WANDERVOGEL, Wikipediaeaufsätze (mit von C.B. neu eingefügten Lichtbildern) als V. Anhang zu “Gleichgeschlechtigkeit in der NSDAP …” bei “Ricardodeperea.wordpress.com”..

VERZEICHNIS DER IN DIESEM “BLOG” VON MIR AUSGELEGTEN ZUSAMMENSTELLUNG:

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V. ANHANG ZU: Gleichgeschkechtigkeit in der NSDAP … II. Teil .

 

Fassung vom 5. Dezember 2015 um 18:27. Manche Lichtbilder sind von mir eingefügt worden:

                 Hans Blüher

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(* 17. Februar 1888 in Freiburg in Schlesien; † 4. Februar 1955 in Berlin) war ein deutscher Schriftsteller und Philosoph.

Als frühes Mitglied und „erster Historiker“ der Wandervogelbewegung erlangte er in jungen Jahren große Bekanntheit. Dabei half ihm sein von Tabubrüchen begleitetes Aufbegehren gegen die Traditionseinrichtungen Schule und Kirche. Teils interessiert aufgenommen, teils als skandalös empfunden und bekämpft wurden seine Ausführungen zu homosexuellen Aspekten im Wandervogelbetrieb, die Blüher bald darauf zu einer Theorie der männerbündischen Gesellschaft ausbaute.

In der Übergangsphase vom Kaiserreich zur Weimarer Demokratie atheistisch und zeitweise sozialistisch orientiert, entwickelte Blüher sich in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg zum Protestanten, Antisemiten, Antifeministen und Monarchieanhänger, der 1928 auch Gelegenheit erhielt, den vormaligen Kaiser Wilhelm II. im holländischen Exil zu treffen. Vom Nationalsozialismus wandte Blüher sich nach eigenen Angaben ab, nachdem 1934 der SA-Führer Ernst Röhm auf Befehl Hitlers ermordet worden war („Röhm-Putsch“).

Seit 1924 lebte Blüher, der eine Ärztin geheiratet und mit ihr zwei Kinder hatte, als freier Schriftsteller und behandelnder Psychologe in Berlin-Hermsdorf. Hier arbeitete er nach seinem Rückzug aus dem öffentlichen Leben in der NS-Zeit an seinem 1949 erschienenen philosophischen Hauptwerk „Die Achse der Natur“.[1]

1) Schüler des humanistischen Gymnasiums Steglitz:

https://i1.wp.com/www.hijstek.nl/archief/bluher/images/bluherjeugd.gif1896 verließen Blühers Vater, der Apotheker Hermann Blüher, und seine Frau Helene mit dem achtjährigen Hans das schlesische Freiburg und verlegten ihren Wohnsitz zunächst nach Halle und 1898 nach Steglitz, wo der nun Zehnjährige auf das örtliche Gymnasium geschickt wurde. In seiner 1912 vorgelegten ersten Abrechnung mit dieser Schulzeit schrieb Blüher:

„Die geistigen Freuden sind die reinsten und vollendetsten, sie bleiben das ganze Leben über ungeschwächt erhalten und lösen dauernd neue Glücksgefühle aus. Man sollte nun erwarten, daß ein Institut wie die Schule, das sich nur mit geistigen Dingen abgibt, und in der frischesten Zeit des Lebens, geradezu einen Freudentaumel des Entdeckens und Begreifens erzeugen müßte: – Und sie erzeugt gerade das Gegenteil! Sie arbeitet nicht nur mit gelegentlichen Überanstrengungen und Schwierigkeiten, die natürlich auch bei der freiesten geistigen Arbeit nicht zu vermeiden sind, sondern mit einem ganz immensen Unlustüberschuß. Und dieser wird noch dazu einem Lebensalter zugemutet, das wegen seiner Zartheit und Freudebedürftigkeit hierzu am allerwenigsten geeignet ist. Auf diesen jungen Schultern liegt in der Tat eine Last, an die der Mann nur noch mit Grausen zurückdenkt und die ihm noch unaufhörlich in seinen Träumen lebendig wird. […]
Die in der Schule gelehrte ‚Wissenschaft‘ und die gesamte Kulturauffassung, die dort vertreten wird, ist ja keine freie, sondern eine restlos angewandte. Sie steht im Dienste aller möglichen Ideale und sonstiger Vorurteile; der Patriotismus und die Religion erfordern, um in den Schülerherzen festen Boden zu finden, eine ganz beträchtliche Färbung und Fälschung der Wirklichkeit. […] Woher soll da geistige Freude kommen, wenn dem Schüler das Instrument verstimmt ist, auf dem er sie hervorspielen könnte …?“[2]

 

Später urteilte Blüher teilweise deutlich milder und dankbarer. Schuldirektor Robert Lück, den Blüher noch 1912 als einen etwas engstirnigen christlichen Pädagogen geschildert hatte,[3] erfuhr in der Zweitfassung von Blühers autobiographischer Darstellung „Werke und Tage“ eine Aufwertung. Blüher würdigte Lücks Lebenswerk und bezeichnete die Auswahl des Lehrerkollegiums als meisterhaft: „Wie er das eigentlich fertiggebracht hat, ist jedermann ein Rätsel geblieben. Er hatte hier ein offenbares Charisma. Fast glich das Kollegium einem Orden.“[4]

In seinem Lebensrückblick stellte Blüher seine frühere Schule in die Reihe jener Gymnasien, denen er eine herausragende Rolle im deutschen Kulturleben zuerkannte. Nirgends sonst in Deutschland sei der Boden für den Streit der humanistischen Bildungsmacht und der romantischen Gegenbewegung so fruchtbar gewesen; der Wandervogel und die Jugendbewegung hätten nur hier entstehen können.[5]

 2) Wandervogel der besonderen Art:

;10:

In den Wandervogel aufgenommen wurde Hans Blüher 1902 als 33. Mitglied. Dabei handelte es sich um eine feierliche Prozedur, die Karl Fischer für jeden der neu einrückenden „Füchse“ abhielt. Nach einer Belehrung über Ziele und Gedanken der Wandervogelbewegung wurde der Aspirant darauf eingeschworen, dem Oberbachanten Fischer[6] sowie seinen Bachanten und Burschen die Treue zu halten und wo nötig zu gehorchen. Versprach er dies in Gegenwart mindestens zweier weiterer Zeugen, die das Versprechen beglaubigten, so trug Fischer den Namen in das Scholarenbuch ein.[7]

Hans Blüher begriff diese Gemeinschaft als eine Protestbewegung gegen die „verwitterten Ideale“ der „alten Generation“, denen man durch eigene Anschauungen und Erfahrungen energisch widerstehen müsse.[8] Gegenüber allen pädagogisierenden und auf einen bequemen Wanderbetrieb gerichteten Tendenzen nahm Blüher eine strikt ablehnende

         [Lichtbild:  Karl Fischer]

Haltung ein. Vorgaben, wonach aus Rücksicht auf jüngere Teilnehmer die Quartiersuche frühzeitig stattzufinden habe, zeigten für ihn nur „mangelndes Verständnis für das große Erlebnis des Grauens, das der Wald und die Nacht in den Gemütern auch der Älteren erzeugt.“ Es liege eine weichliche Vernachlässigung der jungen Persönlichkeit darin, „die Kraft solcher wertvollen Stunden zu brechen“. Auch von Empfehlungen, bei anhaltendem Regen die Wanderung vor Erreichen des Ziels abzubrechen, um Kleidung und Stimmung nicht nachhaltig zu beeinträchtigen, hielt Blüher wenig: „Das alles empfiehlt sich in der Tat für schwache Gemüter, die sich von vornherein sagen müssen, daß sie nicht die Kraft haben, die Unbilden der Witterung mit dem Überschwang ihrer Jugendlichkeit zu übertönen, und wer die alte Wandervogelbachantik kennt und kein Degenerat ist, der kennt auch die unvergeßliche Pracht solcher verzweifelten Regenwettermärsche.“[9]

2,1) Steglitzer mit speziellem Elitebewusstsein:

In hymnischen Worten blickte Blüher noch in seinem sechsten Lebensjahrzehnt auf jene märkischen Landstriche zurück, in denen die Steglitzer Wandervögel ihre wochenendlichen Naturerlebnisse suchten und fanden. Diese etwa im Vergleich zu Süddeutschland unscheinbare Landschaft wollte entdeckt sein „mit der ganzen Glut und Geschmeidigkeit unseres Herzens: diese Landschaft mußte bezwungen werden, ihr Götterwort mußte uns zukommen, sonst wären wir Jugend zugrunde gegangen am unreinen Atem der Väterkultur. […] Das Nuthetal, auf dem die ersten Feuer der Jugendbewegung brannten, hatte uns getränkt mit der geschichtlichen Kraft, die seit Jahrhunderten in ihm stak, und uns zu sich genommen. Wir stiegen von seinen Hügeln ab und waren ein Stand.“[10]

In der Steglitzer Gesellschaft bildeten diese ungewohnten Formationen von Jugendlichen einen sehr eigentümlichen Kontrast zur sonstigen Bürgerschaft, wenn sie nach ausgiebiger Wanderung heimkehrten:

„In Steglitz war nun alles lebendig geworden. Die sauberen Knaben der wohlgenährten Bürger gingen in neuen Anzügen auf der Albrechtstraße spazieren, kleinen Mädchen folgend. Die Fichteberg-Aristokratie und der Halbadel hatten eben die Kirche hinter sich und man stolzierte mit verglasten gottnahen Augen nach Hause. Wenn ihre Söhne die bunten Schülermützen zogen, so faßten sie den Schirm stets nur mit zwei Fingern an, denn die drei andern mußten das schmucke Handschuhpaar halten. Man grüßte und ehrte viel. – Und dazwischen nun diese wildfrohen Gestalten, dieses bunte Gemengsel toller Pennäler! Sie traten mit ihren klobigen Stiefeln auf das zarte Pflaster; der Eine von ihnen hielt sich hinterwärts fest, denn Wolf hatte ihn den sandigen Abhang des Havelberges hinuntergeworfen, und da waren ihm die Hosen klaftertief geplatzt. […] ‚Der verrückte Fischer!‘ sagte man nur und ging weiter.“[11]

Hans Blüher, dem sein markant-hageres Äußeres den Fahrtennamen „Gestalt“ eintrug, entwickelte sich zu einem der treuesten Anhänger Fischers, hatte seinerseits an Fischer aber auch entscheidenden Rückhalt in seinem Wandervogel-Dasein. Von einer Sommerfahrt an den Rhein 1903 wurde Blüher vom Fahrtleiter Siegfried Copalle wegen mangelnder Einordnung nach Hause geschickt, was Fischers Billigung nicht fand. Dieser stellte sich auch in der Folge schützend vor ihn.[12]

Einen ebenfalls äußerst nachhaltigen Eindruck auf Hans Blüher machte der vermögende Rittergutsbesitzer Wilhelm (Willie) Jansen, den Blüher, nun selbst Fahrtleiter, bei einer Sommerreise 1905 von der Rhön bis an den Bodensee mit seiner Gruppe kennengelernt und für die Wandervogelbewegung gewonnen hatte. Über Jansens Wirkung schrieb er:

„Jansen bezaubert die Jugend durch sein Wesen, im Nu hat er die westdeutschen Schulen für den Wandervogel erschlossen, und die jungen Menschen hängen wie die Kletten an ihm. Es war natürlich nichts Anderes, als das damals mit Fischer: Heroenliebe. Aber hier zweifellos in gesteigerter Form. […] Man mag es glauben oder nicht, aber ich habe es in zahlreichen Briefen gelesen und von zahlreichen jungen Leuten selbst gehört; es war wirkliche Erotik, die hier ausbrach.“[13]

Wie zuvor Karl Fischer wurde nun Wilhelm Jansen der idealisierte Jugendführer, der durch Charisma und Begabung zu seiner Autorität kam und nicht durch Paragraphen oder Macht – wie es den Lehrern vorgeworfen wurde. Durch das Element der Freiwilligkeit erhielt das Modell des Jugendführers eine ungeahnte Dynamik, die zumeist als romantisch-schwärmerisch bis faszinierend-unheimlich beschrieben wurde. Die Selbsterziehung der Jugend machte es überdies möglich, sich von den als überkommen erlebten Traditionen der Elterngeneration loszusagen und eigene Wege des Erwachsenwerdens zu erproben.[14] Zumindest für Blüher wurde Jansen zur stilbildenden Persönlichkeit der Jugendbewegung:

„Jansen gehörte zu den Ersten, die anstelle des barbarischen und vielfach geschmacklosen deutschen Turnens die antike Gymnastik einsetzen wollten, denn diese natürlichste Art der Körperkultur war ja nur durch die christliche Kultur beseitigt worden und das Turnen war ein höchst unvollkommener Ersatz dafür. Die erste deutsche Palästra in Charlottenburg bei Berlin war von Jansen erbaut worden, auf seinem Gute stand eines der ersten Licht- und Luftbäder, und sein Kapital arbeitete überall da mit, wo es galt, die Prüderie und Verheimlichung zu überwinden und an ihrer Stelle die edle Offenheit des Nackten wieder aufleben zu lassen. Die Körperkultur-Bewegung, die heute immer weiter und deutlicher fortschreitet, verdankt Jansen mit ihre ersten Erfolge.“[15]

 :

Das Motiv des als ursprünglich und wahrhaftig wahrgenommenen nackten Körpers findet sich nicht nur in der Jugendbewegung, sondern auch in anderen Formen lebensreformerischer Gruppierungen und Ideengebäude. Hier wie da wurde vorwiegend der Bezug zu der als edel und wahr idealisierten Nacktheit antiker Kulturen hergestellt.

