärke der Wut auf die Stärke der heimlichen Liebe zu dem, was bekämpft wird. Die Erscheinung Nietzsches muß auf das Höchste peinlich bei Wilamowitz gewirkt haben, denn ein Mann wie er steckte auch in ihm: freilich in einem anderen Zustande, als dort. Indem Wilamowitz gegen Nietzsche kämpft, kämpft er gegen das verdrängte Bild des überlegenen Mannes. Oder wer glaubt noch, daß es wirklich das Interesse an der mißhandelten Philologie gewesen ist? Vor über zwanzig Jahren erschien ein dickes Buch von A. F. R. K n ö t e l “Homeros, der Blinde von Chios und seine Werke”. In diesem höchst lesenswerten Bu-che wird dargetan, was abscheulich für jeden wohlgeschulten Philologen ist, nämlich: daß Homer gelebt hat, daß er Ilias und Odyssee gedichtet hat; aber noch mehr: daß er der Verfasser sämtlicher ihm zugeschriebener Dichtungen ist, der kyklischen Gesänge, Hymnen und Volkslieder; auch die Lebensgeschichte Homers wird in diesem Buche aufs genaueste erzählt. Aber niemals hat man etwas davon gehört, daß Herr von Wilamowitz eine Zukunftsphilologie dagegen geschrieben hat. Freilich nicht! Knötel ist eben garnicht aufrührend und kämpft nur mit wundervoller Frische gegen die Philologie. Also gar kein Grund, sich dagegen zu wehren. Nur den Kampf gegen den überlegenen Mann, der mit großer Geste und schöpferischer Sprache auftritt, ist Wilamowitz zu Blut und Instinkt geworden. Darum schreibt er auch am Schlusse seiner Zukunftsphilologie: “sammle er tiger und panther zu seinen knieen, aber nicht Deutschlands philologische jugend, die in der askese selbstverleugnender arbeit lernen soll, überrall allein die wahrheit zu suchen.”

Wir aber wollen, daß die Askese solcher Selbst-Verleugner nicht noch eine Generation lang auf die deutsche Jugend losgelassen wird. –

II.

Wir kommen zu der zweiten Untat des Herrn von Wilamowitz: zu seiner Attacke auf die griechische Tragödie.

Es ist längst kein Zweifel mehr, daß die eigentlich Gebildeten Deutschlands diesem Werke gegenüber die Haltung haben, die man allein haben kann: die der Geringschätzung. Aber an-drerseits steht fest, daß Herr von Wilamowitz bei der gemäßigten Bildung besserer Art, und vor allem bei denen, die ihre Bildung durch eigne Kenntnis der griechischen Sprache nicht korrigieren können, geradezu als d e r Interpret und Erbwalter der hellenischen Kultur gilt. Es lohnt sich daher immerhin, auch dort den Wahn zu zerstören; umso mehr, als man weiß, welche Wirkung er auf die studierende Jugend hat.

Ich kann mich aber hier auf einen Anderen berufen, der diese wichtige Säuberung bereits vorgenommen hat: auf Kurt Hildebrandt. Sein groß angelegter Feldzug, der in dem Aufsatz “Hellas und Wilamowitz” unternommen wird, steht leider an einer Stelle, die den Meisten verborgen bleibt, im “Jahrbuch für die Geistige Bewegung” 1910. Er ist aber wert in hunderttausenden von Exemplaren an die deutschen Studenten zu gelangen, damit das Unheil, das von Wilamowitz her ihrem jugendlichen Wesen droht, gebrochen wird. Mögen diese Zellen dann wenigstens sein Verkünder werden.

Es soll, was sich von selber versteht, Herrn von Wilamowitz alles zugesprochen werden, was er in der Tat als das Seine beanspruchen kann. Dieser Meister in der griechischen Tatbestandserhebung ist ohne Zweifel Der unter den heute lebenden Deutschen, der die Dunkelheit der Tragiker-Texte philologisch am besten zu bewältigen vermag. Aber gesetzt den Fall, die philologische Angelegenheit wäre geordnet, der Text stünde zweifellos fest: so würde er vom Verständnis der Dunkelheit, die j e t z t noch darin wäre, auf das weiteste absein. Wilamowitz versteht nicht, warum die Sprache bestimmter großer Dichter dunkel sein muß, und damit ist gesagt, daß ihm das Wesen des dichterischen Menschen überhaupt verschlossen bleibt. Wilamowitz weiß, daß die tragischen Dichter – im Gegensatz zu den epischen – den Griechen dunkel erschienen, und er hat, wie in der Einleitung zur Übersetzung der Orestie zu lesen ist, die Absicht gehabt, sie mindestens so leicht verständlich zu machen, wie sie den Athenern ihrer Zeit waren, “womöglich noch leichter”. Das klingt volkstümlich, demokratisch, liberal, wohlmeinend und aufgeklärt, – nach welchen Dingen er überhaupt gerne einmal hascht – ist aber eine unbekümmerte Ermeuchelung der Tragödie. Denn das Dunkle der tragischen Sprache hat seinen zureichenden Grund nicht in einem Belieben des Dichters, das durch ein neues Belieben des Übersetzers aufgehoben werden könnte; keine psychologische Zufälligkeit und keine bloße Grille erzwangen jenen strengen Bau: sondern die Wucht des tragischen Themas selber und sein religiöser Untergrund sind schuld daran. Der tragische Dichter singt das Lied vom Großen Menschen (nicht vom “guten”, wie Nietzsche richtig deutete) und seinem Untergang, und richtet an den Zuhörer die Frage: wie man das Leben das solche Dinge bringt, aushalten könne. Der Wert des Lebens steht auf dem Spiel-Plan. Um diesem religiösen Thema mit künstlerischen Mitteln nahezukommen, ist es unmöglich, die millionenfach befleckte Sprache des gewöhnlichen Menschen zu verwenden, sondern Stil und Wort müssen aus tieferer Schicht des Seelischen kommen. Dies aber geschieht allein beim echten Dichter, dessen Sprache eben dadurch jeder Willkürlichkeit entzogen ist, und der, selbst Großer Mensch, nicht dem Grade, sondern der A r t nach über dem gewöhnlichen Menschentypus steht. Beide sind sich “unverständlich”, und nur durch die Zwischenglieder erreichbar.

Und was tut Wilamowitz…? Er macht die Sprache jener Großen “verständlich”, so daß jedes Theaterpublikum sich das Wesen der griechischen Tragödie bildungsmäßig aneignen kann! Jeder Schmock kann künftig in ihr routiniert sein. Er macht die erhabene Sprache ordinär, so wie seine Sprache eben ist, er macht Witze, ist geistreich und zutunlich, merkt dabei aber nicht, daß er imgrunde frivol ist. (Fußnote: Demnächst soll, wie man zuverlässig weiß, von Herrn von Wilamowitz eine allgemeinverständliche Uebersetzung von – Stefan George herauskommen.)

Es ist ein allgemeines Kennzeichen jeder Art von Aufkläricht, daß sie dort, wo wirklich mit dem Verstande vor der Hand keine Entscheidung getroffen werden kann, und wo das Wort noch an jener schwierigen Verlötungsstelle zwischen Ding, Bild, Idee und Begriff unschlüssig tastet, mit einem resoluten Erkenntnis-Hurra über die eigentlichen Verfänglichkeiten hinwegspringen; – wo aber alles klipp und klar ist, wo es garnichts mehr zu mystifizieren gibt, da sind sie abergläubisch wie entzahnte Hökerweiber. Hierbei denkt man gern an das juristisch-politische Thema “Volksüberzeugung”, vor der jeder fortschrittliche Reaktionär seinen Kotau macht.

Herr von Wilamowitz hat aber die griechischen Tragiker nicht nur übersetzt, er hat sie auch “erklärt”. Es wäre müßig, noch einmal zu erweisen, daß ein Mann, der die Sprache Hoher Dichter mit seinem Jargon entweiht, keinen Zutritt zu ihren Werken hat. Aber wir müssen, um unseres Themas willen, noch den Finger darauf legen, daß Herr von Wilamowitz entgiltig den Armensündergeruch in die antike Welt eingeführt hat. Es ist ja eine bekannte Manier klassischer Philologen und anderer Feinde des Altertums, die Griechen protestantisch zu sehen. So, als ob sie imgrunde nichts anderes gewesen sind, als ein fast gelungener Aufschwung zum christlichen Bürger. D i e s ist die Rechtfertigung, die die Griechen durch ihre Kolporteure erfahren. Man kennt das vom Gymnasium her. Daß jene Große Zeit des Menschentumes eben ihre eigne Größe hat, zu deren Verständnis erst gelangt, wer die Ideologie des gegenwärtigen Menschen soweit abträgt, daß nur der Keim des Über-Tierischen zurückbleibt, kommt Jenen nicht ein. Kurt Hildebrandt hat in seinem Aufsatz überzeugend genug dargetan, wie Herr von Wilamowitz die Griechen herabsetzt und fälscht, indem er mit seinem protestantisch-bürgerlichen Moraldünkel an sie herantritt. Wir aber wollen hierbei noch an Anderes denken: Wilamowitz spricht in der “Zukunftsphilologie” rühmend von jener “historisch-kritischen Me-thode”, die der gerade Gegensatz zu einer Betrachtungsweise sei “welche an dogmen gebunden die bestätigung derselben allzeit finden m u ß”. (S. 8) …. Nun? Was ist denn eigentlich geschehen? Worin liegt denn der Unterschied zwischen ihm und Nietzsche? Was ist das für eine “kritische Methode”, wenn Herr von Wilamowitz mit protestantischem Wohnstubenhorizont die Griechen zu begreifen versucht und in sie hineindeutet, was eben jener Horizont an Sicht enthält…? Ist es nicht glatte Irreführung, wenn solch ein Herr große Worte von der Wissenschaft macht? –

Nietzsche, der Große Mensch, erlebte das Dionysische Phänomen und deutete es in die Griechen hinein (und natürlich auch mit Recht heraus) und Herr Ulrich von Wilamowitz, der gute Bürger, erlebte (welch originelle und machtvolle Tat…!) – – das protestantische Pfarrhaus, und tut d a s s e 1 b e. Macht Proskynesen vor der – Wissenschaft! Und – schilt N i e t z s c h e unwahrhaftig und unwissend! Incipit commoedia! –

Aber noch etwas hat Kurt Hildebrandt vergessen, was uns am Herzen liegt; er hat vergessen, das Attentat des Wilamowitz auf die Tragödie zu d e ut e n. Tun wir das. Fassen wir es auf als Symptomhandlung seines Charakters, wie wir alles auffassen, was er tut. Unwiderstehlich ist in Deutschland die Wirkung von Nietzsches Tragödien-Problem; unwiderstehlich wird die Jugend ergriffen von der Macht seiner gewaltigen Sprache. Alle großen Thesen Nietzsches (wahrlich größer, als die berühmten an der Wittenberger Schloßkirche!) gehen auf die Deutung zurück, die er für das tragische Zeitalter der Griechen aufbrachte. Da kam eine große Sehnsucht nach den alten Tragikern auf. Immer wieder drängt man zu ihnen: aber man kennt ihre Sprache nicht. Und wo man sie mühselig kennt, da prallt man zurück vor ihrer Härte und Größe und Dunkelheit. Immer wieder vergeblich rennt sich das deutsche Wesen müde daran. Und nun…? Was für ein Plan! Wie, wenn man…eine Attacke machte! Wenn man … als Universitätsprofessor mit großem Ansehen und Ruhm….wenn man – sie ü b e r s e t z t e. “Übersetzte!” Wenn man sie “verständlich” machte! Wenn man: durch eigne Interpretation dringlichster Art bewiese (man ist Universitätsprofessor und bekannt durch seine “strenge Methode”!), bewiese, daß den Griechen der Armesündergeruch genau so anhaftete, wie “uns”; wenn man endgiltig dartäte, daß an den alten Tragikern eben wirklich nicht soviel ist, wie jener Zukunftsphilologe behauptete! Wenn man Nietzsche (den Großen) aus der Tagesordnung würfe! Kurz: wenn man – die Quellen vergiftete! Wenn man … Dominikaner! Ich bewundere dich!

III

Der dritte Angriff auf den deutschen Geist, der durch Herrn von Wilamowitz geschah, traf die Jugendbewegung.

Was ist Jugendbewegung? – Iuventus mota und iuventus movens zugleich. Sie ist eine Synthese aus zwei großen Ereignissen in der männlichen Jugend, die sich im Laufe der letzten 15 Jahre abspielten: Der Wandervogel-Bewegung und der Freien Schulgemeinde. Der Wandervogel ist jene rauschartige Entladung des jugendlichen Lebens, die sich, gewöhnlich völlig verkannt, unter den nichtsahnenden Augen der älteren Generation ereignete; ein Zusammenschluß und eine Selbstbefreiung der männlichen Jugend zu ihrem eignen Leben in romantischer Form. Das andere, stillere Ereignis ist die Tat Gustav Wynekens.: die Umdenkung der Schule, die Rettung des verlorengegebenen Schul-Gedankens jenseits der liberalen Reform und ihre Verwirklichung in bisher einem Falle (Wickersdorf). Die schöpferische Synthese dieser beiden Geschehnisse: – hier Trieb dort Geist, hier Romantik dort Hoher Stil, hier Dionysos dort Apollo – hat sich noch nicht ganz vollzogen. Es blieben große Reste übrig, so z. B. die gesamte heutige Wandervogel-Organisation, die fast zur völligen Bedeutungslosigkeit herabgesunken ist. Wo sie aber aufeinandertrafen, da ging es hoch her, und da zeigte sich die schöpferische Kraft des deutschen Wesens. Es kann schon heute als Prophezeihung ausgesprochen werden: n u r die Bünde und Menschen, die in der Befruchtungszone dieser beiden Jugendbewegungs-Pole liegen, haben Zukunft und Sinn; alles andere (man denke an den “Vortrupp”) sind belanglose Dilettantis-men.

Eine der wertvollsten Geburten ist die akademische Jugendbewegung, an deren Spitze der junge E r n s t J o e l steht. Diese kämpft “für ein neues Gesicht der Hochschule”. – Welcher Art ist dieses neue Gesicht? Es trägt die prägnanten Züge des Deutschen der vorigen Jahrhundert-Wende, wie sie am deutlichsten in der Gestalt F i c h t e s erscheinen. Und welchem Gesicht tritt diese akademische Jugend entgegen? Keinem anderen, als dem empirischen Gesicht der deutschen Hochschule von heute. Die Universität ist vermarktet; sie trägt die Struktur der Anpassung an die Fordernisse des bürgerlichen Alltags. Die Vertausendfachung der Einzelbedürfnisse hat eine Verzettelung des geistigen Wesens herbeigeführt, die denen, die es ernst meinen, nicht mehr länger erträglich ist. (Eine Zwischenfrage: was hat der “Geist der Medizin” mit – Geist zu tun…?).

Ernst Joels Studententum ist getragen vom Willen zur Reinheit und Höhe der Universität; er will die stolze Gesinnung gegenüber der laschen, die aufgerichtete gegenüber der willfährigen, die adlige gegenüber der gewöhnlichen. Die Universität als höchste Manifestation des Geistigen in einem Volke, und kein Einkaufsmarkt für spätere Berufsmenschen! so lautet ihm jene Sehnsucht, für die die vorakademische Jugend das erhabene Wort Freie Schulgemeinde hat. – Solche Gedanken dürften heute zu den entschlossensten, nötigsten und am kühnsten aufbauenden gehören: sie setzen, wie jeder Aufbau, das Nein voraus. Ein Nein, das umso stärker, rücksichtsloser und höhnender gesagt werden darf, umso tatvoller und eindringlicher der Mann ist, der das Ja verkündet.

Mitten im Kriege gründete Ernst Joel eine Zeitschrift der Jugend, die den Namen “A u f b r u c h” trug. – Es war von vornherein damit zu rechnen, daß ihr Leben nicht lang sein würde, denn eine national angespannte Zeit sieht leicht im schöpferischen Nein das nihilistische. Man konnte nur schwer erwarten, daß die deutsche Zensur sich bemühen würde, tiefer zu sehen und Duldung zu gewähren; aber trotzdem wagte Ernst Joel den Wurf. “Wer j e t z t nicht den Mut hat, zu sagen, was zu sagen ist, der gehört nicht zu uns!” – Er blieb nicht bei seinem Hochschul-Thema, auch sein früheres, der akademische Siedler-Gedanke, der bei ihm durch das erste deutsche Siedlungsheim in Charlottenburg schon Tat geworden war, genügte ihm nicht: er sammelte als Mitarbeiter einen Freundeskreis, dessen geistige Einstellung weiter ging, und zum Teil über ihn hinaus. Er war wählerisch und gänzlich unbestochen durch Tagesruhm. Niemand hatte Zutritt, der gewöhnlichen Geistes war. Man merkt diese Wahl schon am Ton der ersten Hefte. Nichts Resolutes, nichts Draufgängerisches ist hier zu finden, wenn auch alles voller Entschiedenheit ist; nicht jene tölpelhafte Jugendlichkeit der Reformphilister aus dem Wandervogel-Abbruch waltet hier, die der Dinge harten Ton nicht kennt noch Wucht der Gedanken, sondern – um ein Beispiel aus hoher Kunst zu bringen – : man brach auf wie jenes Göttervolk in Spittelers Olympischen Frühling, zäh, notwendig, dunkelentwunden und unbekümmert um stürzende Götter. Der “Aufbruch” war die Unzeitgemäßige Betrachtung der deutschen Jugendbewegung.

Man hat seinen Belang wohl verstanden. Es gibt eine Art von Beifall und Erfolg, die den Wert doch beweist; langsam, stetig und mit immer dringlicherer Gebärde kamen die Leser, aufgescheucht aus jenem drückenden Gemüts-Kitsch und schwächeverkündendem Kraftmeiertum, das heute die Zeitschriften der Jugendbünde füllt. Und ohnmächtig genug klangen die Anfein-dungen jenes Flügels der Jugendbewegung, der längst die facies hippocratica im Gesichte trägt.

Wie man weiß, hat das Oberkommando in den Marken das Weitererscheinen des “Aufbruchs” nicht gestattet; er mußte daher nach den ersten vier Heften abtreten. Man hat das ohne Erbitterung getragen. Das Verhalten des Oberkommandos war, das geben die Getroffenen zu, korrekt, eindeutig, einfach, und ohne jede Chikane, ja sogar mit mancher Milde. Man hat den “Aufbruch” nicht verboten und erdrosselt. Weiterhin ist bekannt, daß Ernst Joel von der Universität Berlin vertrieben wurde, deren Rektor Herr von Wilamowitz war. Auch diese Tatsache stelle ich nur zur Kenntnisnahme hin. Man muß es der Universität Berlin überlassen, wenn sie es für richtig hält, eine der hoffnungsvollsten Erscheinungen des deutschen Studententums, ja den Typ des künftigen Studenten, von sich zu weisen und dafür gehaltlose Tagesredner zu protegieren. Ich habe in dieser Schrift nicht vor, gegen Behörden und Ämter zu kämpfen: mein Kampf gilt allein Herrn von Wilamowitz. Ich schreibe s e i n e Kakistie. Gegen die Universität Berlin und ihren Rektor bin ich an anderer Stelle unmißverständlich aufgetreten. E r s e l b e r, der einzelne Mann Wilamowitz, soll nicht sagen dürfen, daß der Charakter seines Amtes ihm bestimmte Handlungen auferlegte, darum faß ich ihn nur da, wo s e i n Charakter Taten erzwang.

Aber in Parenthese sei doch gesagt, wie wir uns das Amt eines Rektors denken: wir denken es uns als die höchste geistige Instanz eines Volkes, ihn selbst gleich einem Hohenpriester. Und der vornehmste und herzensreichste Zug seines Amtes lautet: wenn ein junger Mann, dem die geistige Berufung aus den Augen leuchtet, aus berechtigten staatlichen Gründen vorübergehend zum Schweigen verurteilt wird, so muß e r sofort mit ihm Freundschaft schließen und ihn in gütigstes Gewahrsam seiner Greisen-schaft nehmen. Erst dann ist der Jüngling vogelfrei, wenn er die Hohe Freundschaft ausschlägt. (Was aber immer noch nicht gegen den Jüngling spricht).

Ulrich von Wilamowitz, der die David Friedrich Strauß-Politik der deutschen Bildung von heute leitet, brach in krumme Feindschaft aus, als er von der Geisteshaltung Ernst Joels und des “Aufbruchs” erfuhr. Und wie sollte es auch anders sein! Denn er brauchte nur die ersten Seiten des ersten Heftes aufzuschlagen, und der peinlichste Geruch schlug ihm entgegen, der ihn treffen konnte: der Geist Fichtes! Freilich nicht in kolportierter Form, wie ihn harmlose Privatdozenten erschütterungsfrei bereden, sondern hart erlebt und entschlossen ausgerufen.

Man kann, wenn man die Urteile und Taten des Herrn von Wilamowitz gegenüber Ernst Joel und dem “Aufbruch” besieht, nichts anderes finden, als völlige Haltungslosigkeit. So vergleicht er in einem Gespräch mit einem Freistudenten den “Aufbruch” und ein gewöhnliches akademisches Blättchen von bescheidenstem Gehalt miteinander und sagt: sie seien zwar beide schlecht, aber der “Aufbruch”. sei schlechter, denn(!) er sei – revolutionär. Hier bleibt eigentlich nur Mitleid übrig. Daß ihm alle Möglichkeiten verloren gingen, Niveaus zu unterscheiden, daß er garnicht mehr fähig ist, an drei Sätzen deutscher Sprache das Überlegene und an drei anderen das Banale herauszuhören, das verbietet wohl jeden anderen Affekt. Die bisher erschienenen Hefte zeugen Jedem dafür, wie bedauernswert die Urteilslosigkeit des Herrn von Wilamowitz ist, und es kann nur als ein selbstverständlicher Ausklang hingenommen werden, wenn er soweit kommt, zu sagen: die Universität sei eine Anstalt zur Erziehung von – Beamten.

Aber es muß leider noch mehr gesagt werden, und hier ist Mitleid kaum am Platze. Für Sekunden tauchen wir wieder ins Problem des wissenschaftlichen Menschen zurück. Wilamowitz hat Nietzsche Mangel an Wahrheitsliebe vorgeworfen und verkündete das Programm der selbstverleugnenden Wissenschaft. Wenn nun die Wissenschaft bei einem Menschen, der sie treibt, den Erfolg hätte, ihm in Alltagsdingen Wahrhaftigkeit, Peniblität und Striktheit in der Aussagemethode zu verschaffen – so würde man hohe Gründe haben, die wissenschaftlichen Menschen zu begrüßen. Ihre Zunft wäre dann eine Art Kanalisationssystem für moralische Abwässer. Ein 50jähriges Forschertum könnte den Zustand völliger Lügen-Unmöglichkeit erzeugen, wenn es eben restlos wahr wäre, daß Wissenschaft auf Wahrheit geht. Aber: ist es denn so? Lügt wirklich der alexandrinische Mensch weniger, als der Bauer? oder nicht vielleicht gar – m e h r ..?! Man beantworte sich diese Frage nach eignem Ermessen. Wir haben hier nur festzustellen, daß der Alexandriner Wilamowitz es nicht verschmäht hat, durch Verdrehung von Tatsachen, die er ohne Mühe hätte prüfen können, die Aufbruchmitarbeiter herabzusetzen und politisch zu verdächtigen. Doch dies sei hier nur kurz gesagt, mehr dem Gelehrtenproblem zuliebe, als Wilamowitz zuhaß.

Doch etwas anderes steht noch aus, das wieder tiefer in seine Natur bohren wird. – Nichts hindert einen Kampf mehr, als wenn man für sich selber kämpfen muß. Wenn ich also im Folgenden meine eigne Person hineinspielen lasse, so geschieht das, weil die Sache es erfordert. Ich fühle mich wahrlich unerregt an dieser Stelle und spüre nur die Peinlichkeit des fortwährend genannten lieben Ichs. Doch um einer Sache zu dienen, muß man so weit gehen, vor eignen Vorteilen nicht zurückzuschrecken.

Die Dinge liegen so: Ernst Joels Aufruf zur neuen Hochschule ist an den M a n n gerichtet und nicht an die Frau, an den Studenten und nicht an die Studentin. Dies steht mit keinem Wort in seiner “Wartenden Hochschule”, aber es ist so. Alle großen Dinge des Geistes sind an den Mann gerichtet; als sie entstanden, kamen sie vom Manne und gingen zum Manne. Das gemischte Publikum der heutigen Universitäten mit “studierenden Frauen” als akademischen Vollbürgern ist eine Bresche ins Hohe Geisteswesen. Das europäische Frauen-Experiment mit der Gleichwertigkeits-Fiktion in Dingen des Geistes ist mißglückt. Nachdem man es mit den Frauen versucht hat, (das eben abgelaufene liberale Zeitalter des Geistes trägt diese Marke), heißt es heute: zurück zum Manne. Und zwar – für den Mann. Nur bei ihm liegt die Entscheidung, und alles, was an Geist vom Weibe kommt, ist ohne Belang. Ernst Joel ahnte das, aber er wollte mehr, und darum verbündete er sich mit mir. Mein Problem aber, an dem ich seit einem Jahrzehnt arbeite, ist die “Männliche Gesellschaft”, und diese selbst ist meine Entdeckung. Ich spreche dieses Wort ruhig aus, weil es für mich kein Pathos hat. Andere denken himmelstürmend davon, wenn jemand eine große Entdeckung gemacht hat; ich aber würde niemand zu den Meinen zählen, der mich d e s w e g e n bejahte. Entdeckungen müssen ab und zu einmal gemacht werden, aber das hat nicht viel auf sich. Es ist aber neckisch zu sehen: ich habe das Wort “Männliche Gesellschaft” einige Male gebraucht, und heute schwätzen bereits intellectuelle Pintscher beiderlei Geschlechts davon, wie als wäre es das Bekannteste von der Welt. Aber ich sage: Niemand, auch meine nächsten Freunde nicht, wissen h e u t e schon, was Männliche Gesellschaft ist. Denn ich habe es noch niemanden verraten. Ganz ist dieses Problem noch durch keinen Kopf hindurchgegangen, außer dem meinem. Wenn man die Männliche Gesellschaft konstant mit den Männerbünden verwechselt – die allbekannt sind – so ist das nicht meine Sache. Die Debatte kann erst beginnen, wenn das Werk, das die Arbeit zweier Lustren krönen soll, fertig ist.