2,2) Geschichtsschreiber der Bewegung

Sieben Jahre verbrachte Hans Blüher, der 1907 sein Abitur ablegte, in der Wandervogelbewegung, bevor er 1909 ausschied.[12] Doch auch danach riss die Verbindung nicht ab, zumal Blüher auch während des Aufspaltungsprozesses der Organisation zu seinen frühen Freundschaften stand und Deutungshoheit über die Entwicklung der Bewegung reklamierte, nach eigenem Bekunden dabei angespornt und unterstützt von Willie Jansen, der ihn auch gedrängt haben soll, einer Darstellung der Wandervogel-Entwicklung von anderer Seite durch ein eigenes Werk zuvorzukommen.[16]

Im Titel bereits erhob der im Erscheinungsjahr 1912 Vierundzwanzigjährige den Anspruch, Aufstieg, Blüte und Niedergang der Bewegung zu erfassen und verständlich zu machen. Dabei kam es ihm darauf an, schrieb er im Vorwort, das scheinbar Unverknüpfte zusammenzubinden und das Bewegende an den Bewegungen zu finden. Im Gegensatz zum bloßen Chronisten müsse jeder Geschichtsschreiber sich dieser subjektiven Seite seines Schaffens stellen.

„Dabei können ihm große bedeutende Irrtümer unterlaufen, entscheidende vielleicht, während der Chronist sich im besten Falle zu einem Schreibfehler aufschwingt […]. Ich habe die Geschichte der Jugendbewegung zu beschreiben, deren innerstes Wesen, soweit ich es verstanden habe, eine solche Fülle interessanter Tatsachen birgt, daß es sich wohl lohnt, über sie nachzudenken; eine Bewegung, die ganz uns gar aus der Jugend selber geboren wohl die merkwürdigste ist, die je über deutschen Boden gegangen. Aber eben nur das Innere ist merkwürdig, das Nichtgesagte, Verschwiegene. […] Es war eine Jugend, die zu Wochentagen an sauberen Tischen aß und der man nichts ansehen konnte, die dann an nebligen Festen durch braune Heiden und sandige Landschaften strich in wilder Kleidung, bepackt und zerzaust, nicht wiederzuerkennen, die zu nächtigen Zeiten an Feuern lag und zu einander redete von niegesagten Dingen voller Zorn, Verdrossenheit, Ueber- und Schwermut.“[17]

Den institutionellen Beginn der Wandervogelbewegung deutete Blüher als „genialen Streich“ Karl Fischers gegen Schulgesetze und staatliche Behörden, die den Schülern eigene Vereinigungen untersagten. Indem er eine Reihe angesehener Steglitzer Bürger als Vorstand des „Ausschusses für Schülerfahrten“ gewann, konnte er seine Gründung auf ein dauerhaftes Fundament stellen und schuf zugleich das Muster für weitere Initiativen: „Dieser Ausschuß war der eigentliche Verein, er wurde der Schule präsentiert, und die Namen der Männer bürgten dafür, daß alles mit rechten Dingen zuging. Ganz getrennt davon bestand die eigentliche Jugendbewegung mit ihren Führern; es wurde dafür gesorgt, daß der Ausschuß möglichst wenig damit zu tun hatte, nur Geld und Namen hergab und, wie gesagt, der Oeffentlichkeit gegenüber ‚bürgte‘. Die Schüler selbst wurden in das „Scholarenbuch“ eingetragen, waren aber nicht Mitglieder des Vereins, sondern standen nur in einer Liste, wo man ihre Adressen finden konnte.“[18]

Zur Gründungssitzung erschien Fischer mit einigen seiner Getreuen, darunter der Mechanikerlehrling Wolf Meyen, dem bei der allgemeinen Suche nach einem Vereinstitel als Jüngstem die zündende Idee kam, wie Blüher berichtet:

„‚Wenn das Kind nun einmal einen Namen haben muß, meinte Wolf Meyen, warum soll man’s da nicht ‚Wandervogel‘ nennen!‘ Damit war’s geschehen: d a s Wort war indiskutabel! Zehntausende junger Menschen sollten sich an ihm begeistern und darin den Sinn ihrer Jugend finden.“[19]

Meyen hatte auf dem Berlin-Dahlemer Friedhof das Grab von Kaethe Branco geb. Helmholtz (1850–1877) und dessen Inschrift gesehen: „Wer hat euch Wandervögeln die Wissenschaft geschenkt […]“.[20]

Die Vereinsgründung fand Anfang November 1901 statt; die nachfolgenden Wintermonate nutzte Fischer zur Rekrutierung weiterer geeigneter Mitstreiter, die er in der nächsten Wandersaison für Führungsaufgaben einsetzen konnte.

„Als es dann aber Frühling zu werden begann, da setzte er sich mit einigen Schuldirektoren in Verbindung, die ihm ihre Aula zur Verfügung stellten, und hier trat er dann offen vor die versammelte Jugend und redete zu ihr vom Wandern und von der Herrlichkeit des Zigeunerlebens; aber er sprach in vorsichtigen Worten. Und es dauerte denn auch nicht lange, da kamen an die hundert Berliner Schüler zusammen aus allen Vororten, gelockt durch den romantischen Zauber, den Fischer und noch mehr seine Bachanten um sich her verbreiteten.“[21]

Gegenüber Ideen, die dem Wandervogel im Zuge einer „Pädagogisierung“ angetragen wurden, nahm Blüher zunächst eine süffisant-ablehnende Haltung ein. So polemisierte er gegen die „landläufigen patriotischen und gutbürgerlichen“ Ideale der Väter, „wie man sie in der Zeitung zu lesen bekommt und womit man sich als Kandidat eines staatlichen Amtes nur recht reichlich zu versehen hat, um einer guten Karriere gewiß zu sein.“ Sie seien zur Reklame unübertrefflich geeignet:

„Auf allen Flugschriften und Zeitungen des Wandervogels sah man sie ausgehängt, auf ihren Lockruf strömten Ministerien und Schulbehörden nebst einer ganzen Hetze protektorischer Mächte herbei und jedes forderte seinen Tribut von der Jugendbewegung, die immer ärmer wurde. Da schrien sich junge Studentlein auf nationalen Versammlungen den Hals wund und priesen in überschwenglichen Tönen die hohe patriotische und sittliche Bedeutung des Wandervogels, und wehe dem, der hier etwa eine naivere Auffassung zu haben wagte: er war ein ordinärer Kerl, der nichts verstand von den großen Gedanken der Menschheit.“[22]

Schließlich dämmerte für Blüher in der Geschichte des Wandervogels „eine Zeit auf, die den Stempel der Moderne trug“:

„Die große Abstinenzbewegung ist da vor allen Dingen zu nennen, dieser entscheidende Plan der zivilisierten Menschheit, der mit jeder Alterskultur zu brechen den Mut hat; ferner als Gegensatz zu der verlogenen Geschlechtertrennung, wie sie die Eltern übten, eine größere Annäherung der Geschlechter in der Jugend: das Mädchenwandern. Hinzu kam die Pflege des Volksliedes und vieles andere. […] Diese Teile der Bewegung standen geistig höher und brachten es auch zu einer lesbaren Zeitungsliteratur, während die Nur-Romantiker hierin nie weit gekommen sind.“[23]

Die Aufnahme von Mädchen in den Wandervogel war allerdings unter Karl Fischer strengstens verboten, da dadurch eine Aufweichung der als polar vorgestellten Geschlechterbilder befürchtet wurde: eine Verweiblichung der Jungen und eine ‚Verbubung’ der Mädchen. Geist und Natur der Jungen wurden exklusiv mit klassischen männlichen Attributen wie Härte, Abenteuerlust, Disziplin, Kühnheit, Entschlossenheit und körperlicher Stärke belegt. In der Bindung an einen männlichen Führer galt es, die eigene Männlichkeit zu entwickeln und das nicht nur in Abhebung von Frauen und Mädchen, sondern auch von den als brauchbaren Vorbildern ausgefallenen leiblichen Vätern. Damit bestätigte der Wandervogel die damals vorherrschenden sozialen Geschlechterrollen und –praktiken, die ein Zusammensein von Jungen und Mädchen ohne die Aufsicht von Erwachsenen ausschlossen.

2,3) Zeitkritiker und Tabubrecher: Knabenliebe:

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Nicht selten schlug Blüher in seiner Wandervogel-Geschichte einen ironischen oder polemischen Ton an, wo er die Bewegung ihrem Ursprung entfremdet fand oder mit den Wertvorstellungen „der alten Generation“ angereichert. Allergisch reagierte er z. B. auf die Appelle älterer Offiziere, die dem Wandervogel nationale Pflichten und Aufgaben zuwiesen. Demgegenüber kam es ihm darauf an, „das genügende Gelächter aufzubringen, das das einzig wirksame Gegengewicht für jenen Kriegsvereinspatriotismus bilden kann.“ Als Zeichen innerer Reife verbuchte er „die selbstverständliche Achtung vor der Liebe anderer Völker zu ihren Vaterländern“. Lachhaft erschien ihm 1912 die Personifizierung und Vergötzung des Vaterlands etwa durch Germania-Statuen, und für fatal hielt er das Gelöbnis der „Treue bis in den Tod“, verbunden „mit der planmäßigen Hinschlachtung anderer Völker“:

„Zwei Mächte also sind es, die dauernd zum Völkermord anreizen: gewisse rechtsstehende politische Parteigruppen, die sogenannten ‚Scharfmacher‘ und mit ihnen Hand in Hand gehend – die Schulmeister, besonders jene gefährlich Sorte der Historienlehrer (auch Religionslehrer mitunter). Das sind so Leute, die so zurückgeblieben sind, um noch gar nicht zu wissen, daß der Krieg zwischen Kulturvölkern heute längst als ein unrentables Geschäft erwiesen ist, bei dem auch der Sieger nicht viel mehr ernten kann, als seinen volkswirtschaftlichen Ruin und eventuell eine Invasion von Halbkulturvölkern.“[24]

Weder die vaterländischen Impulse noch ein bloßer Erholungszweck – weg vom „Bücherstaub“ zur Wiederherstellung der Lernbereitschaft – waren für Blüher ausschlaggebende Motive der Wandervogelbewegung, sondern ein triebhafter Wunsch beim Großteil der Bewegung, sich in der romantischen Rückkehr zur Natur von der Kultur der Väter abzuwenden: „Eine tiefe moralische Korruption, eine schier unsagbare Verlogenheit in fast jeder ernsteren Beziehung muß überall da herrschen, wo die Jugend zu einem Gedanken hergerichtet wird, statt zu sich selbst und zu den realen Verhältnissen.“[25]

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Blühers nachhaltigster Verstoß gegen Wertekodex und Tabugesetze der Vätergeneration bestand in seinem Bekenntnis zur männlichen Homoerotik und zu ihrem Einfluss auf die Wandervogelbewegung. Über das Phänomen selbst war er im altsprachlichen Schulunterricht aufgeklärt worden. Da wurde Ion von Chios mit einer Stelle behandelt, in der Sophokles einen ihn beim Gastmahl bedienenden Knaben küsst und sich in ihn verliebt: „Diese Stelle nun mußten die Schüler übersetzen und bekamen so eine Seite des antiken Lebens zu erfahren, die ihnen sonst geflissentlich verheimlicht wurde. Sie schüttelten die Köpfe und wußten nun gar manches mehr. Sie fanden sich wohl auch in ihrem eigenen Leben besser zurecht.“[26] In seinen Lebenserinnerungen schildert Blüher das Steglitzer Gymnasium seiner Schülerzeit als einen Ort, wo homoerotische Beziehungen unter den Jungen sehr verbreitet waren:

„Es ist mir aber nicht ein einziger Fall bekannt, wo eine solche Knabenliebe zu lüsternen Attacken geführt hätte. Es gehörte bei uns einfach zum guten Ton, Knaben vor der Reife nicht zu berühren. […] Unter Gleichaltrigen dagegen waren die erotischen Beziehungen entschieden lebhafter; hier packte uns der vollentflammte Eros und riß uns durch alle Dunkelheiten mit sich fort.“

 

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Blüher selbst soll nach Hergemöller in diesen Jahren durch eine Reihe homoerotischer Eskapaden aufgefallen sein. Ein unglücklich in ihn verliebter Schlossergeselle brachte sich, wie Blüher bezeugt, auch seinetwegen um.[28] Ulfried Geuter, der auch den privaten Nachlass Blühers für seine Studie ausgewertet hat, bestätigt hingegen dessen heterosexuelle Orientierung und zitiert aus einem Brief Blühers an seine Eltern, „daß es nur eine Macht- und Zufallsfrage war, die das Zünglein nach dieser Seite ausschlagen ließ“, weil er jahrelang „Pech in der invertierten Richtung“[29] gehabt habe, was zu deren Einschlafen geführt habe. Louise dagegen, seine Geliebte, übe nun bereits dreieinhalb Jahre lang eine zwar kaum leidenschaftliche, aber doch gleichmäßige und starke Wirkung auf ihn aus.[30]