In diesem Werk wird nichts Geringeres unternommen, als die Lösung der Frage nach der Staatsbildung der Tiergattung Mensch. Wobei es unbedingt auf Tier und unbedingt auf Mensch ankommt. Die Entscheidung wird gesucht bei der Sexualität des Mannes, aber nicht nur bei ihr, sondern bei der Tatsache Mann überhaupt; es ist daher nötig, eine ganze Andrologie aufzustellen (Zoologie, Dendrologie, Entomologie, Pomologie …. ! so etwas gibt es schon!). Man ahnt richtig, wenn man hier das mannmännliche Liebesproblem vermutet, aber man denkt falsch, wenn man meint, ich hätte wissenschaftlich-humanitäre Pläne. So ist es nicht. Vielmehr wird durch die Entdeckung der Männlichen Gesellschaft eine Mannesart, die ich den Typus inversus nenne (und wovon der echte Päderast der Antike ein m ö g 1 i c h e r Sonderfall ist), die gesamte Psychiatrie, die bisher an diesem Phänomen herumdilettierte, hinfällig gemacht und entwurzelt. – Ich wünsche mich hierüber nicht weiter zu verraten, man traut mir schließlich genug Tollkühnheit zu, um hier vor nichts zurückzuschrecken; nur die andere Seite des Problemes sei noch erwähnt: die antifeministische Tendenz. Der von mir vertretene und zuerst propagierte Antifeminismus ist wesentlich verschieden von dem der Großen: Schopenhauer, Weininger, Strindberg, und hat nichts zu tun mit dem der kleinen Leute, wie er im “Deutschen Bunde gegen die Frauenemanzipation” betrieben wird. Er stammt aus einer ganz anderen Denklage und kämpft ausschließlich gegen den Feminismus f ü r – die Frau. Doch dieses “Für” wird heute gewöhnlich noch nicht ertragen, weil es unter Bedingungen geschieht, die dem Bürger unannehmbar sind. Aber ich habe auch kein Verlangen, zu überzeugen, wo Tat und Lebenshaltung alles sind. Ich kann mich nicht mit Menschen unterhalten, die über bürgerliche und liberale, ja überhaupt soziologische Gesinnungen nicht hinauskommen. Hier kommt es nur darauf an: Niemand, der jenes Manifest: “Was ist Antifeminismus?” gelesen hat, ist sich darüber im Zweifel gewesen, daß hier entscheidende Dinge von sich reden. Die Meisten haben es herausgefühlt, daß hinter jedem Satz dieses kurzen Programms schwere Stücke eines weitgedachten Systemes stecken, das hier nur in Morsezeichen redet, und kein noch so entschiedener Gegner war sich eine Sekunde lang darüber im Zweifel, das hier völlige geistige Reinheit herrscht. – Ich sage in kurzen Worten, wie H e r r v o n W i l a m o w i t z sich dazu stellte: er erhob gegen Joel den Vorwurf, daß er im “Aufbruch” “homosexuelle Schweinereien” dulde.

Gegen den Verdacht, diese Schrift zum Abreagieren privater Affekte gegen Herrn von Wilamowitz benutzen zu wollen, bin ich gesichert. Wer uns beschimpft, kommt in die Literaturge-schichte; dieser Rache leiste ich genügend Vorschub, wenn ich jene Worte des Herrn von Wilamowitz hier veröffentliche. Auch weiß ich zu gut, welche Mittel kraftlose Menschen benutzen, um aufrührende Erkenntnisse von sich abzuhalten. Bleiben wir also bei ihm. Wir reden von dem vorgeblichen Verehrer, Erbwalter und Künder der antiken Welt. Und wer wüßte nicht, wie gut er es versteht, die griechischen Erasten-Verhältnisse zu schildern! Wie “lebendig” klingt sein Euthydem-Kolleg! Ich wette: jeder jüngling-liebende Student, der ihn reden hört, verliebt sich noch jetzt in den “kleinen Kleinias”. Aber Herr von Wilamowitz steht den Dingen bekanntlich “objektiv” gegenüber. Täuschen wir uns nicht über das “Leben”, das in ihm wohnt. Es ist nicht sein Leben. Er behandelt den Eros paidikos, der für den antiken Men-schen eine Selbstverständlichkeit war, nur soweit einigermaaßen freundlich, als nichts protestantisch-bürgerliches damit verletzt wird. Denn darauf hat er seinen Eid geleistet. Wagt jemand wirklich einmal, Ernst zu machen, und das starke Problem mit dem Griff zu packen, der ihm allein not tut, dann scheut er sich vor den gewöhnlichsten Schimpfworten nicht, um den Mahner öffentlich zu verdächtigen. Wissenschaftler mit strengen, objektiv-historischer Methode haben eben nur die Wahrheit zu suchen. Nun ist es ja eine Wahrheit, daß die Griechen den Eros paidikos im Blute hatten und es merken ließen; das sagt auch Herr von Wilamowitz. Aber es ist a u c h eine Wahrheit, daß wir ihn ebenso im Blute haben, und es uns n i c h t merken lassen. Und diese zweite Wahrheit ist eben die, gegen die man sich durch die streng objektive historisch-kritisch-selbstverleugnende Behandlung der ersten – w e h r t. Wobei wir also wieder da angekommen wären, wo unsere Betrachtung über “Wissenschaft” begann.

Ich bin k e i n Grieche (und wie könnte ein Deutscher mit seinen deutschen Determinanten auch Grieche sein wollen!) und ich belächle jene Naiven, die sich griechisch gerieren und “fühlen”, bloß weil sie Knaben lieben. Aber w e n n ich ein auferstandener Grieche wäre und ich hörte den Rhetor Wilamowitz so über die Fundamente meines Wesens reden, ich zöge es vor, mit den Fuhrknechten Deutschlands in Zeichensprache zu verkehren, als mit diesem Herrn ein griechisches Wort zu sprechen.

IV.

Ulrich von Wilamowitz und der deutsche Geist…!

– Wir haben jetzt in die Urne zu greifen, wo die weißen und die schwarzen Kugeln warten. Wir stellen fest: wo es sich um schon gebuchten Geist handelt, da ist er Meister im Weiterbuchen; ja er fängt neue Bücher an und versteht es, kokette Lebendigkeit in die Lettern zu bringen. Aber den Geist in statu nascendi befeindet er, wo er ihn trifft. Wo immer ihm ein überlegener Mann begegnete, da hat er ihm Bein gestellt. 1871 und 1915. Oder findet man es abgeschmackt, daß ich Ernst Joel mit Nietzsche in eine Ebne rücke? Ich nicht. Man kann nämlich, wenn ein junger Mann 22 Jahre alt ist, durchaus noch nicht wissen, ob er nicht doch ein Nietzsche wird. Hätte man zu Nietzsche in diesem Alter gesagt: Seien Sie nicht so hochfahrend! Sie sind kein Nietzsche!, er hätte mit gutem Grunde dagegen protestiert. Zudem: die Schuldfrage wird dadurch nicht berührt. Selbst wenn Ernst Joel mit 30 Jahren Bürokrat ist: mit 22 war noch alles bei ihm Zukunft und Versprechen. Und er ist j e t z t – unter Brüdern gerechnet – gut und gerne soviel wert, wie Schiller, als er die Räuber schrieb. Und in den Briefen an seine Freunde und Feinde verrät sich wahrlich mehr Tiefe des Wesens und hoher Gehalt der Person, als in dem gesamten schlechten Deutsch, das Herr von Wilamowitz sein Leben lang hervorgebracht hat. Wilamowitz fühlte wohl aus der Sprache, der Haltung und den Augen Joels, mit wem er es zu tun hatte: da war sein ungeheures Ressentiment getroffen und er griff zu der typischen Abwehr, die ihm schon lange Mechanismus ist. – Kann nunmehr noch der mindeste Zweifel darüber bestehen, daß Herr von Wilamowitz den Verfasser der Räuber von der Universität gejagt hätte, weil er – ein Revolutionär sei? Und den Verfasser des Werther und des Satyros beschimpft, weil er unsittliche Bücher schreibe….? Niemand zweifelt daran.

Und was den “deutschen Geist” betrifft, von dem der Rhetor Wilamowitz unablässig nicht schweigen kann, so gelte ein Gleichnis: Man hat die Träume nicht verstehen können, solange man sich an deren manifesten Inhalt hielt; was in den Träumen steht, sagt nichts über sie selbst und verführt nur zu abergläubischer Deuterei. Erst seit man auf den latenten Gehalt der Träume zurückgeht, versteht man ihre Funktion. Und so ist es auch mit dem deutschen Geist: was in irgend einem Zeitalter schon da ist, in Büchern gebucht und in Reden gefaßt, dieser manifeste Gehalt ergibt aneinandergereiht und durcheinander gemessen nichts als Wirrwarr und Widerspruch: keine Spur von Einheit. Man kann mit ihm alles und nichts beweisen. Mit dieser Streckung des deutschen Geistes beschäftigen sich die sogenannten “Intellektuellen”, als deren obersten Vertreter man Wilamowitz ohne Gefahr ansetzen kann. Was aber noch u n t e r dieser offnen Decke ruht, was noch mit der Sprache ringt, was dunkel ist, – und was Herr von Wilamowitz gar zu gern “übersetzen” möchte: das ist das Geheimnis des deutschen Geistes. Hier ruht es und hier rüstet es sich – so hoffen W i r zu großem Auf-Stand. Hier stehen die G e i s t i g e n. – Und nun, wackrer Friedrich Nikolai: grüße deinen neuesten Jünger!

Wir aber gehen den andern Weg. – Wenn irgend eine Haltung deutsch genannt werden kann, so ist es die der Gefolgschaft. Wo kündet sich jeder kommende noch unverständliche Geist? Im überlegenen Manne. Und nur dort. Und wann? Zwischen zwanzig und dreißig. Dort fällt die Entscheidung. Sursum corda! Begrüßt den überlegnen Jüngling! Nur in ihm schlägt die Zukunft, in seinen Adern rinnt das edle Blut und in seinen Augen glüht der Herrscherblick; in seinen Bewegungen zeichnet sich der Schritt des Geistes. Uns bleibt nur eine Aufgabe: ihm zu helfen, grade dann, wenn er noch dunkel spricht, ihn nicht kritisieren und benörgeln, sondern an seiner Seite stehn. Das ist die einzige Tat, auf die es ankommt. Alles andere ist Verrat. – Aber woher wissen wir, daß er ein Überlegner ist? Beruhigt Euch, Weisheitsdeuter der objektiven historisch-kritisch selbstverleugnenden Methode! D a s i s t u n s e r e S a c h e.

W i r irren uns nie. Irrtum ist Sache Derer, die die Wahrheit verkünden und dem Aberglauben von der voraussetzungslosen Wissenschaft huldigen. W i r künden nicht Wahr und Falsch, nicht Gut und Böse, sondern Treue dem überlegnen Jüngling, und sagen Fehde an den historischen Greisen. Wir achten sie nur solange, wie sie d i e s e s Gut nicht antasten. Und wir sind heiter genug, immer und immer wieder jene jubeltränenerregenden herzschlagenden Worte zu jauchzen, die einst Goethe einem jünglinggewesenen Großen nachrief

Nun glühte seine Wange rot und röter

Von jener Jugend, die uns nie entfliegt,

Von jenem Mut, der, früher oder später,

Den Widerstand der stumpfen Welt besiegt.

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Schriften wesentlicher Art:

Friedrich Bauermeister: Vom Klassenkampf der Jugend. Bei Eugen Diederichs-Jena. Preis 0,50 Mk. (aus dem vergriffenen ersten Aufbruch-Heft).

Hans Blüher: Wandervogel. Geschichte einer Jugendbewegung I. Teil: Heimat u. Aufgang (3. Aufl.) Preis 2 M. II. Teil: Blüte u. Niedergang (2. Aufl.) Preis 2,50 M. Die deutsche Wandervogelbewegung als erotisches Phänomen (2. vermehrte Aufl.) Preis 2,50 M.

(Verlag B. Weise, Tempelhof-Berlin.)

“Was ist Antifeminismus?” (3. Aufl.) Preis 0,10 Mk. (Zu beziehen durch die Geschäftsstelle des “Aufbruchs”, Charlottenburg-Berlin, Wielandstr. 18.) In Vorbereitung: Die Rolle der Erotik in der Männlichen Gesellschaft. Eine Theorie der menschlichen Staatsbildung. I. Teil: Der Typus inversus. Il. Teil: Die Männliche Gesellschaft.

Kurt Hiller: Die Weisheit der Langenweile. 2 Bände bei

Kurt Wolff, Leipzig. Preis 6 Mk.

Das Ziel. Aufrufe zu tätigem Geist. Herausgegeben von

Kurt Hiller. Verlag Georg Müller, München. (vgl. Prospekt.)

Ernst Joel: Die Jugend vor der sozialen Frage. 2. Aufl.

Preis 0,50 Mk. (Verlag E. Diederichs Jena.)

Ernst Joel und Erich Mohr: Die wartende Hochschule.

Preis 0,50 Mk. (Verlag E. Diederichs, Jena.)

Der Aufbruch. – Heft 1 vergriffen. Heft 2/3 Preis 2,00 Mk.

Heft 4 Preis 1,00 Mk. (Literarische Seltenheit!)

Verlag E. Diederichs. Zu beziehen durch die

Geschäftsstelle des Aufbruchs.

Gustav Landauer: Aufruf zum Sozialismus. Verlag des

Sozialistischen Bundes, Berlin SO 33. Preis 0,50 Mk.

Gustav Wyneken: Schule und Jugendkultur. 2. Aufl. Ver-

lag E. Diederichs. Preis 3 Mk.

Der Gedankenkreis der Freien Schulgemeinde. Dem

Wandervogel gewidmet.Verlag E. Matthes, Leipzig. Preis 0,60

Die Freie Schulgemeinde. Organ des Bundes für Freie Schulgemeinden. (Vierteljährlich.) Jahrespreis 2 Mk.

Verlag E. Diederichs.

Anfang April 1916 erscheint:

Hans Blüher
Die Intellektuellen und die Geistigen.

Preis 1 Mark.

Zu beziehen nur durch den Verlag gegen Nachnahme oder Voreinsendung.

Verlag H. Blüher Tempelhof-Berlin Ringbahnstr. 3.

Hans Blüher
Die Intellektuellen und die Geistigen

(erschienen 1916 im Verlag Hans Blüher, Berlin Tempelhof)

Seit Ausbruch des Krieges hält das Intellektuellen-Phänomen in Deutschland ununterbrochen an. Die deutschen Intellektuellen haben irgend etwas getan, das weiß man hier und in der übrigen Welt, und findet sich damit ab. Aber die Zeit muß kommen, wo man vor einem höheren Kulturwillen dieses Ereignis wird rechtfertigen müssen.

Die kritische Frage tritt immer spitzer hervor: was sind die Intellektuellen und wer sind sie..? Wie steht es mit der Zukunft dieses Wortes? Wird es das Schicksal haben, einmal über die Achsel angesehen zu werden, wie das Wort Aesthet, oder wird es sich halten können? Wird man sich so nennen können und damit Höchstes und Oberstes, Wesentliches und Gehalthaftes meinen? – Wie steht es mit dem deutschen Geist? Und war es deutscher Geist, der sich in jene Manifeste stürzte? War jener Aufprunk überhaupt Geist?

Man wird das messen können, wenn man ermißt, welche typischen Schicksale das Geistige in der Welt immer und immer wieder hat.

Wir wissen nicht, welcher vorgedachte Gedanke die Dinge um uns her geschaffen hat, die wir die Natur nennen. Wir wissen nur, wie es zugeht, wenn wir etwas schaffen. Dies geschieht vermöge einer Idee. -Ein Bild taucht auf als Vision: zuerst im Traum (dann fehlt ihm noch der verpflichtende Zwang), dann als Tagträumerei (hier beginnen wir selbst an ihm zu deuteln und zu ändern); schließlich setzt mit einem Ruck die geistige Aktion ein: wir verhalten uns nicht mehr träumerisch und spielend, sondern schaffend und verpflichtet. Das Zufällige, Nebensächliche, Psychologische des Bildes tritt zurück, es klärt sich alles zum Wesentlichen ab, bekommt Notwendigkeitscharakter und kann, wenn hoch und tief genug geraten, zur schöpferischen Leistung verführen. Der Durchbruch der Idee.-

Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß dieses plötzliche Herausgerissenwerden aus dem Zusammenhang bloß psychischer Reize, dieses Aufbäumen der Idee und die unausweichliche Verpflichtung zu ihr: das eigentliche Wesen des Menschen ausmacht. Dasjenige, was aus dieser Idee heraus gestaltet wird, nennen wir das Werk und wenn wir von einem ganzen Volke reden, die Kultur. Und wird es zugegeben, daß das eigentliche Wesen des Menschen von jener Bild-Schau stammt, die ihn erhebt und fortreißt, so folgt, daß dem einzelnen Menschen, der von ihr durchdrungen ist, das sonstige Leben – was er also mit den Tieren gemein hat, und was zufällig, unnotwendig und verpflichtungslos ist – keinen Augenblick voll in sich selbst gefestigt ist. Wenn Biologen das Leben als den obersten Wert hinstellen und aller Dinge Maaß von ihm abnehmen, so meinen sie – ohne es zu wissen – eben nicht das biologische Leben, das sich mehr oder minder in Naturgesetzen fangen läßt, sondern das von Bildern durchtränkte und gesteigerte Leben, das – sich bezweifeln kann. Biologische Philosophie ist demnach ein üppiges Taschenspielerkunststück, wo immer heimlich etwas verschwindet, was am Ende doch wieder auftauchen muß. Der Mensch erkennt “sich selbst” das heißt seinen kosmischen Wert, indem er von allem absieht, was sonst so lebendig heißt und was auch in ihm lebendig ist. – Jenes Götterwort “Erkenne dich selbst”, das man heute am Türsims psychiatrischer Sprechzimmer zu lesen bekommt, stand ehemals in goldenen Buchstaben am Architrav des Tempels zu Delphi.

Wir nennen einen Menschen, den dieses oberste Erlebnis vollkommen in Anspruch nimmt und der alles, was er tut, aus ihm heraus begeht, einen geistigen Menschen. Ihm kann das übrige Leben jeden Augenblick fragwürdig werden, nichts nimmt er aus diesem selbst heraus zur Erhaltung seines Wesens, keine Stunde ist sein Leben gesichert durch das sonstige Leben; in tiefer Verdächtigkeit spielt es sich neben ihm ab, bezweifelt, verhöhnt, dann wieder glühender verherrlicht, als es je ein anderer kann, fanatisch bejaht, so fanatisch, daß nur Kenner es ihm anmerken, wo die große reservatio mentis steckt.

Von diesem Typus ganz und gar verschieden sind die Intellektuellen. Diese sind leicht zu begreifen und im Grunde ihres Wesens unproblematisch. Sie entstehen durch folgenden Prozeß des Geistes: das erste Werkzeug des Urmenschen wurde geschaffen in einer dringlichen Not und durch eine ideegeleitete Tat. Das Bild zuckte plötzlich auf in einem selten genialen Exemplar der Tiergattung Mensch. Indem dies geschah, wurde jener Mann herausgerissen aus der übrigen Menschheit, er war Künstler und Prophet zugleich, und es ist kein Zweifel, daß er vom Wahnsinn ergriffen wurde. Seine Stammesgenossen haben ihn sicherlich verbrannt oder in den nächsten Sumpf gesteckt. Dieser Geistige, der zum ersten Mal ein eigentliches Menschenschicksal hatte, ist der Prototyp des Schaffenden überhaupt. Aber seine Arbeit war auf Notdurft gerichtet, die praktische Verwertung der Idee galt nicht der Kultur, sondern der Zivilisation. Seine Jünger sind jenes unendliche Geschlecht der Handwerker, die uns heute deswegen für “ehrlich” gelten, weil die Herstellung von Schuhen, Beilen, Riemen und Kleidern längst den Zusammenhang mit letzten Fragestellungen an das Leben verloren hat. Anders ist es mit den sogenannten geistigen Handwerkern, den eigentlichen Intellektuellen, die tagtäglich – oder doch jahrjährlich – an sie stoßen und immer wieder den Stachel des bösen Gewissens sich aus dem Fleische ziehen.

Das Merkmal jenes unendlichen Handwerkergeschlechtes primitiver Art ist es, daß sie geistentsprossene, schöpferische Formen unbedenklich zur Befriedigung menschlicher Bequemlichkeitsgelüste verwenden. Der Schöpfer des ersten Werkzeuges, jener große Geistige, trieb es anders: die eine Form, die er ersann, die praktisch brauchbare, die zum Vorbild für alle späteren Beile, Schuhe, Bogen und Pfeile wurde durch die Jahrtausende… jene eine Form war nichts anderes, als ein Sonderfall von unendlich vielen, die sein bilderreiches Gemüt in sich trug. Ja sie wird sogar höchstwahrscheinlich die schlechteste, der eigentliche Abfall, die Makulatur seines Bilderreiches gewesen sein. Die Hauptsache aber waren ihm jene scheinbaren Sinnlosigkeiten, die er sich an die Höhlenwände malte – Vorbilder für spätere Tempelbauten – waren jene verzückten Laute, die er nachts und an einsamen Tagstunden zu sich sprach: – Vorbilder für die spätere Dichtung. Es waren eben alles jene Dinge, auf die es ihm ankam, die sein Wesen erhöhten, jene unbrauchbaren Verrücktheiten, die ihn an den Schandpfahl brachten. Denn hier war etwas Wichtiges geschehen, was unverständlich für alle bürgerlichen Naturen ist: der Geist spielte mit sich selbst, – beim Spiel rührte er die Frage nach dem Sinn des Daseins auf und zugleich zerbarst jener kranke Mensch, der ihm verfallen war.

An diesen Dingen, so fern sie sich gebärden, hat sich bis heute nichts geändert. Es ist jeden Tag möglich, daß ein großer Künstler mit erhabenem Bilder-Meer die Form eines dieser Bil-der zur Schaffung eines nützlichen Gegenstandes (die zahllosen Patente….!) verwendet und dadurch reich berühmt und volkstümlich wird, aber abtrünnig seinem Menschen-Wesen.

Nur Variationen jener Grund-Zustände haben sich neu gebildet und festgesetzt. Denn der verzückte Bilderseher geht niemals über die Erde, ohne Eindruck auf seine Mitmenschen zu machen: diese haben in ihrem Innern ja auch etwas Bilderseherisches und auch sie verknüpfen jene Visionen mit den Fragen nach dem Sinn des Daseins. Aber es reicht nicht zur Verzückung und reicht nicht zur Verpflichtung an die großen Zustände. Der heimliche Respekt, den sie alle vor dem Geistigen haben, zwingt ihnen daher ein erlernliches System von Wißbarkeiten auf: die bürgerliche Bildung. Dieses Bildungsbedürfnis, das den eigentlichen Zweck hat, vor durchschlagenden Konsequenzen zu schützen, Erschütterungen schwerer Art abzufangen, organisiert sich ein und wirkt dann wie die übrigen Bedürfnisse nach Bequemlichkeit. Wer aber den Beruf hat, diese Bedürfnisse seiner Mitwelt zu befriedigen und weiter nichts, der ist keine wesentlich andere Form von Handwerker, als Schuster und Schneider auch.

Was ist es eigentlich, was man so auf den ersten Anhieb hin das gegenwärtige Geistesleben eines Volkes nennt? Es ist das Produktionsgebiet seiner Intellektuellenschaft. Und es ist kein Wunder, daß die Beliebtheit, Weltberühmtheit und Vergöttertheit ihrer Vertreter umso größer ist, je praktischer, sofortiger, je nützlicher und unentbehrlicher ihre Betätigung ist. Steht gar ein kokettes Geist-Gewitter im Hintergrund mit großem Theorien-Aufwand und durchschlungenem Gewirr der Denkbahnen, so ist der Glaube an die Abgründigkeit unerschütterlich.

Der Geist der Medizin ist leicht zu fassen, nämlich deswegen, weil sie von den geistigen Zentralvorgängen so entfernt wie nur möglich ist, und, wenn überhaupt in diese eintauchend, schnell wieder zurückflieht in das liebe Gebiet der allernächsten Notwendigkeiten. Eine theoretische Pathologie steckt noch in den frühesten Kinderschuhen, und wird gründlich mißachtet, wenn sie sich hervorwagt. Medizin ist Technik, ihr Triumph liegt in den Heilerfolgen und kann nirgends anders liegen. Es ist zwar freilich vorgekommen, daß große Mediziner ins Menschenwesen eintauchten: aber wo ist die Verführung, in praktische Einzelheiten zurückzukehren, größer, als hier, wo der Kranke wimmert und von allen anderen Dingen redet, nur nicht vom Belang seines Wesens? – Chemie, an sich selber durchgedacht, eine der durchdringendsten Wissenschaften, streift ihre in-nerste Kostbarkeit so früh wie möglich ab und wird am volksbeliebtesten in ihren Spekulationen um Düngemittel und Explosivstoffe. Das Durchleben jener unerhörten Umdeutung von “Atom” auf dem Wege von Demokrit über Dalton, jenes wagemutige Eindringen in das Körper- und Qualitätsgeheimnis ist zwar erschütternd und menschenwürdig: aber die Spekulation auf den baldigen Erfolg hat das schwere Gewicht. – Daß Juristerei eine Wissenschaft wäre, hat man nur selten behauptet; aber man spricht von Staatswissenschaften, Finanzwissenschaften, Volkswirtschafts”lehre” Handelswissenschaften mit vollem Ernst und ohne sich eine Sekunde zu genieren, meist auch ohne zu wissen, daß es eine theoretische Ökonomie schon gibt. Eine theoretische Ökonomie freilich, die zur “ökonomistischen Geschichtsauffassung” avancierend die komische Unbeholfenheit ihres Ganges durch keine philosophische Gelehrsamkeit verbergen kann.

Dies alles sind wesentlich Techniken, und die eigentliche Technologie nur der vernützlichtste Sonderfall. Wenn man Maschinenbau als Wissenschaft bezeichnet, so gelingt es bereits, leise Züge von ironischem Lächeln hervorzuzaubern. Aber bei den Sprachwissenschaften tritt schnell eine eigentümliche Doppelstellung auf: weil es hier neue und alte Sprachen gibt, das heißt nützliche und “zwecklose”. Neue Sprachen zu lernen ist über die Maaßen zweckdienlich für junge Kaufmannssöhne, die die deutsche Bildung und das deutsche Kapital in der Welt vertreten sollen. Aber alte Sprachen…? Ja, hier lauert die Sphinx: beide verbindet die geistvolle und geistnahe Wissenschaft von der menschlichen Sprache und ihren Formen, und es ist nur ein kurzer begeisterter Aufschwung von hier bis zur Glossolalie edelster Sprachbildner.

Es muß immer und immer wieder betont werden: wir brauchen diese technologischen Menschen unbedingt; wenn uns einer von ihnen heute mitsamt seinem Gebiete verloren ginge, es käme uns bitter an. Aber man sage nicht, daß sie auch nur um einen Deut die Kultur bereichern. Ihr geistiger Charakter ist so völlig peripherisch, daß von ihnen nichts zu erwarten ist. Man muß zuviel Schutt der Zivilisation bei ihnen abtragen, ehe man zu den strömenden Quellen kommt. Und diese sind dann meistens ein spärliches Rinnsal. Dieser technologische Typ des Intellektuellen hat zu viel zu tun. Arbeit schändet, wer wüßte das nicht!. Und wer wüßte nicht, daß diese Technologen, wenn sie über den verpuffenden Wirkungen ihrer Kollossalerfolge sich die Achtung der mehr Gebildeten erhalten wollen, genötigt sind, wieder einmal ganz “zwecklos”- theoretisch zu werden? Je mehr der abstrakte, allgemeine, der klarere und unbestechliche Gehalt der sonst rein technischen Lehrgattungen hervortritt, umso mehr tritt auch das Gesicht des Geistes aus dem Dunkel. Darum bemühen sich diese Intellektuellen auch immer wieder, theoretische Vorlesungen zu halten, damit sie ja nichts von ihrer Menschenwürde beim Maschinenbau verlieren. Wir stehen hier also wieder an der Stelle des geistigen Urmenschen, bei dem der Geist mit sich selber spielt,– und lockt und lockt.