Allgemeine Bedeutung für die Wandervogelbewegung nahm das Thema Homosexualität an, als Willie Jansen, unterdessen Bundesvorsitzender des Wandervogels in Berlin, in einer Vorstandssitzung zwar die gegen ihn selbst gerichteten Vorwürfe diesbezüglicher unerlaubter Handlungen dementierte, seinen Vorstandskollegen aber Naivität und Ahnungslosigkeit hinsichtlich der homoerotischen Aspekte des Wandervogellebens bescheinigte und ergänzte, man würde in dieser Sache wohl vorsichtiger vorgehen, wären sich die Herren dessen bewusst, was sie selbst an der Wandervogel-Jugend interessierte. „Das war“, kommentiert Blüher, „eine ungeheure Sprache, die umso mehr wirken mußte, als in der Tat keiner der alten und jungen Herren eine wirkliche Kenntnis der erotischen Dinge besaß.“[31] Geuter bescheinigt Blüher in diesem Zusammenhang „durch und durch eine Tendenzgeschichte, deren zweiter Band offensichtlich dazu diente, Jansen zu huldigen“.[32]

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Als grundlegend für sein eigenes geistiges Leben bewertete Blüher eine Äußerung Jansens im persönlichen Gespräch: „Wo käme denn die Kraft her, die imstande ist, solche Bewegung unter der männlichen Jugend hervorzurufen, wenn nicht von Männern, die, statt das Weib zu lieben und Familienvater zu werden, den Jüngling liebten und die Männerbünde gründeten?“[33] Durch Jansen lernte Blüher auch den Philosophen und Zoologen Benedict Friedlaender kennen und wurde eingeführt in die von ihnen und Adolf Brand gegründete „Gemeinschaft der Eigenen“, eine Vereinigung homosexueller Literaten, Wissenschaftler und Künstler. Brand gab 1896 bis 1932 die Zeitschrift Der Eigene heraus, in der er sich für die Emanzipation der Homosexuellen einsetzte sowie für „Kunst und männliche Kultur“. Brunotte weist Blüher 1912 als Mitglied sowohl der Gemeinschaft der Eigenen als auch des Wissenschaftlichen-humanitären Komitees von Magnus Hirschfelds aus und sieht Blühers Frühwerk an der Schnittstelle bzw. in einer Brückenfunktion zwischen den unterschiedlichen Konzepten von Homosexualität und Männlichkeit einerseits sowie der Freudschen Psychoanalyse andererseits.[34]

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Den beiden ersten Bänden seiner Wandervogel-Darstellung, die „Aufgang“, „Blüte“ und „Niedergang“ behandelten, fügte Blüher einen dritten unter dem Titel „Die deutsche Wandervogelbewegung als erotisches Phänomen“ hinzu. Widerstände gegen die Verbreitung seiner Schriften hatte er bereits im Vorfeld des Erscheinens richtig vorausgenommen – Schuldirektor Lück kümmerte sich in Steglitzer Buchläden persönlich darum, dass Blühers Bände aus den Auslagen entfernt wurden (was der Nachfrage aber nicht merklich schadete)[35] – und hatte das Erscheinen aller drei Bände vertraglich abgesichert. Es kam ihm darauf an, „die öffentliche Meinung plötzlich zu überfallen, auf einmal, völlig unvorhergesehen da zu sein, und so dazusein, daß man aus dieser Position nicht mehr vertrieben werden konnte.“[36]

„Als der Druck der Aushängbögen sich nun seinem Ende näherte, tat ich folgendes: ich schnitt mit der Schere die harmlosesten Stellen heraus, Landschaftsschilderungen, Fahrtenereignisse, Zeichnungen von Charakteren, was alles in geschicktem fontaneschen Stil verfaßt war, und versandte sie an einige der bedeutendsten Wandervogelzeitschriften, mit dem Begleitschreiben, daß demnächst meine Geschichte des Wandervogels bei Bernhard Weise erschiene und ich sie bäte, den beiliegenden Auszug abzudrucken. Kaum waren die Briefe abgeschickt, so regnete es eilige Anfragen: Was denn das sei …? Man habe ja nicht das Geringste davon erfahren, man bäte sofort um genauere Angaben, besonders aber bäte man darum, doch möglichst einmal das ganze Werk in Fahnenabzügen zu übersenden, damit man einen Überblick bekommen könne; das freilich war es, was ich unbedingt verhindern mußte.“[37]

Blüher schrieb den Interessierten, er habe alle Probeexemplare zerschnitten und weiträumig an Redaktionen versendet, könne daher das Ganze zur Ansicht nicht liefern. Wer einen größeren Posten ordere, erhielte aber innerhalb einer angemessenen Sperrfrist das Alleinvertriebsrecht. So gelang es ihm, auf einen Schlag 1500 Exemplare des ersten Bandes abzusetzen. Für das Erscheinen des zweiten und dritten Bandes ein halbes Jahr später schloss er mit zahlreichen Zeitungen Vorverträge für Anzeigen und Vertrieb ab, die dann unabhängig vom gewagten Inhalt des Werkes zu erfüllen waren:

„Entsetzliche Lage! Es muß ein Gefühl gewesen sein, wie es jemand hat, der ein Gift geschluckt hat und nun mit voller Gewißheit weiß: in wenigen Minuten wird der furchtbare Krampf in den Gedärmen beginnen, der dich vernichtet. Das gefürchtete Buch kam mit unheimlicher Gewißheit über sie; sie waren von allen Seiten umstellt, und es gab kein Entrinnen. Und nun kam gar das von mir bekräftigte Gerücht auf, daß ein ‚dritter Band’ erscheinen würde. Was mag wohl in diesem gar drinstehen …? Ich bekam Briefe über Briefe aus Wandervogelkreisen, die mich warnten, doch mit dem ‚Lebensinteresse‘ der Jugend nicht zu spielen und es nicht gar zu weit zu treiben. Ich würde doch nicht etwas zerstören wollen, was ich selbst mit aufgebaut hätte. Aber ich blieb unerschüttert in meinem einmal gefaßten Entschluß, und mein Kriegsplan funktionierte, nachdem er einmal angelaufen war, wie eine allgemeine Mobilmachung, mit eigenmächtiger Mechanität. […] Damit war der große Schlag getan. Die Wandervogelbourgeoisie war in eine unerhörte Aufregung versetzt, die Schulbehörden waren es gleichfalls, die Eltern, verwirrt und ratlos, wußten nicht, was sie sagen sollten, kurzum, es gab einen großen Tumult.“[38]

Der Journalist Christian Füller sieht in Blüher einen Verteidiger der Päderastie.[39]

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3) Freudianer eigenen Zuschnitts:

In der Endphase seiner Arbeit an der Wandervogel-Geschichte, so berichtet Blüher in seinen Lebenserinnerungen, sei ihm von dem daheim in Lichterfelde-Ost einen Gesprächskreis zur Lehre Sigmund Freuds unterhaltenden Psychotherapeuten Heinrich Koerber die Lösung eines theoretischen Problems eröffnet worden, das Blühers homoerotischen Deutungsansatz der Wandervogelbewegung betraf. Bis dahin ungeklärt war für ihn, „daß mindestens die gleiche Anzahl von Jugendführern, die genau so ihre ganze Zeit dem Wandervogel widmeten, statt zum Weibe zu gehen, keinerlei erotisch zu deutende Handlungen begingen, ja sogar – und das schien mir das Unverständliche zu sein – diese Handlungen leidenschaftlich bekämpften, und, wo andere sie begingen, ebenso leidenschaftlich verfolgten.“[40] Koerber verwies ihn auf die Lektüre des seinerzeit nur in Fachkreisen bereits bekannten Freud. Bei den Ausführungen zum Ödipus-Komplex fiel es Blüher „wie Schuppen von den Augen“:[41]

„Ich lernte den grundlegenden Begriff der Verdrängung kennen. Dieser hat im Bereiche der empirischen Psychologie durchaus die gleiche Wirkung wie etwa der Begriff der Gravitation in der Mechanik. Kennt man solche – nur vom Genie entdeckbaren – Grundbegriffe nicht, so kann man die zugehörige Wissenschaft überhaupt nicht betreiben; es sei denn man begnügt sich mit bloßen Wahrnehmungsurteilen. Der Begriff der Verdrängung hat das Gesetz der Unzerstörbarkeit der psychischen Energie zur Voraussetzung und bestätigt es genau in derselben Weise, wie durch die Entdeckung des mechanischen Wärmeäquivalentes die Erhaltung zunächst der nichtpsychischen Energie bestätigt wird. […] Freuds Begriff der Verdrängung besagt, daß ein sexueller Trieb, wenn er dem Bewußtsein nicht tragbar erscheint, durch einen unbewußten psychischen Mechanismus – eben den der Verdrängung – ins Unbewußte gestoßen wird, dort aber keineswegs der Vernichtung unterliegt – was wegen der a priori gewissen Energieerhaltung unmöglich ist –, sondern mit einem ‚negativen Vorzeichen‘ versehen, als Angst, Ekel, Scham usw. wiederkehrt, wenn er durch ein erweckendes Motiv ins Bewußtsein zurückgeholt wird. Nachdem ich diesen durch seine Großartigkeit und Einfachheit imponierenden Gedanken erfaßt hatte, wurde mir blitzartig die ganze Situation zwischen den Männerhelden und ihren Verfolgern klar. Sie waren beide aus demselben Holz geschnitzt; beide waren dem jugendlichen männlichen Menschen mit Haut und Haar verfallen […] Der Männerheld aber sagte zu seiner eigenen Natur ja, kannte sie und lebte nach ihr; der Verfolger aber verdrängte diese Verfallenheit samt ihrer äußersten wollüstigen Ausdrucksform. So vollzog sich die Umwandlung in Angst. […] Der Verfolger also kämpft – und zwar vergeblich – gegen die Einsicht, er könnte Knabenliebhaber sein, an, und um ganz sicher zu gehen, verlegt er seinen inneren Kriegsschauplatz nach außen; er verfolgt die vollendeten selbstbejahenden Männerhelden. Mit dieser Theorie vom ‚nach außen verlegten Kriegsschauplatz’ war für mich das Rätsel gelöst und das Spiel gewonnen. Meine Theorie war aus der Sphäre der Wahrnehmungsurteile herausgetreten und zum Erfahrungsurteil geworden, also zur echten Wissenschaft, und die Veröffentlichung wurde damit zulässig.“[42]

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In dem Skandal machenden Band „Der deutsche Wandervogel als erotisches Phänomen“ strich Blüher sein und seiner Weggefährten damaliges Desinteresse am anderen Geschlecht breit heraus:

„Schon die ersten alten Wandervögel, die sich in jenem Berliner Vorort zusammentaten, standen in dem Rufe, „Weiberfeinde“ zu sein. Das heißt, man sah sie niemals auf der Hauptstraße gegen Abend mit Mädchen in artige Liebeskonflikte verwickelt. Die Wandervögel ‚poussierten’ nicht. Sie gingen auch nicht in die Tanzstunde; tat es aber Einer auf das Drängen der Verwandten doch, so konnte er der ausgesuchtesten Hänseleien sicher sein. Ein Wandervogel mit einem Mädchen zusammen, wäre als Stilverfall empfunden worden, der die ganze Vagantenstimmung auf einen Schlag verdorben hätte. Es war, als ob für diese Jugend das weibliche Geschlecht nicht existierte; man sprach nicht einmal davon.“[43]

Girl scares boy standing back to her isolated on white background

Um die öffentliche Aufnahme seiner Wandervogel-Deutungen zu begünstigen, hatte es Blüher nicht bei vertraglichen Vorkehrungen belassen, sondern hatte als unbekannter Jungautor fachliche Rückendeckung für seine Anschauungen gesucht: „Ich wandte mich daher zweckmäßig an zwei besonders ausgezeichnete Instanzen der Sexualwissenschaft: an den größten Materialkenner des vorliegenden Spezialgebietes Dr. Magnus Hirschfeld – Berlin und den größten Sexualtheoretiker Prof. Dr. Sigmund Freud – Wien.“ Von beiden und noch weiteren um Prüfung Gebetenen wurde sein Ansatz „anerkannt und für gut befunden“; Hirschfeld fand sich sogar bereit zu einem Geleitwort für Blühers dritten Wandervogel-Band.[44] Damit wurde er zu einem wichtigen Gewährsmann auch für Blühers Forderung nach homosexueller Freizügigkeit:

„Magnus Hirschfeld macht in einem seiner Aufsätze einmal die sehr feine Bemerkung, daß die Homosexuellen dadurch, daß sie oft einfache Lieblinge haben, mit ihrer Liebe zu den nützlichsten Förderern der Ausgleichung der Klassengegensätze werden. […] Das wäre die positive Seite, der Gewinneintrag fürs Volksleben. Die negative ist nicht minder wichtig: die Verlustergänzung. Da nach den Forschungen Freuds sich bei den Neurotikern auf psychoanalytischem Wege stets ein mehr oder minder starker invertierter Einschlag aufzeigen läßt, der bei mißglückter Verdrängung die Krankheit mit hat produzieren helfen, so wird die Freigabe des invertierten Liebeskomplexes zu einer psycho-sanitären Forderung im Interesse des Volktumes.“[45]

Blühers Bekenntnis zu den Lehren Sigmund Freuds war für ihn grundlegend und weitreichend. In ihnen sah er „den unbezweifelbaren Höhepunkt der bisherigen Psychiatrie […] und wir wollen uns daran gewöhnen den Beifall vorfreudischer Gelehrter, die mit uns übereinstimmen, geringer zu veranschlagen als die Gegnerschaft orthodoxer Freudianer. Denn heute noch in der Psychologie vorfreudisch zu denken, ist ungefähr so komisch, als in der Erkenntnistheorie vorkantisch zu metaphysizieren.“[46] Anders als Freud verstand Blüher die homosexuelle Neigung jedoch nicht als durch psychologische Prozesse bedingt, sondern als angeboren, und setzte sich damit seinerseits von ihm ab:

„Welches Geschlecht ich zu lieben gezwungen bin, das hat sich in einem Bereich entschieden, der jenseits des Psychologischen liegt. […] Wie ich mich aber dem geliebten Geschlechte gegenüber während meines Lebens verhalte, das unterliegt psychologischen Gesetzen, die nachweisbar sind. Es war ein Fehler in Freuds Denken, daß er den mannmännlichen Eros als ein Ergebnis psychischer Vorgänge auffassen wollte, also letzten Endes doch als eine Abirrung von der mannweiblichen Norm. Er wollte trotz des ausgiebigen Briefwechsels, den ich damals mit ihm führte, die autonome Herkunft nicht anerkennen. Hier schieden sich also unsere Wege.“[47]

Der Unterschied zu Freud lag darin, dass Blüher bei seinen „Männerhelden“ keinerlei neurotische Fehlentwicklung aufgrund der ödipalen Problematik vorliegen sah. Als pathologisch betrachtete Blüher nur die latente und weibliche Homosexualität, nicht jedoch die sexuelle Inversion bei Männern.[48] Er habe, so Geuter, mit seiner Kritik an der Psychoanalyse, die den „gesunden Vollinvertierten“ nicht erklären könne, „durchaus einen richtigen Punkt getroffen“.[49] So wie sich Blüher aber späterhin mit Freud durch antisemitische Äußerungen persönlich überwarf, verkehrte sich auch das Verhältnis zu seinem anderen Förderer Magnus Hirschfeld, dem er die willkürliche Kürzung eines eigenen Beitrags im „Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen“ vorhielt und den er als Repräsentanten einer „jüdisch-liberalen Kulturanschauung“ bezeichnete.[48][50] In diffamierender Absicht stellte er Hirschfeld in ein Umfeld aus „deformierten Männern“, „deren Rassenentartung durch eine überstarke Begabung an weiblicher Substanz gekennzeichnet ist.“[51] In seinen Lebenserinnerungen behauptete Blüher zudem tatsachenwidrig, das besagte Jahrbuch habe, um es schmackhaft zu machen, Illustrationen enthalten.[52]

4) Querdenker zwischen Eros und Staat:

Kael too:

Dem zweibändigen Werk „Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft“, erschienen 1917, gab Blüher den Untertitel: „Eine Theorie der menschlichen Staatsbildung nach Wesen und Wert“. Darin sah er sich einer von keinem neuzeitlichen Denker erfassten Naturgesetzlichkeit auf der Spur.

Aus der universellen Gültigkeit des Verdrängungsmechanismus folgerte Blüher, dass gleichgeschlechtliche Regungen die Gesellschaft in weit höherem Maße prägen, als es einer sexualitätsverneinenden und -verdrängenden Wahrnehmung auch nur möglich erscheine. In eine ganz falsche Richtung führe dabei die Verwechslung zwischen Androgynie und Bisexualität: die sexuelle Orientierung folge nicht daraus, wie weit jemand ein maskuliner oder femininer Typ ist.[53] Aber sie sei angeboren und damit Schicksal. Diese Orientierung nannte er „Inversion“, um zu betonen, dass sie eine Naturschöpfung ersten Ranges sei, während der „von Psychiatern erfundene oder vielmehr aus der Luft gegriffene Begriff Homosexualität“ bloß klassifiziere und pathologisiere. So gesehen sei „der sogenannte Homosexuelle kein abgesprengtes Stück in der Menschheit, vielmehr ist er der Sonderfall einer weit größeren übergeordneten Gattung Mann, den ich den Typus inversus genannt habe“[54], oder auch, analog zu Frauenheld, den „Männerhelden“.

Diese Neigung zum eigenen Geschlecht sei – auch ohne Verdrängung, mit ihr erst recht – keine symmetrische Spiegelung der Neigung zum anderen Geschlecht, und die aus dieser entspringende Dynamik grundverschieden von jener:

„Während nun die Natur die Liebe des Mannes zum Weibe freigegeben hat und sie, die gewöhnlichen Hemmungen der Scham abgerechnet, offen ausströmen läßt, hat sie die des Mannes zum Manne gebunden […]; der mann-männliche Eros verbindet sich ständig mit geistigen Gütern und hat heroischen Lebensstil. Der mannweibliche ist idyllisch. Während die soziologische Linie der mannweiblichen Liebe die Familie ist, heißt die entsprechende bei der mannmännlichen ‚männliche Gesellschaft’. Diese wird von der Natur über die Männerbünde hinweg zur Staatsgründung verwandt. Es kann also keine Rede davon sein, daß die Familie die ‚Keimzelle des Staates’ ist.“[55]

Dass der Mensch ein staatenbildendes Wesen sei, verdanke er somit nicht etwa einer ökonomischen Vernunft, sondern der Natur selber, die ihn, wie einige andere Arten, dazu geschaffen habe.

„Der Natur ist es – teleologisch gesprochen – beim Menschen gelungen, eine Gattung fest zu sozialisieren, ohne Zwangsverkümmerungen an großen Teilen der Gattungsindividuen vorzunehmen. Sie kommt beim Menschen ohne sogenanntes drittes Geschlecht aus. Die einzigen bekannten drei Tierarten, die außer dem Menschen wirkliche Staaten bilden, müssen einen verkrüppelten Typus unter sich ertragen, der sogar die Herrschaft ausübt, und kommen daher nicht dazu, den Staat als Mittel zum Geist zu benutzen. Der Staat bekommt absoluten Wert. Nur dem Menschen gelingt der große Sprung, denn seine Sozialität wird nicht durch Formungen erzwungen, die die volle Entfaltung der persönlichen Wucht, der ethischen Seele, brechen. Die Natur schuf zwei Männerarten – die eine, die dem Weibe verfallen, die andere, die dem Manne verfallen ist, den Typus inversus. Wie dieses Verfallensein zum Ausdruck kommt, ob mit frei hervorbrechender Sexualität oder mit verdrängter und transformierter, ist eine zweite Frage, die nur durch die analytische Psychologie nach der Methode des Professors Sigmund Freud gelöst werden kann. Während die den Frauen verfallene Männerart berufen ist, die Familie, ist es Aufgabe des Typus inversus, die Männliche Gesellschaft zu bilden. Zwischen Familie und Männlicher Gesellschaft schwingt ein ununterbrochener Rhythmus, der in der ganzen Menschheit fühlbar ist, und diese beiden Pole, die von der Sexualität geschaffen werden, sind die letzte erkennbare Struktur des menschlichen Sozialisierungsprozesses.“[56]

In der „Rolle der Erotik…“ sowie in der kurz vor seinem Tod verfassten „Rede des Aristophanes“, in der Blüher bekennt, dass er sich zwar anderen Themen zugewandt, seine früheren Überzeugungen jedoch keineswegs gewechselt habe, dient ein breit gefächertes Spektrum an Beispielen aus Geschichte, Literatur und Zeitgeschichte der Erläuterung seiner Thesen. An erster Stelle steht die klassische Antike, daneben Stammeskulturen mit ihren Männerhäusern, Normannen, Räuberbanden, Ritterorden, Templer, Freimaurer, Studentenverbindungen, außerdem SA und SS. Letztere als extreme Bestätigungen der Relation: Verdrängungsdruck nach innen = Verfolgungsdruck nach außen. Es sind Beispiele dafür, wie sich unter dem Druck brutalster Verdrängung sowohl Eros als auch Geist in ihr Gegenteil verkehren können.

Der Begriff des Eros ist für Blüher zentral. Eros ist die „lenkende Form“, die die Sexualität beim Menschen annimmt. Deren Wirkung ist die bedingungslose „Bejahung eines Menschen abgesehen von seinem Wert…nicht, weil man es „will“, sondern weil man es wollen muß.“[57] Dieser autonomen Macht, die wie keine andere den Menschen als Schicksal trifft, stellt Blüher polar, also Spannung erzeugend, den Geist, der überpersönliche Werte schafft, gegenüber. Diese Spannung erhielte in mannmännlichen Verbindungen eine besondere, oft tragische Dynamik, was tief mit der Natur des Mannes zusammenhänge.[58] Denn Geist sei der Gipfel der Männlichkeit so wie Eros der der Weiblichkeit:

„Vom Weibe kommen keine Kulturwerte letzter Begründung, und Geist ist – eben in letzter, produktiver Auffassung, nicht in reflektierter – sekundäres männliches Geschlechtsmerkmal. Das Höchste, wohin die Frau gelangen kann, ist die Liebe, und es ist ein Akt vollendetster Ritterlichkeit gegen sie, wenn man sie überall, wo sie liebt, als sakrosankt ansieht und im Zustande ihrer höchsten und einzigen Würde.“[59]

Fundamentalkritik am Bildungswesen

Blühers Stellung zum Bildungswesen war ambivalent. Einerseits bekannte er sich zur Idee des humanistischen Gymnasiums ebenso wie zu derjenigen der Universität, andererseits übte er schärfste Kritik an den bestehenden Bildungseinrichtungen, denen er Verrat an ihrem ursprünglichen Ideal vorwarf. Diese Kritik bezog sich nicht nur auf die Praxis der Wissensvermittlung, die er als Schüler und später als Student erlebt hatte, sondern auf das Bildungskonzept in seiner Gesamtheit. Ihren Kern bildete der Vorwurf, im Mittelpunkt stehe nicht die Beschäftigung mit geistigen Inhalten um ihrer selbst willen, sondern der Wissenserwerb diene vorrangig oder ausschließlich der „Ausbildung für den Lebenskampf“. Daher sei die Zielsetzung der modernen Schule in jeder Hinsicht dieselbe wie diejenige der antiken Sophistik, die dem Schüler Methoden zur Erzielung von Erfolgen in der Politik oder vor Gericht unabhängig von den jeweils vertretenen Inhalten vermittelte. Dadurch werde die Jugend vorgeblich gebildet, in Wahrheit aber entseelt.[60] Aus Blühers Sicht ist die Erlangung technischer Fertigkeiten aller Art sowie überhaupt alles „gewöhnliche Tun, das immer im unmittelbaren Dienste der Zweckmäßigkeit und des Nützlichen steht“, den wahrhaft geistigen Bestrebungen absolut untergeordnet.[61] Er meint, der fundamentale Rangunterschied zwischen „Banausentum“, also allen Beschäftigungen, die primär der Sicherung des Einkommens dienen oder auf ein bequemeres Leben abzielen, und der geistig schöpferischen Tätigkeit etwa eines Philosophen oder Mathematikers sei den antiken Griechen selbstverständlich gewesen. Im modernen Schul- und Hochschulwesen hingegen werde diese Rangordnung verwischt, etwa durch die Gleichstellung des Abiturs der Realschulen mit dem des humanistischen Gymnasiums, das „die einzige echte Bildungsanstalt“ sei.[62]

Das vernichtende Urteil, das Blüher über den Hochschulbetrieb fällte, stützte er auf seine Erfahrung als Student. Sein nach dem Abitur 1907 in Basel begonnenes und in Berlin fortgesetztes sechzehnsemestriges Universitätsstudium in den Bereichen klassische Philologie, Philosophie, Germanistik, Biologie und Theologie[12] betrachtete er im Rückblick wie ein Geschäftsverhältnis zwischen einem Kunden und einem Verkäufer. Die modernen Hochschulen seien „nichts weiter […] als reelle geistige Warenhäuser, in denen man für gutes Geld eine entsprechend gute Ware kauft“; darüber hinaus komme ihnen keine Autorität zu, und dazu sollten sie sich ehrlich bekennen.[63] Den Abbruch seiner Doktorarbeit zu Schopenhauer (über die „Vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde“) kommentierte er so:

„Doch in der Sache selber kann ich nur Betrübliches vermelden. Kaum nämlich hatte ich mit der mühevollen Arbeit begonnen, als mir auch deren wahrhaft erdrückende Überflüssigkeit klar wurde. Es stellte sich heraus, daß ich zu jeder Arbeit unfähig bin, die ebenso gut auch ein anderer machen konnte. Und um so klarer wurde mir, daß ich überhaupt nur Dinge treiben dürfte, die nur ich allein bewältigen konnte. Und dabei ist es geblieben.“[64]

Den Ausgangspunkt von Blühers Überlegungen zum Bildungswesen bildet die Frage nach dem Sinn und Ziel der Beschäftigung mit der Antike, die einen zentralen Teil des gymnasialen Unterrichts bildete. Der einzige Sinn einer Begegnung der modernen Jugend mit dem antiken Griechentum besteht nach seiner Überzeugung darin, dass die Griechen das „Zeugungsmittel“ seien, das dem auf sie Stoßenden dazu verhelfe, die schöpferische Kraft seines eigenen Gemüts freizusetzen. Nur als solcher „Entzündungsstoff“ sei die antike Literatur weiterhin wertvoll. Die Pädagogen seien aber in der Regel außerstande, den Schülern eine solche Begegnung zu ermöglichen. Sie seien nämlich als klassische Philologen auf eine völlig andere Herangehensweise, die Methode der Altertumswissenschaft, festgelegt. Diese erschöpfe sich darin, mittels historisch-philologischer Forschung (insbesondere Textkritik) objektive Tatsachen über Äußerlichkeiten zum Leben und Werk der antiken Autoren zu ermitteln. Mit diesem auf eigentlich Belangloses gerichteten „Willen zur Wahrheit“ könne man sich „die aufregenden Mächte vom Leibe halten“, mit denen man es zu tun bekäme, wenn man sich tatsächlich auf den Inhalt der Texte einließe, statt nur oberflächlich deren Form zu untersuchen:

„Es kann kein Zweifel bestehen, daß Winckelmann, Schiller und Goethe, die den Deutschen vor Nietzsche als Interpreten der Griechen galten, sich über deren empirische Realität ebenso geirrt haben, wie dies Nietzsche tat. Der schöpferische Mann hat die Wahrheit nicht nötig. […] Altertumswissenschaft ist nichts anderes als Rückgängigmachung der Irrtümer großer Männer; denn gäbe es keine großen Männer, die sich an den Griechen entzündeten, so kümmerte sich kein Mensch im Volk um sie. […] Klassische Philologen […] sollten als Erzieher überhaupt ignoriert werden. […] Es kommt auf die geheiligten Irrtümer der Großen an, nicht auf die Wahrheiten der kleinen Leute. […] Wissenschaft ist ein Mittel gegen die Wahrheit. Wer Wissenschaft betreibt und nicht von ihr los kann, von dem kann man immer sagen, daß er sich vor einer anderen Erkenntnis wehrt.“[65]

Den konkreten Anlass zu Blühers Polemik gegen die klassische Philologie bot der publizistische Angriff des klassischen Philologen Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff auf Nietzsche, der damals großes Aufsehen erregte. Blüher betrachtete Wilamowitz als Repräsentanten des „bürgerlichen Typus“ in der Rolle des Gelehrten. Die Haupteigenschaft dieses Typus sah er darin, „sich alle aufregenden Dinge sowohl des Menschen, als der Natur fernzuhalten und nicht an sich herankommen zu lassen. […] Er hält sich das wilde Tier in den zoologischen Gärten und er hält sich den Philosophen in den Universitäten.“[66] Nietzsche hingegen habe „das große Schicksal erlitten: er war auf die Griechen gestoßen, und auf einmal wurde sein Wesen aufgerührt.“ Dadurch sei „eine neue Lebenshaltung entstanden; unter fortwährender Todesgefahr für den, der sie zum ersten Mal verkündete.“ Dieser Art Herausforderung habe sich Wilamowitz nicht stellen wollen, sondern „die Anpassung des Griechentums an die bürgerliche Wohnstube und das protestantische Pfarrhaus“ vollzogen.[67]

Nach dem Erscheinen einer Kampfschrift, die Blüher gegen Wilamowitz richtete, wurde er – offiziell wegen einer anderen Veröffentlichung – vor das philosophische Dekanat geladen. Trotz angedrohter polizeilicher Vorführung verweigerte er – etwas indigniert wegen seiner offenbar unberücksichtigten Bekanntheit als Schriftsteller – das Erscheinen. Danach nahm er das in Abwesenheit ergangene und von Wilamowitz unterzeichnete „consilium abeundi“ an, beendete das Studium also ohne formalen Abschluss.[68]

Politisch-weltanschauliche Bekenntnisse

Die zeitkritisch-polemische Auseinandersetzung, die Blüher mit Kirche, Staat und vorherrschendem Wertehorizont der wilhelminischen Gesellschaft aus seiner Wandervogel-Perspektive bis zum Ersten Weltkrieg geführt hatte, wurde zu Zeiten der Weimarer Republik von entschieden antidemokratischen Bekundungen abgelöst und mündete in ein klares Bekenntnis zur Monarchie, das verbunden war mit dem Modell einer spezifisch männerbündischen Adelsaristokratie. Diese Grundkoordinaten seines weltanschaulichen Werdegangs hat Blüher wie folgt bestimmt:

„Der Adel ist nicht durch Satzung da, sondern von Natur. Daß es auch Adel von Satzung gibt, den Nominaladel, diese Tatsache ist nur die Kreuzung einer natürlichen und einer gesellschaftlichen Gegebenheit. Diese Kreuzung ist nicht selten von korruptivem Charakter, aber sie ist, dies möge man nicht aus den Augen verlieren, verhältnismäßig weniger korrumpiert als die bürgerlichen Stände. […] Die Natur hat ein merkwürdiges und zweifellos ihr tiefstes und ergreifendstes Spiel getrieben, indem sie in der Menschengattung bestimmte Einzelne, durch einen Überschwang und Überschuß ihres Wesens auszeichnete, und dies auf Kosten ihrer Familiensubstanz. Sie läßt die Familien gewissermaßen anschwellen bis zu einem oder mehreren Gipfelpunkten: dann tritt in der Folgegeneration wieder die Annäherung an die Gattungsnorm ein. Diese überschwänglichen Einzelnen sind der Adel.“[69]

Dieser Adel, schreibt Blüher 1917, sei der Schöpfer der menschlichen Geistigkeit und Sprache. Dies mache ihn zum Führer des Volkes und begründe einen Herrschaftsanspruch. Aus Stefan Georges „Stern des Bundes“ zitierend („Neuen Adel, den ihr suchet, / führt nicht her von Schild und Krone!“), unterscheidet er vom bisher über das Volk nur herrschenden „Nominaladel“ einen „Geburtsadel“, der auch dienen solle. Gleiches habe für die „Herrenvölker“ zu gelten, die die von ihnen unterjochten Völker immer nur beherrscht hätten. „Herrschend aber soll dasjenige Volk sein, das am meisten vom Wesen des Adels durchdrungen ist. Dann wird es den kleinen Völkern dienen.“[70]

5)Fundamentalkritik am Bildungswesen:

Blühers Stellung zum Bildungswesen war ambivalent. Einerseits bekannte er sich zur Idee des humanistischen Gymnasiums ebenso wie zu derjenigen der Universität, andererseits übte er schärfste Kritik an den bestehenden Bildungseinrichtungen, denen er Verrat an ihrem ursprünglichen Ideal vorwarf. Diese Kritik bezog sich nicht nur auf die Praxis der Wissensvermittlung, die er als Schüler und später als Student erlebt hatte, sondern auf das Bildungskonzept in seiner Gesamtheit. Ihren Kern bildete der Vorwurf, im Mittelpunkt stehe nicht die Beschäftigung mit geistigen Inhalten um ihrer selbst willen, sondern der Wissenserwerb diene vorrangig oder ausschließlich der „Ausbildung für den Lebenskampf“. Daher sei die Zielsetzung der modernen Schule in jeder Hinsicht dieselbe wie diejenige der antiken Sophistik, die dem Schüler Methoden zur Erzielung von Erfolgen in der Politik oder vor Gericht unabhängig von den jeweils vertretenen Inhalten vermittelte. Dadurch werde die Jugend vorgeblich gebildet, in Wahrheit aber entseelt.[60] Aus Blühers Sicht ist die Erlangung technischer Fertigkeiten aller Art sowie überhaupt alles „gewöhnliche Tun, das immer im unmittelbaren Dienste der Zweckmäßigkeit und des Nützlichen steht“, den wahrhaft geistigen Bestrebungen absolut untergeordnet.[61] Er meint, der fundamentale Rangunterschied zwischen „Banausentum“, also allen Beschäftigungen, die primär der Sicherung des Einkommens dienen oder auf ein bequemeres Leben abzielen, und der geistig schöpferischen Tätigkeit etwa eines Philosophen oder Mathematikers sei den antiken Griechen selbstverständlich gewesen. Im modernen Schul- und Hochschulwesen hingegen werde diese Rangordnung verwischt, etwa durch die Gleichstellung des Abiturs der Realschulen mit dem des humanistischen Gymnasiums, das „die einzige echte Bildungsanstalt“ sei.[62]

Das vernichtende Urteil, das Blüher über den Hochschulbetrieb fällte, stützte er auf seine Erfahrung als Student. Sein nach dem Abitur 1907 in Basel begonnenes und in Berlin fortgesetztes sechzehnsemestriges Universitätsstudium in den Bereichen klassische Philologie, Philosophie, Germanistik, Biologie und Theologie[12] betrachtete er im Rückblick wie ein Geschäftsverhältnis zwischen einem Kunden und einem Verkäufer. Die modernen Hochschulen seien „nichts weiter […] als reelle geistige Warenhäuser, in denen man für gutes Geld eine entsprechend gute Ware kauft“; darüber hinaus komme ihnen keine Autorität zu, und dazu sollten sie sich ehrlich bekennen.[63] Den Abbruch seiner Doktorarbeit zu Schopenhauer (über die „Vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde“) kommentierte er so:

„Doch in der Sache selber kann ich nur Betrübliches vermelden. Kaum nämlich hatte ich mit der mühevollen Arbeit begonnen, als mir auch deren wahrhaft erdrückende Überflüssigkeit klar wurde. Es stellte sich heraus, daß ich zu jeder Arbeit unfähig bin, die ebenso gut auch ein anderer machen konnte. Und um so klarer wurde mir, daß ich überhaupt nur Dinge treiben dürfte, die nur ich allein bewältigen konnte. Und dabei ist es geblieben.“[64]

Den Ausgangspunkt von Blühers Überlegungen zum Bildungswesen bildet die Frage nach dem Sinn und Ziel der Beschäftigung mit der Antike, die einen zentralen Teil des gymnasialen Unterrichts bildete. Der einzige Sinn einer Begegnung der modernen Jugend mit dem antiken Griechentum besteht nach seiner Überzeugung darin, dass die Griechen das „Zeugungsmittel“ seien, das dem auf sie Stoßenden dazu verhelfe, die schöpferische Kraft seines eigenen Gemüts freizusetzen. Nur als solcher „Entzündungsstoff“ sei die antike Literatur weiterhin wertvoll. Die Pädagogen seien aber in der Regel außerstande, den Schülern eine solche Begegnung zu ermöglichen. Sie seien nämlich als klassische Philologen auf eine völlig andere Herangehensweise, die Methode der Altertumswissenschaft, festgelegt. Diese erschöpfe sich darin, mittels historisch-philologischer Forschung (insbesondere Textkritik) objektive Tatsachen über Äußerlichkeiten zum Leben und Werk der antiken Autoren zu ermitteln. Mit diesem auf eigentlich Belangloses gerichteten „Willen zur Wahrheit“ könne man sich „die aufregenden Mächte vom Leibe halten“, mit denen man es zu tun bekäme, wenn man sich tatsächlich auf den Inhalt der Texte einließe, statt nur oberflächlich deren Form zu untersuchen:

„Es kann kein Zweifel bestehen, daß Winckelmann, Schiller und Goethe, die den Deutschen vor Nietzsche als Interpreten der Griechen galten, sich über deren empirische Realität ebenso geirrt haben, wie dies Nietzsche tat. Der schöpferische Mann hat die Wahrheit nicht nötig. […] Altertumswissenschaft ist nichts anderes als Rückgängigmachung der Irrtümer großer Männer; denn gäbe es keine großen Männer, die sich an den Griechen entzündeten, so kümmerte sich kein Mensch im Volk um sie. […] Klassische Philologen […] sollten als Erzieher überhaupt ignoriert werden. […] Es kommt auf die geheiligten Irrtümer der Großen an, nicht auf die Wahrheiten der kleinen Leute. […] Wissenschaft ist ein Mittel gegen die Wahrheit. Wer Wissenschaft betreibt und nicht von ihr los kann, von dem kann man immer sagen, daß er sich vor einer anderen Erkenntnis wehrt.“[65]

Den konkreten Anlass zu Blühers Polemik gegen die klassische Philologie bot der publizistische Angriff des klassischen Philologen Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff auf Nietzsche, der damals großes Aufsehen erregte. Blüher betrachtete Wilamowitz als Repräsentanten des „bürgerlichen Typus“ in der Rolle des Gelehrten. Die Haupteigenschaft dieses Typus sah er darin, „sich alle aufregenden Dinge sowohl des Menschen, als der Natur fernzuhalten und nicht an sich herankommen zu lassen. […] Er hält sich das wilde Tier in den zoologischen Gärten und er hält sich den Philosophen in den Universitäten.“[66] Nietzsche hingegen habe „das große Schicksal erlitten: er war auf die Griechen gestoßen, und auf einmal wurde sein Wesen aufgerührt.“ Dadurch sei „eine neue Lebenshaltung entstanden; unter fortwährender Todesgefahr für den, der sie zum ersten Mal verkündete.“ Dieser Art Herausforderung habe sich Wilamowitz nicht stellen wollen, sondern „die Anpassung des Griechentums an die bürgerliche Wohnstube und das protestantische Pfarrhaus“ vollzogen.[67]

Nach dem Erscheinen einer Kampfschrift, die Blüher gegen Wilamowitz richtete, wurde er – offiziell wegen einer anderen Veröffentlichung – vor das philosophische Dekanat geladen. Trotz angedrohter polizeilicher Vorführung verweigerte er – etwas indigniert wegen seiner offenbar unberücksichtigten Bekanntheit als Schriftsteller – das Erscheinen. Danach nahm er das in Abwesenheit ergangene und von Wilamowitz unterzeichnete „consilium abeundi“ an, beendete das Studium also ohne formalen Abschluss.[68]

6) Politisch-weltanschauliche Bekenntnisse:

Die zeitkritisch-polemische Auseinandersetzung, die Blüher mit Kirche, Staat und vorherrschendem Wertehorizont der wilhelminischen Gesellschaft aus seiner Wandervogel-Perspektive bis zum Ersten Weltkrieg geführt hatte, wurde zu Zeiten der Weimarer Republik von entschieden antidemokratischen Bekundungen abgelöst und mündete in ein klares Bekenntnis zur Monarchie, das verbunden war mit dem Modell einer spezifisch männerbündischen Adelsaristokratie. Diese Grundkoordinaten seines weltanschaulichen Werdegangs hat Blüher wie folgt bestimmt:

„Der Adel ist nicht durch Satzung da, sondern von Natur. Daß es auch Adel von Satzung gibt, den Nominaladel, diese Tatsache ist nur die Kreuzung einer natürlichen und einer gesellschaftlichen Gegebenheit. Diese Kreuzung ist nicht selten von korruptivem Charakter, aber sie ist, dies möge man nicht aus den Augen verlieren, verhältnismäßig weniger korrumpiert als die bürgerlichen Stände. […] Die Natur hat ein merkwürdiges und zweifellos ihr tiefstes und ergreifendstes Spiel getrieben, indem sie in der Menschengattung bestimmte Einzelne, durch einen Überschwang und Überschuß ihres Wesens auszeichnete, und dies auf Kosten ihrer Familiensubstanz. Sie läßt die Familien gewissermaßen anschwellen bis zu einem oder mehreren Gipfelpunkten: dann tritt in der Folgegeneration wieder die Annäherung an die Gattungsnorm ein. Diese überschwänglichen Einzelnen sind der Adel.“[69]

Dieser Adel, schreibt Blüher 1917, sei der Schöpfer der menschlichen Geistigkeit und Sprache. Dies mache ihn zum Führer des Volkes und begründe einen Herrschaftsanspruch. Aus Stefan Georges „Stern des Bundes“ zitierend („Neuen Adel, den ihr suchet, / führt nicht her von Schild und Krone!“), unterscheidet er vom bisher über das Volk nur herrschenden „Nominaladel“ einen „Geburtsadel“, der auch dienen solle. Gleiches habe für die „Herrenvölker“ zu gelten, die die von ihnen unterjochten Völker immer nur beherrscht hätten. „Herrschend aber soll dasjenige Volk sein, das am meisten vom Wesen des Adels durchdrungen ist. Dann wird es den kleinen Völkern dienen.“[70]

1,1) Preußischer Monarchist und Wilhelminist:

Wegen Farbenblindheit und eines Leberleidens lebenslang vom Militärdienst befreit, nahm Blüher im Ersten Weltkrieg anders als viele seiner an der Front Kriegsdienst leistenden Wandervogelkameraden karitative Aufgaben wahr.[1] In der revolutionären Umbruchphase 1918/19 bezog er in München mit einem Vortrag über „Deutsches Reich, Judentum und Sozialismus“ Stellung gegen seinen früheren Korrespondenzpartner Gustav Landauer, der ebenso wie der von Blüher verächtlich gemachte Erich Mühsam als politisch engagierter jüdischer Intellektueller die Münchner Räterepublik unterstützte.[71] In seinen Lebenserinnerungen bescheinigte Blüher sich selbst:

„Ich hätte es in meinem Leben als Autor leichter gehabt, wenn ich mich vom linken Volke, das von Anfang an zu mir stand, hätte engagieren lassen; aber ich revanchierte mich nicht, nahm ihre Hilfeleistungen an, stellte mich aber politisch dorthin, wo zu stehen ich durch die jahrhundertealte Tradition meiner Familie zu stehen gebunden war. Ich habe mich daher stets als Untertan des Königs von Preußen gefühlt, und nur dieses politische Verhältnis hat für mich Sinn und Würde, während ich darauf, ein ‚freier’ Bürger zu sein, nicht den geringsten Wert lege.“[72]

„Ich war von früh an in monarchischer Atmosphäre groß geworden. Als ich den ersten Atemzug tat, rang Kaiser Wilhelm I. mit dem Tode, hundert Tage nach diesem aber sein Sohn Friedrich III., und gleich darauf drängte sein Enkel hastig auf den Thron. Es war das sogenannte Dreikaiserjahr 1888. Daß ich in ihm geboren bin, und zwar noch zu Lebzeiten dieser drei Kaiser, hat, da ich es bewußt pflegte, seine Wirkung getan.“[73]

Als Vierzigjähriger erhielt Blüher 1928 eine Einladung des im holländischen Exil weilenden abgedankten Kaisers Wilhelms II., ihn in Doorn zu besuchen. Bis 1934 folgten dem weitere Besuche und gelegentliche Briefwechsel. In seinem Lebensrückblick schrieb Blüher: „Wenn mich aber jemand fragen würde, wer von den Sterblichen auf mich den tiefsten Eindruck gemacht hat, so würde ich ohne Zögern sagen: Wilhelm von Hohenzollern.“[74]

Blühers Bindung an Wilhelm II. war andererseits auch von kritischer Wahrnehmung begleitet, wie die Schilderung eines gemeinsamen Ausflugs in eine Kiefernschonung zum Holzfällen zeigt. Als der diesbezüglich geübte und von keinem der Mittuenden zu überbietende Kaiser sein vorgesehenes Zeitquantum abgearbeitet hatte, erscholl der Jubelruf: „’Zweihundertfünfzig Bäume! Seine Majestät haben zweihundertfünfzig Bäume gefällt!’“ Die Zahl war nach Blühers Eindruck „ungeheuerlich und unter allen Umständen falsch.“ Dazu bemerkte Wilhelms Leibarzt, der ebenfalls an der Holzaktion beteiligt war: „’Es wird ihm eingeblasen, daß er zweihundertfünfzig Bäume gefällt hat – und er glaubt das! Ist das nicht entsetzlich? Aber so ist es immer gewesen seit 88, und daran sind wir zugrunde gegangen.“[75]

Eine bei ihrer ersten persönlichen Begegnung rund zwei Jahrzehnte zurückliegende und für beider Lebenserfahrung einschneidende Begebenheit wird von Nicolaus Sombart als ein Blüher und Wilhelm II. verbindendes Element verdeutlicht: die Eulenburg-Affäre. Ausgelöst wurde sie durch eine Zeitungskampagne des Journalisten Maximilian Harden, der den langjährigen engen Berater und Freund Wilhelms II., Philipp zu Eulenburg, bezichtigte, daheim einen homosexuellen Bekanntenkreis zu pflegen, der dann als „Liebenberger Tafelrunde“ in der Presse kursierte. Die Eulenburg-Affäre nahm laut Sombart die Qualität eines modernen Medienspektakels an. „In Hunderten von Presseberichten, Zeitungskommentaren, Zeitschriftenartikeln und auch Karikaturen war sie omnipräsent, gewann Kontur und Momentum und entfaltete so ihre außerordentliche Tiefen- und Breitenwirkung.“[76]

Mit entsprechender Wucht und Durchschlagskraft erreichte die Woge der öffentlichen Erregung auch den Wandervogel, traf sie Blüher und seine Weggefährten. Auch hier wurden ähnliche Verdächtigungen und Vorwürfe laut verbreitet, wie sie der Staatsspitze gegenüber erhoben wurden: homosexuelle Verseuchtheit: „Der Kaiser, heißt es, ist in den Händen von Schwulen und seine Politik deswegen falsch und für das Deutsche Reich verhängnisvoll, weil es Schwulenpolitik ist.“[77] Blüher setzte mit seiner Theorie, so Geuter, auch diesem Freundeskreis des Kaisers ein Denkmal.[78]

Berührungspunkte und Sympathien zwischen Wilhelm II. und Blüher ergaben sich wesentlich aus der Wertschätzung Wilhelms II. für Schriften Blühers, die der Kaiser gründlich kannte. Bereits in den zweiten Band seiner Wandervogel-Geschichte hatte Blüher ein recht freundliches Bild der kaiserzeitlichen Berliner Gesellschaft eingeflochten.

„Berlin ist eine Stadt, so großzügig, wie es nur selten noch eine gibt. In Berlin herrscht am allerwenigsten das plumpe Ungetüm der Gesellschaft. […] In Berlin gibt es wohl Berliner, aber sie herrschen nicht; auch ihre Sprache bleibt bei den Kutschern. Die Menschheit ist hier auf ein freieres Niveau gestellt; man kann jeder Neigung, jeder Gesinnung, jedem Fanatismus leben und jedem aus dem Wege gehen. […] Der geistig dürftige Mittelstand kleinerer Städte hat es sich nicht versagen können, sein Emporkommen durch eine Übersiedlung nach der deutschen Residenz zu bekräftigen. […] Da entstand der ‚Berliner’.“[79]

Besonders herausgestellt wurde von Blüher im Rückblick auf die Begegnungen mit Wilhelm II. dessen eingehende Kenntnis der „Secessio Judaica“, einer eigens für die Jugendbewegung verfassten programmatischen Schrift, die nach Blühers Darstellung hinsichtlich der Form an Theodor Herzls Manifest zum „Judenstaat“ angeglichen war. Von einem Spaziergang mit Wilhelm II. in Doorn berichtete Blüher, der Kaiser habe in einem lebhaften Gespräch über Freimaurerei, Judentum und Dritte Internationale auf einmal etwas in Prosa zitiert, das ihm bekannt vorkam. „Da ich noch keine Erlaubnis erhalten hatte, den Kaiser von mir aus anzureden und zu fragen, was das sei, so drückte ich mein Erstaunen über sein gehaltvolles Gedächtnis in einer fragenden Miene aus. Er aber lachte laut auf: ‚Da sieh mal einer an, diese Herren Philosophen! Kennen ihre eigenen Schriften nicht!‘ Ich fragte: ‚Secessio judaica?‘ ‚Na, natürlich‘, sagte der Kaiser, ‚Sie hören: ich kenne die wichtigen Partien auswendig!‘“[80]

6,2)Einstellungen zum Judentum

In der Forschung gilt Blüher heute als Antisemit.[81] Den eigenen gedanklichen Ansatz für den Umgang mit Juden erläuterte er folgendermaßen:

„Es geht also nicht um anständig oder unanständig, nicht um gut oder böse, sondern um den Juden; der wird von etwas betroffen, was anderen nie passiert und was nur ihm passieren kann. […] Als ich aber einmal im August, gerade zu der Zeit, da mich das schier unlösliche Judenproblem quälte, durch den Garten ging, bemerkte ich bei meiner Veredelung einen frühzeitigen Blätterabfall: das Edelreis begann zu welken und löste sich ab. Da auf einmal fiel mir blitzartig die Lösung ein: Genauso ist es mit dem Judentum. Es löst sich von den Gastvölkern ab. Hierin liegt die „Richtigkeit“ jenes Schicksalsgefühls, das der Ausdruck für eine historische Urteilskraft ist. Und diesen Vorgang nannte ich „secessio judaica“. Er geht an Gut und Böse vorbei und betrifft nur den Juden selber, seine Substanz, und ist ein Vorgang der „reinen Geschichte“. Es war dies einer der glücklichsten Einfälle meines Lebens. Hier hatte die Natur selber durch das abwelkende Edelreis gesprochen. Also ist hier kein Irrtum möglich.“[82]

In seiner Schrift Der bürgerliche und der geistige Antifeminismus (1916) stellt Blüher ähnlich wie Otto Weininger in Geschlecht und Charakter eine Verbindung zwischen Judentum und Weiblichkeit her. Das Judentum sei minderwertig, weil es angeblich „weibliche“ anstelle von „männlichen“ Werten vertrete.[83] Juden leiden laut Blüher an einer „Männerbundschwäche“ und an einer „Familienhypertrophie“. Sie seien zu wenig auf den Nationalstaat und den Männerbund konzentriert und zu sehr in die Familie eingebunden.[84] In Secessio judaica (1922) schrieb Blüher: „Der associative Zusammenhang von männlicher Art mit dem deutschen Wesen und von femininer und serviler Art mit dem jüdischen ist eine unmittelbare Intuition des deutschen Volkes, die von Tag zu Tag sicherer wird.“[85]

Seine „Secessio“-Publikation von 1922 beruhte auf Grundvorstellungen, die er bereits in seiner Wandervogel-Geschichte angelegt hatte, wo es hieß, ein deutsch-patriotischer Jude oder Halbjude sei allein für sich genommen eine Karikatur. Von nicht wenigen würde versucht, „den Mangel an echter Rasse durch das aufdringliche Propagieren der Rassenideale zu ersetzen, wobei sie in ihrer Unproduktivität natürlich den Fehler begehen, die abgedroschensten Phrasen, die echte Geburtsdeutsche längst zum alten Eisen geworfen haben, – also den ganzen Kriegsverherrlichungsplunder z. B. und die lakaienhafte Gesinnung dem regierenden Hause gegenüber – immer wieder aufs Tapet zu bringen.“[86]

Die Entstehung des Judentums leitete Blüher aus der „Samengründung Abrahams“ her und deutete sie als „einen magisch-religiösen Gründungsvorgang einer Sakralrasse, bei der – einziges Beispiel der Geschichte! – Religion und Rasse dasselbe sind.“ Nur wer das darin begründete „Urphänomen der Fremdheit gegenüber dem jüdischen Menschentypus“ begriffen habe, könne in dieser Frage überhaupt sinnvoll mitreden.[87]

Den Vorwurf, ein Antisemit zu sein, wies Blüher zurück. Nicht nur ein mit ihm lange eng befreundeter jüdischer Klassenkamerad, Georg Bernstein, sondern auch „alle hervorragenden jüdischen Gestalten“, die ihm im Leben begegneten, hätten ihn davor bewahrt.[88] „Ich habe nie Grund gehabt, Antisemit zu sein“, schrieb er in seinen Lebenserinnerungen, „denn ich habe von Juden nur Wohltaten erfahren. Treubruch und Verrat, Betrug und Ehrlosigkeit habe ich nur bei meinen Rassengenossen kennengelernt.“ Die sogenannte Rechtspresse habe sich damals auf einem geistigen Niveau befunden, „das unterhalb jeder Möglichkeit stand, sich mit ihr auseinanderzusetzen. Später wurde das besser, nachdem man von dort her einige tüchtige jüdische Schriftsteller ‚auf rechts‘ dressiert hatte.“[89]