Der technologische Intellektuelle bewahrt sich aber trotz allem sein unbekümmertes Gemüt. Ihm ist es sicher, daß der Mensch ein Interesse daran hat, einmal auf den Mond zu gelangen; er zweifelt nicht daran, daß es der Menschheit eigentlichstes Ziel ist, im gleichmäßigen möglichst großem Glück möglichst Vieler zu leben; er übersieht unbedingt das tonangebende Glück der höheren Menschentypen. Keinen Augenblick kommt einem Mediziner der Gedanke, daß das Menschentum der Krankheit vielleicht bedürfen könnte. Sie springen kummerlos über alle wirklichen Bedenklichkeiten hinweg.- Ganz anders der zweite Typ des Intellektuellen, der seinen Ursprung jenem ersten Sichzurückziehen des Geistes vor der technischen Absicht verdankt: der Gelehrte. Dieser pflegt ein ängstliches Gesicht zu haben. Das kommt von einem Zwei-Fronten-Krieg, den er sein Leben lang führen muß. Nach links gegen den Vorwurf der Unnützlichkeit; denn was hat man von klassischer Philologie, Geschichte, Sanskrit, was hat man vom Studium der indischen Architektur, der christlichen Mosaiken, was hat man von der Kenntnis der Grammatik der englischen Volkssprache im – vierzehnten Jahrhundert, was hat man von der Physiologie der Sinnesorgane und von den Formeln des Benzolringes, ganz zu schweigen von denen des Kosinussatzes.? Der Technologe kommt hier nie in Verlegenheit, wenn man ihn fragt: er weist mit lachender Mine auf das nächste Plakat einer Aktiengesellschaft, die ihr Bestehen seiner “Genialität” verdankt, er weist auf den Staat der Glücklichen, der da kommen soll und auf die lustseuchenlose Zeit der Venusine. Und nach rechts geht der ewige Widerstand gegen den viel adelsstolzeren Vorwurf: Dein Spiel mit jenen Einzeldingen, so geistig es sein mag, ist Spiel mit Neben-Dingen. Deine Fachwissenschaft ist Flachwissenschaft! Ihr fehlt der Abgrund, der hinter ihr aufgähnt! – Vor diesem Kreuzfeuer hat die erdrückende Mehrheit der Gelehrten kapituliert, daher ihre bekümmerten Gesichter, daher das Fehlen der Jugendlichkeit, der Mangel an Aufschwung und Tiefe, und daher die Neigung zu Zünften, Klüngeln und Klicken. Kommen sie dann zur Macht, so wird sie freilich bösartiger und tückischer als irgend ein anderes Regime.

Dies alles also können die Geistigen nicht sein, und die Worte, die sie tun, sind keine geistigen Worte.

Da drängt sich der erhabene Name der Philosophie auf, die nun an der Reihe ist, und die vielleicht die Situation rettet. Fast alles spricht dafür, denn hier befindet sich der Geist in seiner dünnsten, eindringlichsten, abstraktesten Form; außerhalb der Fachwissenschaften stehend und niemals in sie eingreifend, lenkt er sie. Philosophie in ihrer wissenschaftlichen Abart ist Wissen vom Wissen, das Königlichste ohne allen Zweifel, was man sich an Gedanken denken kann. Aber noch mehr spricht dafür: nicht nur die Frage der Wissenschaft, sondern die Frage des Lebenswertes wird von ihr behandelt; Kunst, Ethik, Metaphysik gehören zu ihrem Thema. Doch eins spricht dagegen: daß für die Philosophen das Leben selber, das heißt ihr eignes, keine Frage mehr zu sein pflegt. Es tritt also eine neue Scheidung ein: das philosophische Gesamtereignis in der Menschheit, das neben anderem auch die Religionen schuf, hat eine Art Exsudat, eine Ausschwitzung, die wirklich und allen Ernstes Wissenschaft ist. Erkenntnistheorie ist Wissenschaft, keine Frage, Aesthetik und Moralphilosophie sind wenigstens nach wissenschaftlichen Normen gebaut, Metaphysik hat einmal Wissenschaft sein wollen und ist vorläufig abgetan. Man lausche diesem unerhörten Angebot: Interressenten wird die Möglichkeit gegeben, über die aufregendsten Fragen des Menschentumes kühl und erregungslos, ohne Berufsstörung und ohne schädliche Nachwirkungen sich und andere zu belehren! Das ist die Philosophie, die man in den Universitäten lernen kann, die dynamitlose Philosophie, die sich Männer und Frauen ohne allzugroßen Unterschied für das Examen aneignen können.

Aber was dem Namen des Philosophen einen so alten und erhabenen Glanz von Unnahbarkeit verleiht, ist offenbar nicht jene wissenschaftliche Absonderung, die sich im Verlaufe der Philosophiegeschichte aus ihr vollzogen hat. Diese ist nahbar, und Viele, ja die Vielzuvielen, nahen sich ihr. Wo aber beginnt das durchaus nur Wenigen Zugängliche, das Esoterische, die letzte, schwerste, verantwortlichste und allein ernste Denklage…? Sie beginnt dort, wo sublimstes Denken mit dem Blute des Denkenden zusammenrinnt. Sie beginnt dort, wo die Wucht der Antinomien auf das Leben selber herabbraust und es Tag für Tag an die Grenzen von Ja und Nein rückt. “Sein oder Nicht-sein das ist die Frage…”

Der Geist ist zweifellos die fürchterlichste und wüsteste Erkrankung der Tiergattung Mensch. Daß es soweit kommen mußte! Das Schlimme aber und Verfängliche daran ist, daß diese Krankheit von jeher und unabweislich als heilige Krankheit empfunden wurde, die man nur heilen kann, indem man ganz auf ihre Gesetze eingeht und niemals fremde Gifte einbringt (keine Schlaf- und Fiebermittel). Ob diese Heilung je gelingen wird, ist durchaus zweifelhaft und vor allem unabsehbar. Und die Frage, ob man den Menschen jenem heiligen Phänomen opfern müsse (wie es das Christentum und die Gotik fordert) oder umgekehrt dieses selbst mit allen seinen Ausweitungen verwenden zur Höherpeitschung des Lebens durch den Menschen:… diese Frage bleibt tagaus tagein eine blutige und lebensgefährliche für alle Die, die noch nicht Gelehrte und Technologen sind und die ihr selbstgeschaffnes Leben noch in sich hämmern fühlen.

Ein jeder weiß, daß der Typus des Philosophieprofessors von einigen der wichtigsten Köpfe auf das heftigste angegriffen worden ist. Soweit die Philosophie den wissenschaftlichen Charakter angenommen hat – das Produkt jenes Ausscheidungsprozesses in ihrer Geschichte – soweit sind die Philosophieprofessoren nicht verdächtiger, als jeder andere Fachgelehrte auch. Man soll nicht ohne weiteres sagen, daß sie verkauft seien, man soll nicht sofort sagen, daß sie dafür bezahlt werden, weil sie die Philosophie zur Dienstmagd der Theologie und damit der herrschenden Klassen machen – Schopenhauer hat Hegel bitter unrecht getan-verkauft sind sie nicht, aber sie sind enteignet. Kein Zweifel sie führen nicht ihr eigenes Leben, sondern das Leben der bürgerlichen Gesellschaft. Der Philosophieprofessor steht über jedem Verdacht erhaben, daß er einmal gleich Diogenes-aus tiefsten Erkenntnissen heraus!-in die Tonne kriechen könnte, oder daß er gleich Antisthenes eines Tages in Lumpen ginge, daß er gleich Sokrates eine Nacht lang stehen bliebe, um zu denken und dann später den Giftbecher zu nehmen. Wir wissen von ihnen, daß sie niemals den freien Tod wählen würden-Selbstmord ist durchaus unhonorig-daß der Tod eines Otto Weininger oder Max Steiner, die nach ihren großgedachten Werken das Leben freiwillig von sich warfen, nicht im Programm ihres Lebens liegt. Auch werden sie verdächtig selten vom Wahnsinn befallen, (dieser sogenannten Krankheit, die doch eigentlich in der Lage selbstverständlich ist!) und daß Einer auf heißen italienischen Straßen zusammenbricht und sich für Dionysos und Christus hält, kommt in ihrer Zunft nicht vor. Dagegen hört man oft davon, daß sie im Alter verblöden, was nicht besonders für die Aufgeregtheit ihres Denkens spricht. Sie sind enteignet, das ist es, was sie von dem letzten geistigen Typ, den wir meinen, trennt. Ihr Leben gehört nicht ihnen, der Staat hat es beschlagnahmt, und sie selbst sind nicht schlecht dabei gefahren. Sie haben die Philosophie zu dem gemacht, was sie niemals sein kann: harmlos. Sie reden herablassend von jenen zerschellten Denkern, den erhabenen Gestalten der Menschheit, und sie dünken sich voller des Geistes, weil sie spitzer geschulter, konsequenter und – vernünftiger sind. Und wie sollte es auch anders kommen! Wer jahraus jahrein, Woche für Woche mit halbernsten Seminarzöglingen beiderlei Geschlechtes erkenntnistheoretische Quisquilien drischt, der kann kein Geistiger sein.

So ist das Echte auf einen ganz engen Raum verwiesen: hier wohnen die Geistigen und drüben die Intellektuellen.- Und die Intellektuellen haben manifestiert, als der Krieg kam, manifestieren immer noch; die Intellektuellen haben sich groß und breit gemacht, die Intellektuellen haben den deutschen Geist vertreten.-Aber wie tut man so etwas? Die Intellektuellen wiesen auf die Zeit vor hundert Jahren und versuchten, sich an jene Stelle zu drängen, wo damals so ungefähr Fichte stand.

Aber wer feinere und tiefer organisierte Ohren hat, der wird herausgehört haben, daß es ihnen selbst in dieser Nähe nicht ganz behagt. Es ist merkwürdig, wie selten man immerhin von Fichte spricht und dies hat gar sehr seinen guten Grund. Er ist in der völlig anderen Denklage Fichtes zu suchen und in ihrer Unanpaßbarkelt an die Gegenwart. Jene Professoren übersahen es nämlich, daß der Begriff des “Deutschen” bei Fichte ein Forderungs-Begriff ist. Wenn er etwa sagt: deutsch sein heißt, eine Sache um ihrer selbst willen tun, so hat dieses “deutschsein” zunächst nicht das mindeste zu schaffen mit irgend einer Zugehörigkeit zum deutschen Volke. Daß Fichte als Deutscher sein Volk für besonders berufen hielt, zur Deutschheit zu gelangen, ist eine hiervon völlig geschiedene Frage. Wenn aber nun die Intellektuellen den empirischen Befund des Deutschtumes, daß heißt die Gesamtheit seiner charakterologischen Zufälligkeiten zu den Sternen heben und verphilosophieren, so bedeutet dies, gemessen an dem Gehalt der Fichteschen Lehre natürlich ein völliges Débacle. Es erklärt sich hier also ohne viel Mühe die geheime Unpäßlichkeit, von der die Intellektuellen in der Nähe Fichtes befallen werden. Daß ein Volk seinem zufälligen empirischen Volkstum unverbindlich genug eine Apothese gönnt, hat ja für das Wertverhältnis der Völker zueinander keinen anderen Belang als jede andere Grossprecherei auch. Und die Intellektuellen haben es also übersehen, daß in der von ihnen so gern gebrauchten Wort-Verbindung “deutscher Idealismus” das Wort deutsch nichts anderes ist, als eine Adressenangabe (wobei wir noch zartestens davon schweigen, daß der Idealismus in den meisten dieser Köpfe nichts anderes ist, als idealisierter Nebel).

Man wird es dem Verfasser dieser Schriften unverargt lassen-so hofft er-wenn er sich in den nächsten Zeilen wieder einmal auf einen Andern stützt. Ist es doch seine bisher unerschütterte Überzeugung, daß nicht das manifeste Deutschland (..und nun gar das manifestierende!) das wesentliche ist, sondern das latente. Deutschland ist ein unbekanntes Land, etwa wie China, und der Pulsschlag seines inneren Wesens hat sich noch nicht bis in die Helligkeiten seiner Alltage hindurchgepocht. Es gibt genug Leute, die da meinen, sie könnten das “geistige Leben” Deutschlands kennen lernen, wenn sie in die Buchläden treten und viel kaufen. Aber die Guten irren sich; das geistige Leben ist meistens ungedruckt, es spielt sich überwiegend von Lippe zu Lippe ab und fürchtet sich sogar nicht selten vor dem verhängnisvollen Sprunge ins Schrifttum. Und so ist es denn kein Wunder, daß die besten, innersten, heitersten und echtesten Dinge, wenn überhaupt, so auf vergilbtem Papiere stehn, das kaum jemand sieht und das nur den Kennern und Lauschern vertraut ist. Daher sei es denn wenigstens hier gesagt, welcher Deutsche zum ersten Mal das Intellektuellen-Phänomen entlarvt hat (Fußnote: Historiker! Aufschreiben! H.B): es war Gustav Landauer im “Sozialist”.-

Daß dieser wichtige Mann heute noch zu den unbekannten Deutschen gehört spricht arg gegen den Gehalt des manifesten Deutschtumes; und wenn es hier ein Jüngerer- aber nicht Jünger-wagt, ihn zu rühmen, so geschieht es mit dem Bewußtsein, daß es ein Wagnis ist. Gustav Landauer gehört zu den wenigen radikalen Sozialisten, die den Weg über die marxistische Rohheit nicht mitgemacht haben und die die großen Spuren des Geistes in der Menschengeschichte immer vor Augen hatten. Die Seltenheit dieser Erscheinung in unserer wissenschafts-abergläubischen Zeit ist Grund genug, um ihrer ausdrücklich zu gedenken, und um die Worte hier hinzusetzen, mit denen das Intellektuellentum an seiner empfindlichsten Stelle getroffen wurde. Gustav Landauer schrieb im “Sozialist” (6. Jahrgang Nr. 17):

“Eines freilich macht bedenklich, ob ihnen den künftigen Krieg für die Idee auch nur zu verkünden und zu verherrlichen so leicht fallen wird wie den jetzigen Krieg zur Verteidigung ihres vaterländischen Staatswesens. Auch im Krieg nämlich fürs Vaterland haben diese Philosophen, Forscher, Dichter, Zeitungsschreiber und Professoren sich denn doch nicht eigentlich als Helden und ganz gewiß nicht als Rebellen gezeigt. Sie waren nicht gerade die Stein und Scharnhorst und Schill und Kleist und Görres und Arndt und Fichte, welche den Befreiungskrieg gemacht hatten, weil er ihre Sache, oder doch ein Stück Wegs zu ihrer Sache war; über unsere neuen Propheten kam die Begeisterung und Entschlossenheit vielmehr, wenn schon nicht post festum, so doch erst Post manifestum, nach der Kriegserklärung der Regierungen nämlich; nicht eine Nacht des 4. August, sondern der Nachmittag des 4. August 1914 ist es, was ihren Zunder zum Glühen gebracht hat. Ist es so ganz sicher, daß diese hinkenden Führer des Geistes, die mehr den Eindruck von Marodeuren als von Pionieren machen, nicht dann, wenn erst die Regierungen Frieden schließen, aufs Haar und auf die Glatze die nämlichen sein werden, die sie waren, ehe die Regierungen bekanntgaben, daß nun der Krieg über die Völker und über die Stimmung dieser Geistigen kommen solle; die nämlichen, die sie waren, ehe diese Geisteshelden selbst, durch Bewunderung der andern und Staunen über die noch prachtvoll vorhandene Gesundheit der Völker Europas, zum Pathos und zur Einsicht kamen, daß sie selbst bisher leere Fässer gewesen waren? Man bedenke nur, daß-abgesehen von den ersten Spuren der holden Gründerzeit und der Periode der Muschelaufsätze – der deutsche Geist 1872 nicht eigentlich besser aussah als 1869; und daß 1824, als Fichtes Reden an die deutsche Nation, ein Jahrzehnt nach den Freiheitskriegen, in zweiter Auflage erschienen, es um die Macht der Ideen in Deutschland nicht besser, sondern schlimmer bestellt war als 1808, ein halbes Jahrzehnt vor der Befreiung, wo sie erstmals herausgegeben wurden. Es wäre gut, wenn sich die deutschen Denker und Dichter, die sich jetzt, und dazu noch mit etlichem Recht, am liebsten schämen möchten, daß sie nichts anderes sind, keinen Illusionen darüber hingäben: daß es ihnen nur während des Krieges erlaubt ist, ihre leeren Fässer mit dem Aufschwung des Volkes zu füllen und in ihre leeren Adern das in den Schlachtfeldern vergossene Blut zu pumpen, daß sie nach dem Kriege aber entweder Führende mit eigenem starken Gehalt und selbstgewachsener Todbereitschaft oder bankerott sein werden wie Ulrik Brendel!”

Nichts ist unförderlicher, als den Gehalt seiner Zeit zu verkennen. Und nichts ist heute dienlicher, als die tiefe Verschiedenheit der Situationen klarzumachen. – Als es vor 100 Jahren galt, das Nationale zu betonen, da geschah es im Kampfe gegen ein Weltbürgertum, das von den Geistigen der Jahrhundertwende gedacht war und das den Adel der Idee in sich trug. Daher mußten auch die Mittel, die es bekämpften, von entsprechender Höhe sein. Der heutige Internationalismus aber stammt keineswegs vom Geiste, sondern vom Börsenjobber:- und die Qualität der Bekämpfungsmittel paßt sich an. Noch eins: das Verhältnis der feindlichen Heerführer zueinander ist ein rein technologisches. Sie mögen die obersten, gelungensten und vollkommensten Exemplare des technologischen Intellektuellen auf strategischem Gebiete sein, und sie mögen tagtäglich ihr Leben aufs Spiel setzen: aber die Heerführer vor 100 Jahren setzten ihr Menschentum aufs Spiel. General York war immerhin ein Hochverräter!-

Aber nichts darf dazu verführen, am allerwenigsten jetzt ein müßiger laudator temporis acti zu sein. Selbst wenn die Vergangenheit in allen Dingen besser wäre, als das Heute, so darf man sie doch nicht zurückwünschen. Die verzweifeltste Zukunft ist liebenswerter, als die herrlichste Vergangenheit. Man darf keinen Augenblick glauben, daß unsere Zeit ärmlicher an Geistigen sei. Die Intellektuellenmisere darf nicht zur Verzweiflung an der Rolle der Geistigen verführen. Der Unterschied liegt nur darin: sie sind wohl da, aber sie haben mit dem Kriege nichts zu tun. Wo sich ein Geistiger in die Intellektuellenwirtschaft verlief, da wurde er überhört, und ein wenig pflegte sich sein Bild sogar zu trüben.

Nach allem also, was zu beobachten ist, scheint es so zu stehen, daß die Geistigen keine gebietende Rolle im Leben der Staaten spielen können. Am ehesten neigt noch das französische Volk hierzu, und man sollte wahrlich mehr ergriffen als schadenfroh zusehen, wie diese Nation, bei der die Geist-Krankheit fast die Form der Epidemie angenommen hat, in ihrem Hunger nach dem Wagemutigen und Kühnen sich so häufig blenden läßt zum Schaden seines Gefüges. In Deutschland steht es hier gerade umgekehrt. Man setzt die ausgeglichnen, unproblematischen, goethebündlerischen und imgrunde langweiligen Naturen mit Vorliebe in die öffentlichen Ämter und erreicht durch deren Lammheit jene eigentümliche Stabilität des nationalen Wesens, die dem deutschen Volke den Vorwurf des Barbarentums eingetragen hat. Noch fehlt es den Deutschen ohne Zweifel an gewissen feineren Vorinstinkten für den geistigen Typus, die zwar noch nicht zum Urteil über die Gesamterscheinung berechtigen, aber doch gewisse geistnahe Präliminarien fördern. So weiß man zum Beispiel einfach noch nicht, daß vieles Wissen und große Belesenheit fast unter allen Umständen Minderwertigkeitssymptome sind. Und es ist trübe genug, daß gerade diese Eigenschaft zur Grundbedingung für das staatliche Lehren erhoben worden ist. Man halte hier nicht die vorgeblich immense Belesenheit Schopenhauers entgegen: wir wissen heute längst, daß dieser große Geistige freilich viel wußte und las (und man muß eben genau so viel wissen, wie man braucht !)-aber keineswegs das Wissen eines Universitätsprofessors erreichte. Dasselbe gilt natürlich auch für Nietzsche, und es ist wahrlich kein Zufall, daß das Ressentiment eines Wilamowitz die “Unwissenheit” des jungen Tragödien-Deuters an den Pranger stellte.

Was denjenigen, die die öffentliche und staatliche Geistigkeit des deutschen Volkes heute noch zu vertreten haben, fehlt, und was den Besseren-also etwa der Jugend- im Halbbewußtsein so zwingend klar ist, das könnte man etwa in diesem einen Satze zusammenfassen: Man kann zu diesen Menschen nicht Ecco Homo sagen. Dieser geweihte Gruß prallt an ihrer strahlenden Gewöhnlichkeit ab. Solch ein Salut paßt heute nur für die Männer mit den staubigen Hüten und den großen wundervollen Augen. Für jene Männer, die kümmerlich leben müssen, weil ein heiliger Atem durch ihr Wesen geht.

Aber wo sind nun endlich die Geistigen? Wie sehen sie aus? Wo wohnen sie? Was tun sie?… wie alt sind sie?

Ihr Wesentliches ist, daß sie noch dicht am Urerlebnis der Idee stehen. Sie haben noch keinen Schritt zur Peripherie getan, oder doch wenigstens keinen, den sie nicht sofort wieder zurücknehmen könnten. Die Intellektuellen sind peripherisiert; irgend eine Interessantheit ihres Denkens wurde von der Gesellschaft beschlagnahmt, dorthin richteten sie ihr ganzes Wesen, wurden älter und älter und entfernten sich Jahr um Jahr immer mehr von der Ursprünglichkeit des Geistes. Kein Wunder, daß sie wirr und haltlos reden, wenn es letzte Dinge gilt. Die Intellektuellen sind die Industriellen des Geistes.

Wir kehren zum schöpferischen Urmenschen zurück, den wir oben in seinem Wahnsinn verlassen haben, und sehen uns seine unbastardierten Abkömmlinge an. Von diesen gibt es zwei Typen, die sich deutlich gegeneinander abheben.

Der eine ist von sakraler Art. Er verschmäht es, irgend etwas von dem, was er in seiner Verzückung geschaut hat, zu nützlichen Dingen zu verwenden. Er ist der reine Tempelbauer, dem nichts heilig und wesentlich ist, als der Triumph der kunsthaft-geistigen Form. Dieser Altarmensch lebt für nichts weiter, als für die Rettung seiner Gesichte aus dem Wirrwarr der Umwelt. Nur dies ist ihm heilig: das Feuer, das ihm aufgelobt, so fest und so unerschütterlich zu bewahren, daß der Regen der Welt es nicht auslöschen kann: “Welt”…das ist ihm das, was nicht sein soll, das, wovon man erlöst werden muß; Welt ist die Hemmung gegenüber der Idee. Und nichts als Hemmung. Er sieht lieblos auf die Welt, die ihm die Bilder trübt. Die größte Demonstration seines Wesens ist bisher der gotische Dom; in ihm wird das Lebensträgste, der Stein, zum Dienst am Dünnsten und Geläutertsten gezwungen. Hier triumphiert die kunsthafte Form über das Widerstandsfähigste. Der Christ (wobei wir selbstverständlich nur die katholische Form meinen) ist von diesem gotischen Menschen nur ein Sonderfall, der ebensogut hätte ausbleiben können, und der über kurz oder lang verschwinden wird, ohne daß damit die Erscheinung “gotischer Mensch” an Existenz verlieren kann.

Kultur wird diesem sakralen Typus des geistigen Menschen daher wesentlich zu Kult. Handeln hat nur Sinn, sofern es dem Kulte dient; jede andere Handlung, außer einer sakralen, ist profan und wertlos. Das Leben, das er führen muß, ist Leid, Dulden, Passion: nicht deswegen, wohlgemerkt, weil es wirklich in sich selbst durch Nerven-Zerreißungen schmerzvoll ist, sondern weil es von der Idee verschieden ist. Aber man mißversteht jene vestalischen Menschen, wenn man ihr Nicht-Handeln eine Gebrochenheit nennt: es ist sogar höchstes Tun, weil es gegen die biologischen Anreize steht. [Der Hindu, der sich von der Tiegerin ruhig zerreißen läßt, aus der religiösen Erkenntnis heraus, daß es ihr schlimmes Schicksal sei, so leben zu müssen, dieser Hindu ist der höhere Täter, als jener andere, der die biologisch selbstverständliche Verteidigung unternimmt.]

Der Gegentypus verwendet die Idee anders. Und zwar politisch. Er tritt aus dem Erlebnis des ideelich-Reinen brüsk heraus und wird Prophet. Er kündet der Welt an, daß sie weder gut noch böse sei, sondern verbesserungswürdig. Er kündet ihr an: nicht Handwerker, Gelehrte, Unterhaltungskünstler und sonstige Intellektuelle haben in der Welt zu herrschen-von den Kapitalisten ganz zu schweigen- sondern die Geistigen. Das heißt Die, denen das ursprüngliche Erlebnis der Idee noch jeden Tag lebendig ist. Er setzt dem bisherigen Typ des Politikers seinen eignen entgegen: seine Politik geht nicht auf mäßige Veränderung des grade vorhandenen Staates, sondern auf grundsätzliche Neuschöpfung aus der Idee des besten Staates aus. Gegenüber dem bürgerlichen Liberalismus setzt er platonischen Radikalismus.

Man könnte versucht sein, den stillen, gläubigen, feierlich-ruhigen Altarmenschen mit seiner melancholischen Lebensführung und dagegen den heiteren, mobilen volksrednerischen Poli-tiker mit seinen sanguinischen Wesenszügen einfach als Produkte eben dieser rein gemüthaften Grundstimmungen zu verstehen und die geistige Diskrepanz so zum Verschwinden zu bringen. Aber damit ist es nicht getan, wie psychologische Erklärungen geistiger Vorgänge ja überhaupt nichts tun. Zweifellos ergreift nach dem Gesetze von der List der Idee das sakrale Wesen leichter den an sich schon melancholischen Jüngling und hält sich bei ihm fest, und das politische den sanguinischen. Aber es gibt ein ernsteres Zeugnis für die geistige Urbedeutung der beiden Typen. Dies sind die Religionen, jene größten Verkünder des Menschenwesens. Man nehme von dem Sakralen etwas fort, nämlich seine Gebundenheit an das Bildhafte der Ideen, man nehme ihm das künstlerische Innere, so daß das Ich in ihm sich nichtmehr an Gestalten verlieren kann, sondern nur an das Objekthafte selbst: -dann verliert sich sein Subjekt an diesem Leeren, die Welt der Erkenntnisse und Bilder verschwindet, sie wird “Irrtum” “Nichtwissen”, die Subjekt-Objekt-Einstellung scheidet aus, und vor uns steht die große Erscheinung, die es bisher nur einmal in der uns bekannten Geschichte gegeben hat: der brahmanische Mensch. Man kann die religiöse Verfassung dieses Menschen nur mit dem Worte Welt-Auge, noch gerade wiedergeben. Welt-Auge, das zwar wach ist, aber dennoch schlafen muß, weil es nichts gibt, wohin es sieht-nicht einmal das Dunkel. Dieser Mensch des Veda lebt in vollkommener Passion. Die immerwiederkehrenden Worte des heiligen Upanishad: “Brahman ist Wonne, und alles, was von Brahman verschieden ist, ist Leid”, sind seine Worte. Die Welt ist also Leid, für sie etwas zu tun, ist layenhaft, voreilig und vorheilig, auf alle Fälle aber zwecklos.