Einen starken persönlichen Widerwillen betonte Blüher allerdings gegenüber dem „Typus des jüdischen Litteraten“, dem er eine „pathologische Störung metaphysischer Art“ unterstellte. „Sie haben keinen Staat und konstruieren daher ständig neue aus der puren Ratio heraus; sie haben kein Volk und reden von seiner Beglückung; sie predigen Menschenliebe, da sie keine haben; sie sind Pazifisten, weil sie feige sind und ohne Friedfertigkeit […] Sie propagieren ‚Befreiung aller Liebe’, weil sie kein Liebesleben haben. Das Abstrakte also, das Billige, das sich jeder anschaffen kann, ist ihre Welt, das Konkrete fehlt ihnen, weil sie mit nichts zusammengewachsen sind.“[90] Diesem Typus rechnete Blüher namentlich seine frühen Förderer Magnus Hirschfeld und Kurt Hiller zu, der sich „wiederholt als anständiger und hilfreicher Mensch erwiesen hatte“, sowie Kurt Tucholsky, Maximilian Harden und Siegfried Jacobsohn.[91]

6,3) Verächter von Demokratie und Nationalsozialismus

Nach allen politischen Umbrüchen, die Blüher mit dem Ersten Weltkrieg, dem Ende des Kaiserreichs, den turbulenten Jahren der Weimarer Republik, der NS-Zeit, dem Zweiten Weltkrieg und den Verhältnissen im geteilten Deutschland erlebt hatte, nahm er in seiner autobiographischen Rückschau mit dem Untertitel „Geschichte eines Denkers“ eine ablehnende Haltung sowohl gegenüber demokratischen Systemen als auch gegen das NS-Regime ein. Bezeichnend für sein politisches Denken war insbesondere die Einstellung zum Wahlrecht. Blüher sah das preußische Dreiklassenwahlrecht noch immer als „Ausdruck der natürlichen Staatsordnung“:

„Denn es ist doch klar, daß jemand, der für Vermögen verantwortlich ist, per analogiam vom Staate mehr versteht als der Arbeiter, der Konsument ist und für nichts garantiert. Dabei versteht es sich von selbst, daß das alte, wesentlich agrarisch bedingte Dreiklassenwahlrecht in hohem Grade reformbedürftig war; aber es war doch wenigstens natürlich und positiv, während das demokratische die permanente Auflösung des Staates zur Folge haben mußte. Und das ist denn ja auch geschehen.“[92]

Verantwortlich für die vermeintliche Fehlentwicklung machte Blüher das säkularisierte Judentum, dem er wiederholt einerseits grundlegende Verdienste um das geistige Leben in Deutschland zusprach, das aber andererseits angeblich scharf gegen das preußisch-deutsche Staatsgebilde gerichtet war und dessen Untergang herbeigeführt hat.[72]

Wenn in Wandervogel und Jugendbewegung zuweilen protofaschistische Tendenzen ausgemacht wurden und werden,[93] so liegt der Bezug zu den jeweiligen Führungsstrukturen der damaligen Jugendbünde nahe. Blüher hat dazu 1918 eine spezielle Betrachtung unter dem Titel „Führer und Volk in der Jugendbewegung“ veröffentlicht, in der es gleich eingangs hieß:

„Führer und Volk sind in dem Einen und Wichtigen unterschieden: daß der Führer des Volkes nicht bedarf, um Führer zu sein, daß aber das Volk nur durch den Führer Volk wird.
In jedem andern Fall ist es eine zufällige Menge. Es ist eine beliebige Vielheit von Eigenköpfen, die nicht selten eigensinnige Köpfe sind, es hat so viele Überzeugungen und Interessen, wie es Zugehörige zählt, und nicht selten noch einige mehr. In diesem Zustand ist das Volk niemals der Träger eines Wertes, und kein noch so hoher Grad gutgelernter Bildung vermag ihm einen anderen Charakter zu geben. Die Menge wird erst Volk, wenn sie folgt; von diesem Augenblick an bekommt sie Seele und gleicht dem Adam Micheangelos, der den halbschlaffen Arm Gottvater entgegenstreckt, um den göttlichen Funken zu empfangen. Welche Menge von Menschen also immer den Drang fühlt, Volk zu werden und den Adel solcher Gemeinschaft zu verspüren, bedarf hierzu des führenden Mannes.“[94]

Wie Blüher im Rückblick unter Verweis auf den Schlussabschnitt der Schrift versicherte, stand ihm dabei speziell Gustav Wyneken vor Augen.[95] „Daß die Schlagworte ‚Führer und Volk‘ mit gänzlich anderem, ja entgegengesetztem Inhalt später von unbefugten Mächten beschlagnahmt und zur politischen Floskel gemacht worden sind, das ist nicht meine Schuld.“[96]

Politisch und persönlich suchte Blüher zur Zeit der Weimarer Republik Anschluss im Deutschen Herrenklub, in dem für ihn mit bedeutenden Persönlichkeiten des märkischen Adels und der westdeutschen Industrie, Mitgliedern des Hauses Hohenzollern und hohen Repräsentanten beider christlicher Konfessionen sowie mit Paul von Hindenburg und Franz von Papen „die eigentliche Blüte des damaligen Deutschtums“ verkehrte. „Alle meine Gesinnungen stimmten mit denen dieses höchststehenden deutschen Gesellschaftsgebildes, das einen konservativen Standpunkt vertrat, überein.“ Dennoch konnte Blüher sich nach Auskunft des ihm persönlich gewogenen Kluborganisators Heinrich von Gleichen-Rußwurm wegen seiner Publikation Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft keine Chancen ausrechnen, in geheimer Abstimmung zum Mitglied gewählt zu werden. Dass einige seiner Freunde und Schüler als Mitglieder aufgenommen wurden, er selbst aber nicht, empfand er bitter.[97]

Als ausschlaggebendes Datum für seine fernere Haltung zum Nationalsozialismus gibt Blüher den 30. Juni 1934 an, an dem der sogenannte Röhm-Putsch stattfand. Bis dahin habe er Mitarbeit und eigene korrigierende Einflussnahme erwogen:

„Ich deutete die Hitlerbewegung noch als eine konservative Revolution, denn es waren ja in der Tat anfangs viele konservative Momente in ihr enthalten. Meine im übrigen revolutionäre Natur hätte sich – immer unter dieser Voraussetzung – eingefügt. Seit dem 30. Juni aber war alles klar, und es gab keinen Zweifel mehr.“[98]

Es war dies zugleich der Tag von Blühers letzter Begegnung mit Wilhelm II. in Doorn. Die von ihm bei dieser Gelegenheit mitgeführte Kopie der Marburger Rede Franz von Papens ließ er, um in unsicherer politischer Lage persönlich kein Risiko einzugehen, nach eigenem Bekunden auf der Rückreise noch auf holländischem Gebiet aus dem fahrenden D-Zug flattern.[98]

Vom „Führer“ der NS-Bewegung, Adolf Hitler, der in seiner Landsberger Festungshaft Blühers „Secessio Judaica“ als Lektüre angefordert hatte,[99] zeichnete Blüher nach dem Untergang des NS-Regimes ein äußerst verächtliches Bild. „Einen so völlig undeutschen Menschen wie ihn hat es in dem Raum, in dem wir leben, und in der Zeit, die wir übersehen können, nicht gegeben.“ Stirn und Augen Hitlers, meinte Blüher, deuteten auf eine prähistorische rassische Verankerung. „Ich glaube, daß das unter Hitler zum Naturschutzpark erhobene Gebiet des Neandertalers eben die Heimat dieser Rasse ist.“[100]

Seine Theorie der männlichen Gesellschaft sah Blüher auch auf die Hitlerbewegung anwendbar: „Die beiden typischen Vertreter nun waren auf der einen Seite Hitler selbst, als Verdränger und späterer Verfolger, auf der anderen Seite der Stabschef Röhm als freier, sehr freier Männerheld. Auch sie lebten erst in Frieden miteinander. Hitler, der die ‚Rolle der Erotik‘ gelesen hatte, erkannte auch an, daß es so etwas geben müsse, und drückte sogar für Ausschreitungen ein Auge zu. Während nun das äußere Reizereignis, das die Verfolgung im Wandervogel auslöste, der Eulenburgprozeß war, übernahm diese Rolle im ‚Dritten Reich‘ der von Himmler und Göring erfundene drohende ‚Abfall‘ Röhms von seinem Führer. […] Als Hitler glaubte, in Röhm einen politischen Rivalen entdeckt zu haben, da brach in ihm ein ungeheurer und keine Grenzen kennender Verfolgungswahn gegen die ‚Homosexuellen‘ aus.“[101]

Hitler selbst wird von Blüher als „erotischer Krüppel“ in jeder Beziehung bezeichnet, der sich in seiner Leibgarde wohl mit schönen Jünglingen umgab, aber nicht einen einzigen Freund hatte. „Er verdrängte sofort und verwies die jungen Leute in unerwünschte Ehen, um Frauen unglücklich, aber zu Müttern zu machen!“ Allerdings, so relativierte Blüher den eigenen Befund, könne eine Natur wie diejenige Hitlers auch durch die Gesetze der Rolle der Erotik nicht gänzlich erfasst werden. Was aber für Hitler selbst fraglich erscheine, gelte jedenfalls für seine nachgeordnete Umgebung.[102] Dass die von Blüher als Aufklärungslektüre vorgesehene „Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft“ in der NS-Zeit unterdrückt wurde, nahm er Hitler besonders übel:

„Hitler jedoch verbot die ‚Rolle der Erotik‘ und ließ sie einstampfen. Die wohltätige Wirkung, die von diesem Buche fast zwanzig Jahre ausgegangen war, indem es Ordnung schaffte in den Gemütern der Bedrängten und unzählige Erkrankte, auch Verfolger, geheilt hat, diese Wirkung durften seine Opfer nicht erleben. Auch das ist ein Sabotageakt an der Wahrheit, der am 30. Juni 1934 vollzogen wurde; an jenem verhängnisvollen Tage, an dem Hitler sich gegen den deutschen Adel und die Oberschicht und für den Neandertaler und seine Provokateure entschied.“[103]

6,4) Antifeministisches Frauenbild

Familie und Staat waren für Blüher die beiden wesentlichen Pole menschlichen Soziallebens. Frauen sah er einseitig ausgerichtet auf die Familie, während er Männern ein doppeltes Streben nach Familie und nach der männlichen Gesellschaft nachsagte und allein das letztere als ursächlich für die Staatsbildung ansah. Im Anschluss an Heinrich Schurtz behauptete Blüher, dass dem Mann „die dauernde Gesellschaft der Frau unerträglich und herabmindernd ist“ und dass er deshalb darüber hinaus zu Männern strebe.[104] Blühers Frauenbild weist radikal-antiemanzipatorische Züge auf:

„Der mannmännliche Eros nämlich beruht auf der Gleichberechtigung, der mannweibliche auf Unterwerfung. […] Hörigkeit ist die Form a priori des weiblichen Eros. ‚Vergewaltigung‘ ist demnach nur ein extremer Ausdruck für Hörigkeit. Diese tiefste Intimität des Weibes – ich meine das Verlangen, vergewaltigt zu werden – wird natürlich von der Ethik verdrängt, aber dadurch wird der Tatbestand nicht aufgehoben. Er wirft vielmehr ein Licht auf Dinge wie Frauenstimmrecht, Frauenbewegung, Mutterrecht, Frauenstaaten, die so, wie sie gewöhnlich gesehen werden, unhaltbar sind.“[98]

Auch im Hinblick auf die eheliche Treue unterschied Blüher drastisch:

„Die keusche Gemahlin ist eine ethische Selbstverständlichkeit, der keusche Mann fast eine Kuriosität. Und wenn man fragt, warum der Mann von jeher das Weib verehrt (verecundia), so ist es im letzten Grunde immer dies. Es gibt daher keinen männlichen Ehebruch, weil der Mann mit diesem Mittel die Ehe gar nicht brechen kann. Zwei Ausnahmen gibt es hier: wenn die Enthaltung beider beim Eheschluß versprochen wurde: dann heißt es „pacta sunt servanda“. Der zweite Fall ist der sakramentale: wenn eine Ehe geglaubterweise vor dem Altar geschlossen wurde; denn dann sind sie immer zu Dritt. Diese Ehe gibt es. In der Freiheit aber bricht nur das Weib die Ehe mit diesem Mittel. Denn das Weib kehrt nicht zurück.“[105]

Die Frage, wie Blüher mit seiner Mischung von frauenverachtenden und männertümelnden Äußerungen unter Zeitgenossen eine so weitreichende Resonanz erzeugen konnte, beantwortet sich für Geuter mit einer angesichts der beginnenden Frauenemanzipation in übermäßiger Souveränität sich maskierenden Angst der Männer, in einem Ruf, „der Stärke zeigen soll und doch Schwäche verrät“:

„Wehe dem Manne, der einer Frau verfiel! Wehe der Kultur, die sich den Frauen auslieferte! – Es ist eine gerechte und der Natur angemessene Sache, dass die Frau sich hingibt, aber der Mann der sich hingibt, ist verloren … Die Frauen trachten ewig danach, einen Mann ganz zu besitzen. Jene Falltür ins Nichts … verlangt nach einem Opfer. So gehen die meisten Männer an ihren Frauen zugrunde … Aber wer im Bunde ist, kann nicht sinken, denn er hat ein bestes Wesen dem Manne verpfändet.“[106]