Der politische Typus des geistigen Menschen findet seine Verherrlichung in einer Religion, in der nichts gilt, als die Tat: im Judentum. Die Idee des messianischen Reiches ist eine politische Idee obersten Ranges. Sie entspringt dem reinen Denken, der Ablösung von aller Empirie und der Verachtung bürgerlicher Tatsachengläubigkeit.- Aber das Judentum ist nicht in einem so vollkommenen Maße eine höchste Ausgestaltung des politischen Menschen, wie der Brahmanismus eine des sakralen ist. Das hat einen sehr tiefen Grund: Das Judentum ist bildfeindlich. Der böse Zufall wollte es, daß jener Moses von der großen Sinai-Vision nur jene moralistischen Fragmente zurückbehielt, die seitdem als Zehn Gebote ihr Wesen treiben. In jene Zehn Gebote füllte man das Menschentum, und die Züchtung, die sich daraus ergab, formte sich zum bürgerlichen Typus. Daher kommt es, daß der Ertrag dieser Religion so gering ist; es fehlt ihr die Spannkraft, ihr Bogen ist flach, und die Pfeile, die es auf ihm verschießen kann, fliegen nicht weit. Bekanntlich fliegen sie gerade bis zur Humanität. Wo aber der politische Menschentyp Ernst macht mit dem bildhaften Untergrunde solcher Erleuchtungen, wo er es wagt, in den Reichtum des künstlerischen Innern zu greifen und mit ihm am Menschen-Wesen zu rütteln: da fliegen die Pfeile in ganz andere Fernen. (Und nun weiß man wohl, weshalb Nietzsche und die Folgen gewichtiger sind, als Moses und die seinen…)

Wenn man die geistige Lage eines Volkes dadurch auf einer Karte markieren könnte, daß man die Höhepunkte, die Stellen der größten Intensität und der ursprünglichsten Geborgenheit miteinander verbände, wenn es möglich wäre, Wetterkarten des Geistes herzustellen, die auf die Altersklassen bezogen wären: so zweifelt niemand daran, daß die dichtesten Linienbündel über die jugendlichen Männer laufen würden. Hier, wo der Wille zum Nicht-Relativen am stärksten ist, wo die ungehemmte Geistigkeit noch kümmernislos hervorbrodelt, hier ist der eigentliche Sitz des geistigen Menschentypus. Nachher beginnt der große Aufsaugungsprozeß, den die bürgerliche Gesellschaft unternimmt. Die geistigen Werke werden das Opfer ihrer eignen Interessantheit und ihre Schöpfer das Opfer des bürgerlichen Bildungsdranges. So ziehen sie in Schaaren fort von der Berufung zum Beruf, vom Intensiven zum Extensiven, von der Höhe zur Breite, von den Wenigen zu den Vielen, von den Geistigen zu den Intellektuellen. Und wenn man nun suchen geht in den älteren Altersklassen, zwischen 30 und 70, dann verklingt die rufende Stimme echolos im leeren Raum: kaum hier und da noch ein jugendlicher Mann! Kaum ein Einziger und sein Eigentum. Es ist alles enteignet und verpfändet.

Wo ist die Rettung…? Wie kann man die Besten vor ihrem Untergange bewahren, der in dem Aufstieg zur bürgerlichen Höhe liegt? -Man mache ihnen die Urheimat erträglich; man dulde nicht weiter, daß sie einsamer sind als sie sein wollen. Man schließe ein Defensivbündnis zu ihrem Schutz. Die Front wird immer breit genug gehalten sein.

…Zu wem reden wir also? Wer ist das Volk, das am Fuße unserer Hügel kauert…? Sind es die Greise, die den Vorduft der Grüfte in den Haaren tragen? Sind es die wohlbestallten Bürger mit dem gesicherten Leben und den festen Überzeugungen? – Von diesen allen ist nichts zu erwarten, und keiner von uns denkt an sie, wenn er spricht. Aber wir reden auch nicht zu den Oppositeuren von Beruf und den Wichtigtuern des Kontrastes.

Wir reden zur Jugend.

Denn dorthin redete Jeder bisher, der im Aufrausch des Geistes lebte. Aber nicht zu der beliebigen Jugend. Nicht zu der, die schon weiß, was einmal aus ihr wird, nicht zu den Bürgern unter ihr, sondern zu der wagemutigen, die sich bewegt.

Wir reden zur Jugendbewegung.

Gehört es nicht zu den Schicksalen allerbester Art, die eine Jugend erleben kann: daß man vor ihr nicht zurückzuhalten braucht mit Stürmen des Geistes, vor denen schon Heraklit von Ephesus erbebte? Ist es nicht wundervoll, daß es Lauschende gibt in jenem jungen Geschlecht, zu denen man Glauben hat, daß sie nie versagen? Aufgereckte und Horchende, die die Ohren nicht zurückziehen, wenn man von seinem Besten und Schlimmsten redet!…

Wir wissen freilich: der öffentliche Zustand der heutigen Jugendbewegung ist wenig hoffnungsvoll. Sie hat sich bewegt, jetzt liegt sie auf einem toten Punkt. Aber die baldigste Zeit wird den neuen Aufschwung bringen.

Die heutige Jugendschaft verdankt ihre Vegetation einer wohldüngenden Doppel-Feigheit. Diese ruht etwa in der Wortserie: “innerliches Verstehen”, “Erleben”, “empfinden”, “letztes Geheimnis”.-Man könnte wohl sagen: wenn es diese Worte nicht gäbe und es nicht Situationen gäbe, die sich hinter ihnen verbärgen, so gäbe es auch das ganze Schrifttum der heutigen Jugendschaft nicht. Hierbei sind selbstverständlich ausgenommen Dinge wie: “Freie Schulgemeinde”, “Anfang”, “Aufbruch”.) Sie allein sind es, die die schlimmste Lage der Jugend-Bewegung beschönigen können: ihr Behagen an sich selbst. Ihre wohlige Tanzlust (…ohne die harte Problematik des Tanzes!), ihre spielerische Romantik (…ohne den Ernst des schöpferischen Spieles), ihr Singen und Sagen (…ohne die aufrührende Wucht von Dichtertum).

Die eine Feigheit, in deren Dienst jene Wortserie steht, gilt dem Eros. Es ist nicht verwunderlich, daß ein Lebensvorgang wie die Jugendbewegung in den Tatsachen seines Liebeslebens verwegener, absonderlicher und neuer sein mußte, als die bürgerliche Gesellschaft, der zum Trotz sie erstand. Ja, wer könnte überhaupt erwarten, daß irgend etwas bei ihr in diesen Dingen ortsüblich wäre? Wer dies tut, verurteilt den Lebensgehalt der Jugend-bewegung zur Durchschnittlichkeit. Aber sie selbst weiß es sehr wohl, daß es nicht so ist. Sie kennt heute das Wie und Wo, sie weiß, daß man wissen muß, um hier in sauberen Gewändern zu gehen. Und sie weiß, daß man ein anderes Leben führen muß, als die Gesellschaft der Alten, wenn man mehr sein will, als sie. Aber wie kann man sich besser vor solchen gefährlichen Konsequenzen bewahren, wie kann man besser dem Behagen fröhnen, als dadurch, daß man unkontrollierbar “erlebt”, “tiefe Gefühle hat” “mit dem Gemüte begreift” und “innerlich mit sich fertig wird”? Ein Mensch, der sich,- dem Tintenfische gleich-in die Trübheit der eignen Säfte einballt, ist freilich unangreifbar,-aber er schluckt auch selber die Trübheit auf, und das ernste Gesicht des Eros ersteht niemals im ihm.

Die zweite Feigheit, die durch jene Wortserie und ihre Abkömmlinge gedeckt wird, geht auf die Geisteshaltung selbst.-Wer dem Geiste verfiel, ist in Lebensgefahr. Die geistigen Menschentypen haben einen Dorn im Innern, der sie jeden Augenblick zum Wahnsinn aufpeitschen kann. Die Intellektuellen schützen sich durch jenen Prozeß, den wir eben durchgegangen sind. Die jetzige Jugendschaft findet Schutz im “Gemüt” Durch unkontrollierbare vorgeblich “tiefe” Erlebnisse, durch das berühmte “innere Fühlen” wird die Giftigkeit des geistigen Bisses gelindert. Die heilige Erkrankung des Tiertypus Mensch am Geist wird wie ein gewöhnlicher Schnupfen behandelt. Mit Gemüt gegen den Verstand vorgehen heißt-in fast allen Fällen-vor der eignen Gesetzlichkeit des Geistes fliehen.

Wir wollen einmal vorübergehend alles, was diese Jugend heute noch schreibt und denkt und singt, ernster nehmen als alles, was alle Professoren über den Krieg gesagt haben (was immerhin ein recht erhebliches Opfer des Intellektes bedeutet). Aber wir nehmen es nur deshalb ernster, weil hier Keime ruhen, die aufschießen können, und weil es Jugend ist. Alter gelte vorläufig als Einwand. Dies alles aber kann nur dann geschehen, wenn es wirklich Keime sind, wenn wirklich der Ernst dieser Seeligkeit, die wir ihr wünschen, schon in ihr steckt. Einer Seeligkeit, die weder auf dem Umwege der Intellektuellen noch auf dem des Gemütes erreicht werden kann, sondern allein durch den Geist und durch den Eros. Latinität wollen wir von dieser Jugend – gegen “Germantik”. Talmud gegen Talmi! Einen Instinkt für die Mittel wollen wir bei dieser Jugend, den Geruch dafür, daß man nicht wahllos gegen und für eine Sache sein darf. Man darf gegen Wissenschaft sein: aber nicht als Naturmensch mit Rohkost, sondern mindestens als Forscher. “Kalter Intellektualismus”-dieses Wort sollte ein für alle mal verboten sein, denn Kälte ist fast immer ein Vorzug und Intellekt erst recht. Man darf gegen Aufklärung sein: aber nicht als Mucker; und man darf nicht für Aufklärung sein als liberaler Bourgeois. Man darf gegen Religion sein: aber nicht als “Monist”; und man darf für Religion sein-aber auch nicht als Monist. Man darf für Kunst sein: wenn man die Distanz vor den süßen Gefühlen wahrt und mindestens so gut denken kann, wie Sokrates. Man darf Antisemit sein, aber nur als Jude. Man darf gegen Gustav Wyneken “sein” aber nur :-wenn man Seinesgleichen ist.

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Hans Blüher
“Die Achse der Natur”

 


INHALT

 

I. Der platonische Umschwung in der Philosophie
1. Der Anspruch der Philosophie
2. Der Denkstil des Sokrates
3. Die Phasen der Sprache / Kratylos
4. Das Schamanentum als natürliche Quelle der Ideenlehre
5- Die beiden Begriffe von »Mania« im Altertum / Die Priesterin der Astaroth
6. Das Trümmerfeld der Ideenlehre in Platons Schriften 
 

II. Immanuel Kant
1. Kants transzendentales Raumexperiment
2. Die transzendentale Bedeutung der euklidischen Geometrie
3. Der relativistische Irrtum / Oswald Spengler
4. Der anthropologische Irrtum / Die Verunstaltung der Kantischen Philosophie durch Schopenhauer
5. Der naive Naturalismus
 

III. Über das archetypische Potential der Natur
1.Lamarck und der Nominalismus
2. Platon greift ein
 

IV. Platons gründende Tat
1. Platons »Gastmahl des Agathon« als opus sui generis
2. Platon erhebt den Eros in den Rang der Philosophie
3. Eros und Achse der Natur
 

V. Geschichte der Entdeckung der Natur (Ein Intermezzo)
 

VI. Der Eros als Organ für die Person
1. Der Erkenntnisakt sui generis
2. Der Individualbegriff und seine Funktion
3. Auch die Wollust unterliegt dem principium personalitatis
4. Eros und Erbsünde
5. Medea und die Quelle des Bösen
6. Die Ehe als Prüfstein zwischen Gesetz und Christentum
 

VII. Die Grundlegung der Ethik
1. Die Orestie des Aischylos
2. Die Propheten Israels
3. Der Aufbau der moralischen Urteilskraft
4. Die Bindung der Ethik durch den Staat
5. Metaphysik und Ethik
6. Schopenhauers »empirischer Weg« in der Ethik
7. Die buddhistische Begründung
8. Die Entdeckerrolle des Christentums in der Ethik
9. Immanuel Kants Eingriff in die Ethik
10. Das ethische Privilegium
11. Über die begriffliche »Allgemeinheit in der Ethik«
12. Kant und das Problem des Selbstmordes
13. Epilog zu Kants Eingriff in die Ethik
 

VIII. Die Ordnung des Intellektes 
1. Die anschauliche und die gedachte Welt
2. Die Kategorien
3. Der allgemeine Kausalsatz
4. Die beiden Aggregatzustände des Intellektes
5. Die Begründung der Wissenschaft
6. Über die transzendentale Struktur des Genius
7. Der transzendentale Begriff der Materie und seine Begründung durch Immanuel Kant
8. Antoine Lavoisier und die Nobilitierung der Chemie
9. Über den kulminierenden Punkt der Materie
10. Naturzwang und Notwendigkeit
11. Der kulminierende Punkt des Willens
12. Über die Freiheit
13. Die falsche Genialität im Zeitalter der Erfindungen
14. Theophrastus Paracelsus und Samuel Hahnemann als nobilitierende Genien der Medizin
15. Epilog über natürliche Religion
16. Die Schönheit in der Ordnung des Intellektes (Metaphysik der Kunst)
17. Der Fortschritt der Wissenschaft und das Ende der Astronomie
18. Antinomien der Wissenschaft als Vorläufer genialer Ereignisse
 

IX. Die Abstammung des Menschen (Versuch einer transzendentalen Anthropologie)
1. Die Entwicklungslosigkeit zwischen Verstand und Vernunft als transzendentaler Beleg
2. Das Ingenium Lamarcks
3. Der doktrinäre Darwinismus und sein Hintergrund
4. Anpassung, Vererbung, Mutation
5. Die Unableitbarkeit des Menschenstammes
6. Die dreifache Gliederung der Rassenfrage

X. Die Gründung der Naturachse im Lichte der transzendentalen Logik
1. Kants unbewußte Arbeit an der Achsengründung
2. Schopenhauers Verdienst um die Logik
3. Die Entdeckung des empirischen Begriffes durch Sokrates
4. Das Phänomen der »Agnosie« und seine erkenntnistheoretische Bedeutung
5. Kants Lehre vom »Schema« der Dinge
 

XI. Die Religion als reines Ereignis der Natur
1. Über natürliche Religion
2. Israel und der prophetische Monotheismus
3. Der biblische Schöpfungsbericht
4. Das Gesetz und die Antinomie des Gesetzes
5. Der Dekalog und seine Varianten
6. Saulus von Tarsus entdeckt die Erbsünde
7. Die Stelle im ersten Korintherbrief
8. Die asketische Machtergreifung im Christentum
9. Gesetz und Evangelium
10. Die objektive Konstitution der Kirche
11. Das Problem der Geschichte. Konstantin der Große
12. Die Erkenntnislage der Theologie
 

XII. Die Erscheinung Christi
1. Die Freigabe der Bibel und ihre Folgen
2. Die deutsche Leben-Jesu-Forschung
3. Die vier Titel Jesu von Nazareth
4. Die protologischen Ereignisse des Buches Genesis
5. Der Hebräerbrief über die Erscheinung Christi
6. Johannes
7. Der Mythos als Grund der Geschichte
8. Der objektive Mythos und seine Herkunft
9. Der praktizierende Platonismus und die Abendmahlslehre
10. Die griechische Theogonie und der Götterverfall
11. Euripides an der Verwachsungsstelle von Geschichte und Mythos / Iphigenie in Aulis
12. Die Methode des Thukydides
13. Die metaphysische Wirksamkeit des Opfers
14. Der Durchbruch von Golgatha und die Weltgeschichte
15. Die Verwirrung Platons mit der »Idee des Guten«
16. Die Position der satanischen Gegenmacht
 


Anmerkung:

Die im Text gelegentlich vorkommenden griechischen Begriffe bzw. Wendungen können die gängigen Web-Browser nicht in ihrer ursprünglichen Form darstellen. Die im Text also griechisch gesetzten Worte haben wir hier in eine ((Doppelklammer)) gesetzt. Ein Großteil davon kann nach dem Herunterladen am am heimischen PC durch den Zeichensatz “Symbol”, der sowohl in der PC- wie der MAC-Welt verbreitet ist, wieder in die griechischen Urform zurückverwandelt werden. Lediglich bestimmte Sonderzeichen können so leider noch nicht dargestellt werden. http://www.symbolon.de/downtxt/achse.htm

http://www.symbolon.de/downtxt/bl_trak.htm

  •  

Acerca de ricardodeperea

Nacido en Sevilla, en el segundo piso de la casa nº 8 (después 18) de calle Redes de Sevilla, el 21 de Septiembre de 1957. Primogénito del Señor Don Ricardo de Perea y López, tenor dramático de ópera (que estuvo a punto de hacer la carrera en Milán), y pintor artístico; y de la Señora Doña Armonía y Josefina González y Valdayo, modista y sastre ( para hombre y mujer), mas principalmente pintora artística de muy temprana (desde niña) y entusiata vocación. Desafortunadamente la infortunada mujer dedicóse tan abnegadamente a su familia y hogar, que poco pudo pintar, pero el Arte, el retrato de seres humanos, el dibujo y pintura artísticos realistas y clásicos fueron su ardiente pasión hasta la muerte, que la sorprendió delante de un óleo de su Santo favorito, San Antonio de Padua, pintura de Escuela barroca sevillana, y al lado de una copia, hecha por mi amado padre, de la Piedad de Crespi. Habiéndose encomendado diariamente a nuestro Dios y Señor Jesucristo durante mrses, con su creada jaculatoria de "¡Ay mi Cristo, no me abandones", y con un Cricifijo al slcance de su vista, colocado, oor su voluntad, constantenenre delante de su lecho, fué recogido su espíritu por Nuestro Dios y Señor, en litúrgico de San José, su patrón, al que veneraba muy especialmente. Su amadísimo y amantísimo primogénito, a quien ha dejado en un mar de lágrimas, fue seminarista en Roma, de la Archidiócesis de Sevilla desde 1977-1982, por credenciales canónicas de Su Eminencia Rvmª. Mons. Dr. Don José María Bueno y Monreal, a la sazón Cardenal, Obispo Residencial Arzobispo Hispalense. Alumno de la Pontificia Universidad de Santo Tomás de Aquino en Roma, 1977-1982, 1984, por encomienda del mismo Cardenal Arzobispo. Bachiller en Sagrada Teología por dicha Universidad (Magna cum Laude), donde hizo todos los cursos de Licenciatura y Doctorado en Filosofía (S.cum Laude), y parte del ciclo de licenciatura en Derecho Canónico (incluido Derecho Penal Eclesiástico)(S. cum laude). Ordenado de Menores por el Obispo Diocesano de Siena, con dimisorias del Obispo Diocesano Conquense, Su Exciª.Rvmª. Mons. Dr. en Sagrada Teología, Don José Guerra y Campos. Incardinado en la Diócesis de Cuenca (España) en cuanto ordenado "in sacris", Diácono, por este verdaderamente excelentísimo y reverendísimo Prelado, de feliz Memoria, el 20 de Marzo de 1982. Delegado para España, de S.E.R. Mons. Pavol Hnilica,S.J., como Superior General de la Obra Pía "Pro Fratribus". Ordenado Presbítero, por dimisorias del mismo sapientísimo, piadoso e insigne Doctor y Obispo católico Diocesano conquense, el 8 de Enero de 1984 en la Catedral de Jerez de la Frontera (Cádiz), por Su Exciª. Rvmª. Mons. D. Rafael Bellido y Caro. Capellán Castrense del Ejército del Aire, por Oposición ganada, asimilado a Teniente, y nº 1 de su promoción, en 1985. Fue alumno militarizado en todo, en la Academia General del Aire de San Javier (Murcia), de la XVIII° Promoción de Oficiales de Ejército del Aire. Destinado al Ala nº 35 de Getafe, y después a la 37 de Villanubla (Valladolid). Luego de un año le fue impuesta la baja del Cuerpo, pero no del Ejército del Aire, como también recibió la misma baja el nº 2 de la promoción, el Rvd°. Padre Teófilo, a causa de encubiertas intrigas políticas pesoistas [ocupó pués, así, la primera plaza el nº 3, primo del entonces presidente de la Junta de Andalucía, un Rodríguez de la Borbolla] en connivencia con el pesoista Vicario Gral. Castrense, Mons. Estepa Llaurens, hijo de un expresidiario marxista, muerto a tiros, en plena calle, por un falangista, delante de dicho hijo, según contaba el finalmente Coronel del Cuerpo Castrense del Ejército de Tierra, Rvdo.Padre Lic. Blanco Yenes, penado una vez y así postergado por dicho obispo, futuro cardenal con residencia en Roma, Prefecto, durante un tiempo, de la Congregación para el Clero. Al Padre Blanco, según contó al Padre de Perea, Estepa lo penó achacándole un romance carnal con la esposa del Capitán General de la Segunda Región Militar de España. El Presbítero que esto redacta fue luego adscrito al Mando Aéreo de Combate de Torrejón de Ardoz. Párroco Personal de la Misión Católica Española en Suiza, de Frauenfeld, Pfin, Weinfelden, Schafhausen, ... , y substituto permanente en Stein am Rhein (Alemania) . Provisor Parroquial de Flims y Trin (cantón Grisones), en 1989-90; Provisor Parroquial (substituto temporal del titular) en Dachau Mittendorf y Günding (Baviera), etc.. Diplomado en alemán por el Goethe Institut de Madrid y el de Bonn (mientras se hospedaba en la Volkshochschule Kreuzberg de esa ciudad renana, natal del insuperable Beethoven, cuya casa visitó con profundo deleite) . Escolástico e investigador privado en Humanidades, defensor crítico del Magisterio Solemne Tradicional de la Iglesia Católica y fundamentalmente tomista, escribe con libertad de pensamiento e indagación, cultivador ardiente de la dialéctica, mayéutica de la Ciencia. Su lema literario es el de San Agustín: "In fide unitas, in dubiis libertas et in omnibus Charitas". Ora en Ontología, ora en Filosofía del Derecho y en Derecho Político admira principalmente a los siguientes Grandes: Alejandro Magno (más que un libro: un modelo para Tratados) discípulo de Aristóteles; éste es el primer filósofo absoluto y a la vez científico universal habido en la Humanidad, y es el mayor Maestro del Sacerdote en cuestión; Aristóteles, denominado por los Escolásticos, justamente: "El Filósofo", que lo es por antonomasia; siguen Platón, San Isidoro de Sevilla, Santo Tomás de Aquino (O.P.), San Juán de Ssnto Tomás, Billuart, más sún los Supremos colosalísimos Teólogos Carmelitas conocidos como "Los Salmanticenses", los dominicos Fray Domingo Báñez, el Ferrariense, Fray Domingo de Soto, Goudin, Vitoria, muy especialmente Fray Norberto del Prado y el inconmensurable Fray Santiago Ramírez, O.P. , los Eminentísimos, sapientísimos y Reverendísimos Cardenales dominicos Tommaso De Vio (de sobrenombre "Cayetano"), Zigliara, y González (Arzobispo de Toledo, Primado de España, y luego Arzobispo de la entonces más extensa Archidiócesis hispalense) ; además su profunamente admirado Fray Cornelio Fabro, el M.Rvd°. Padre Doctor Don Jaime Balmes y Urpiá; Fray Magín Ferrer, los Ilustrísimos y distinguidísimos Señores Don Ramón Nocedal y Romea, Don Juán Vázquez de Mella, Don Enrique Gil Robles, Victor Pradera, Aparisi y Guijarro, el Excelentísimo Señor Marqués de Valdegamas Donoso Cortés, Los Condes De Maistre y De Gobineau, el R.P. Taparelli D'Azeglio, S.J.; S.E. el General León Degrelle, Coronel de las Waffen SS Wallonien, Fundador del Movimiento católico "Rex", el Almirante y Excmº. Sr. Don Luis Carrero Blanco (notable pensador antimasónico, "mártir" de la conspiración de clérigos modernistas, y afines, subversivos, de la judeoleninista ETA, y de la CIA del judío sionista perverso Henri Kissinger), S.E. el Sr. Secretario Político de S.M. Don Sixto (Don Rafael Grambra Ciudad, autor de, entre otros libros: "Qué es el Carlismo", y "Curso de Filosofía Elemental", libro de texto para el 6° Curso de Bachillerato, durante el Caudillaje), los Catedráticos Don Elías de Tejada y Spínola (con reservas) y el Doctor Usía Don Miguel Ayuso, entre otros grandes pensadores del "Clasicismo Natural" y "Tradicionalismo Católico"; Paracelso, el Barón de Evola, Hans F.K. Günther, Gottfried Feder, Walter Gross, el grandioso y maravillosa fuente de grandes y geniales inspiraciones Friedrich Nietsche, entre otros formidables pensadores; etc. . En Derecho Canónico admira especialmente al Consejero de la Suprema de la Santa Inquisición española, el M.R.P. Dr. Don Manuel González Téllez, así como al excelso Fray Juán Escobar del Corro, O.P., Inquisidor de Llerena; Por supuesto que no se trata de ser pedisecuo de todos y cada uno de ellos, no unánimes en un solo pensamiento ("...in dubiis libertas"). Se distancia intelectual, voluntaria, sentimental y anímicamente de todo aquel demagogo, se presente hipócriamente como "antipopulista" siendo "populista", o lo haga como antifascista, "centrista", moderado, equilibrado, progresista, moderno, creador y garante de prosperidad, o como lo que le dé la gana, el cuál - sometiéndose a la mentira sectaria, propagandística y tiránica, inspirada en cualquiera de las "Revoluciones" de espíritu judío (: la puritana cronwelliana (1648,) la judeomasónica washingtoniana (1775), la judeomasónica perpetrada en y contra la Iglesia Católica y Francia en 1789, y las enjudiadas leninista y anarquista) - ataque sectariamente o vilipendie a Tradicionalistas, franquistas, Falangistas, Fascistas, Nacionalsocialistas honestos, Rexistas, etc., o se posicione nuclearmente, a menudo con la mayor vileza inmisericorde, y a veces sacrílega, contra mis Camaradas clasicistas, ora supervivientes a la Gran Guerra Mundial y Cruzada Universal (1914-18 [1936-39 en España] y 1939-45), ora Caídos en combate o a resultas. Se sabe y siente parte de la camaradería histórica y básica común con los tradicionalismos europeistas vanguardistas de inspiración cristiana (al menos parcial), y con sus sujetos, aliados de armas contra la Revolución (jacobina, socialista, comunista, anarquista). También acepta el frente común con nietschanos y protestantes tolerantes, del siglo XX y XXI, en cuanto camaradas "de las mismas trincheras de la Gran Guerra", que continuamos sólo con las armas espirituales.
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