Mit Achtung hingegen begegnete Blüher den Mädchenbünden und Frauengemeinschaften der Jugendbewegung, in denen „die lesbische Liebesgöttin heimlich das Szepter führte. Da ging es um Atemkultur, um Gymnastik und Musik, auch yogaähnliche Motive mischten sich ein, dies alles kreisend um das Thema der Erneuerung des Menschen. Und was das besonders Weibliche daran war: es ging immer um das Problem der „Insel“ der Frau, dieses für den Mann unbetretbaren Eilandes…eine Zone im weiblichen Wesen, die der Mann nicht bekommt, und das nicht mit in die Ehe eingebracht wird. So ist das bürgerliche Mannesprivileg von den Tribaden der Jugendbewegung und ihren Geheimbünden in der Tat gebrochen worden”[107]; nur habe „die Natur, um den Menschen zum staatenbildenden Wesen zu machen, eben nicht diese Beziehung ausgenutzt, sondern die mannmännliche. Und in diesem soziologischen Sinne nur gilt der Satz: Es gibt keine weibliche Gesellschaft.“[108]

6,5) Kirche und Christentum im Auffassungswandel:

In seinen jungen Jahren bis zum Ersten Weltkrieg, die er später als „geistige Flegeljahre“ bezeichnete,[109] zeichnete Blüher ein höchst unvorteilhaftes Bild von den Bemühungen der örtlichen Kirchenvertreter, die Heranwachsenden im Konfirmandenunterricht auf den christlichen Glauben und die Gemeinschaft der Gläubigen einzustellen. Gegenläufige Weltanschauungen wie Materialismus und Spiritualismus wurden da nach seinen Angaben jeweils binnen einer halben Stunde ad absurdum geführt, da sie ja weder die Materie des Geistes noch die der Erinnerung erklären könnten. Skepsis wurde auch gegenüber der Vernunft gelehrt, mit der zwar mathematische Lehrsätze bewiesen und mancherlei Lebenspraktisches bewerkstelligt werden könnte, „aber zu Höherem sei sie nicht berufen, und sie sei überhaupt ein niederes Organ des Geistes.“ Einer der Kirchenmänner lehrte, dass die Deutschen eine ganz besondere Neigung zum Religiösen hätten und dass am deutschen Wesen die Welt schließlich genesen werde.

„Das war schon ein deutlicher Übergang zum Patriotismus, den dann die Schule des Weiteren in die Hände nahm, und dann waren bald die Kanonen an der Reihe, Kaisers Geburtstag und das begeisterte dreifache Hurra.
Das ging so ein Jahr lang; dann kam Palmarum und mit ihm der entscheidende Tag. Noch einmal wurde ihnen vorgehalten, daß sie alles aus völlig freier Überzeugung tun müßten, sonst hätte es nämlich gar keinen Wert, und sie sollten lieber zurücktreten […] die Orgel rauschte und brauste immerzu, ein halbes Dutzend schwarzvermummter Tanten, Vater, Mutter, Schwester, Brüder stand hinter jedem von ihnen, und wieder merkwürdig: sie gaben alle ihr Ehrenwort aus vollster Mannesüberzeugung. – Als dann später einige zu denken begannen, haben sie’s gebrochen.“[110]

Nach dem Abitur 1907, als er in Basel das Studium der klassischen Philologie aufnahm und sich im Säbelfechten übte, stand Blüher nach eigenem späterem Bekunden stark unter dem Einfluss seines engsten Freundes Rudi (Rudolf Schwandt), der eine konsequent atheistische Haltung angenommen hatte.[111] In dem Bestreben, den Freund auf diesem Wege noch zu überbieten – Blüher: „ich kam mir ungeheuer gescheit und überlegen vor, gab das auch im äußeren Gestus zu erkennen, damit man es nur ja merkte“ –, negierte er nicht nur Gottes Dasein, sondern jede kosmische Ordnung überhaupt: „So kam ich zu einem konsequenten Nihilismus, der sich nun aufmachte, die Welt neu zu ordnen – mit einem ordnungslosen Grundgedanken im Herzen. Ich nannte so etwas dann ‚intellektuelle Sauberkeit‘ und hielt alle Menschen, die an Gott oder an eine höhere Ordnung der Dinge glaubten, entweder für Dummköpfe oder für Heuchler.“[112]

Den theoretischen Höhepunkt erreichte diese Entwicklung, als Blüher 1912 in seiner Abhandlung einer Preisfrage der theologischen Fakultät der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität zum Thema: „Die Theorie der Religionen und ihres Untergangs“ das Fazit zog:

„Unser Leben hat keinen objektiven für alle Ewigkeit begründeten Sinn, sondern nur den, welchen der Ton und die Neigung unseres Gemütes samt seiner geistigen Leitung ihm abgewinnt. Alle religiösen Ereignisse sind demnach rein psychologisch zu deuten, und jede Verbindung mit dem Dogmatischen ist unerlaubt. Damit sind alle Religionen gerichtet.“

Sehr lange, schrieb Blüher im Rückblick, habe diese Phase der atheistischen Orientierung angehalten und ihr Ende sei nicht als dramatische Wende, Erleuchtung oder Bekehrung gekommen, „sondern es war irgendwie so, als ob jemand – ich weiß nicht, wer – im Menschengedränge die Hand auf meine Schulter legte.“[113] Als Blüher dann 1921 unter dem Titel „Die Aristie des Jesus von Nazareth. Philosophische Grundlegung der Lehre und der Erscheinung Christi“ seine Position neu bestimmte, war der Kontrast zu seinen früheren Äußerungen markant:

„Von den Mächten aber, die heute bestehen, ist es einzig und allein das deutsche Wesen, welches berufen ist, die Erscheinung Christi aufzufangen und fortzuzeugen anhand der Erscheinungen, die ihm gleichen.“[114]

Blüher unterschied in dieser Schrift zwischen einem primären und einem sekundären Rassetypus, die nicht zuletzt erkenntnistheoretisch und religiös unterscheidbar seien. „Unter den Religionen spiegelt sich die primäre Rassenphilosophie im Brahmanismus und im Christentum wider, die sekundäre im Judentum. […] Im Christentum, d. h. in der Religion, in welcher die volle Wahrheit eingehüllt ist, prägt sich die Lehre von der natürlichen Auserwähltheit aus in der Gnadenwahl, die unmittelbar auf Christus zurückgeht. Das Judentum dagegen ist ganz befangen im Fortschritts- und Tüchtigkeitsgedanken. Es predigt die Rechtfertigung durch die gute, vom Gesetz vorgeschriebene Tat: es ist eine typische Lehre von der Homogenität der Menschheit.“[115]

„Eine üble und gemeine Gesinnung, die durchweg von der sekundären Rasse stammt“, heißt es an anderer Stelle, habe aus der Lehre Christi eine soziale Lehre gemacht „und aus Christus einen Gekommenen für die Armen“. Dem hielt Blüher das Jesus-Wort entgegen: „Ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habet ihr nicht allezeit.“[116]

Die Auseinandersetzung mit dem Judentum wird von Blüher auch in der „Aristie des Jesus von Nazareth“ wiederkehrend geführt. Gegen Ende des Werkes äußert er Bewunderung für die Fähigkeit zur Selbsterhaltung dieses „von so schweren Schicksalsschlägen“ getroffenen Volkes. Es gehe immer noch etwas vor in dem zertrümmerten Volkskörper: „Und in der Tat sammelt sich heute bereits das zerstörte Judentum zum Rückzuge, das heißt zu einer neuen Geburt des Volkes; diese Tendenz drückt sich im Zionismus aus.“[117] In einer Fußnote platzierte Blüher die Behauptung:

„Der Antisemitismus ist zum Teil ein beabsichtigtes Produkt der jüdischen Propaganda. Der Jude reizt die Gastvölker zum Pogrom, damit sie Judenblut vergießen. Sie wollen die Völker schuldig machen. Wer aber Judenblut vergießt, der dient dem Juden. Wehe dem Volk, das in diese gefährlichste Schlinge tritt!“[118]

Als „erste Rechtshandlung“ hatte Blüher mit 21 Jahren den Kirchenaustritt vollzogen und damit „sowieso alle Brücken zu einem ordentlichen Beruf abgebrochen“; den Wiedereintritt in die Evangelische Kirche vollzog er nach eigenem Bekunden erst in der NS-Zeit.[64] Neben gelegentlicher Betätigung als Psychotherapeut in seinem Hermsdorfer Domizil widmete sich Blüher von da an vornehmlich der Erarbeitung seines philosophischen Hauptwerks.

 

7) Ambitionierter Philosoph:

 

Blühers schriftstellerisches und philosophisches Schaffen lässt Parallelen erkennen zu der Art, wie er seine Universitätsstudien beschrieb. Er habe nie Bibliotheken benutzt, sondern die Bücher, die er brauchte, gekauft oder geliehen.

„Mir waren nur meine Zwecke maßgebend, nicht die der Gelehrsamkeit. Ich mußte daher darauf vertrauen, daß mir stets das richtige Buch in die Hände fiel, und das ist in erstaunlichem Maße eingetroffen. Nie ist mir etwas nicht begegnet, was ich unbedingt brauchte; die heimlichen Wege, die hier das Schicksal läuft, grenzen fast ans Okkulte. Ich könnte viele Fälle von Bibliomagie anführen, bei denen stets ein hilfreicher Geist Dienste zu leisten schien. Versagt sich einem Menschen, der so gebaut ist, das Glück, so sollte er aufhören zu schreiben.“[119]

In jahrelangen Studien der Veröffentlichungen anderer zunächst eine gründliche Bestandsaufnahme durchzuführen, war Blühers Ansatz nicht, auch nicht in philosophischer Hinsicht: „denn Philosophie strömt nicht von Buch zu Buch, sondern wird inkarniert.“[120] Er griff die sich ihm mehr oder minder durch Zufall aufdrängenden Themen auf und versuchte sie – angeblich ohne große Rücksicht auf andere – zu meistern:

„Daß dieser naturunmittelbare Weg der gefährlichere ist, liegt auf der Hand; er ist zugleich das Schlachtfeld der zerbrochenen Genies. Daß einer ihn zu gehen hat, wird ihm bezeugt durch jene okkulten bibliomagischen Ereignisse, von denen ich oben schon sprach. Der Weg der Gelehrsamkeit ist dagegen gefahrlos, wenn man nur fleißig ist. In dieser Zweiheit der Wege liegt der ganze Streit zwischen Akademikertum und Laienwissen, zwischen Zunft und Außenseiter, zwischen Klüngel und Genie beschlossen. Unüberbrückbar indes erscheint der Gegensatz nur in den Karikaturen der extremen Fälle: der vertrocknete Gelehrte und das verkommene Genie.“[119]

7,1) Motive und Zugang:

Ein brennendes Interesse an Philosophie stellte sich bei Blüher seinen Erinnerungen nach ein, als zu Beginn seiner Studienzeit in Basel der engste Freund eine ausgeprägt atheistische Einstellung annahm und Blüher ein Mittel suchte, ihn davon wieder abzubringen. Den eigenen Durchbruch zu dauerhafter intensiver Auseinandersetzung mit philosophischen Fragen erlebte er im Zusammenhang mit einer Aussage in seinem Werk: Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft, die besagt, der Eros sei Organ, „und zwar ein transzendentales. Mit dieser Formel beginnt der steile Aufstieg in die Philosophie. Als ich sie niederschrieb, habe ich sie selber noch nicht verstanden. Fest aber steht, daß ich von da an die psychologische und soziologische Betrachtung des Eros verließ und nur noch die philosophische verfolgte.“[121]

Den Durchbruch zur Grundfigur des eigenen Philosophierens erzielte Blüher, wie er mehrfach betont hat, im Gespräch mit Konrad Wilutzky, der dem Eros bzw. der Liebe als subjektivem Organ die Güte als Objekt zuordnete:

„Wenn die Liebe Organ ist, wie das Auge, so genügt es nicht zu sagen, daß sie die Dinge nur ‚betaste‘, denn das Auge betastet nicht, sondern wird getroffen von etwas, das an sich nicht leuchtet (Lichtäther), wodurch aber Licht wird; nur das heißt mit Fug und Recht Organsein. Getroffen aber wird die Liebe von der Güte; diese aber kommt in der empirischen Ordnung der Dinge nicht vor; also liegt der Ort der Güte in der Raumtiefe der Natur perspektivisch hinter den Dingen. Die Güte wird also wirksam durch die Tätigkeit der Liebe als Organ, und zwar in der Ethik […] Und dies ist auch der Grund, weshalb man die Ethik sowenig aus der empirischen Natur der Dinge ableiten kann, wie das Denken aus der Materie, vielmehr sie ständig mit der Metaphysik verknüpft findet.“[122]

7,2) Die Stellung des Menschen zur „Achse der Natur“

Die polare Einheit von Auge und Licht dient als Beispiel für Blühers Denkfigur einer transzendentalen „Achse der Natur“, deren Pole Subjekt und Objekt seien. Ihre Entdeckung stehe im Dienst „eines höheren Menschentums. Denn wie die Lage der Länder zueinander bestimmt ist durch die Erdachse, so ist die Lage der großen Gemütsmächte des Menschen bestimmt durch die Achse der Natur.“[123] „Natur“ wird definiert als „transzendentales Kontinuum“.[124] Kriterium der Wirklichkeit sei „die Stromrichtung vom Objekt zum Subjekt“[125] Das Objekt werde nicht gemacht, sondern gegeben.

Blüher kontrastiert seine Gedanken mit zentralen Aussagen einiger der größten Denker der Vergangenheit aus Philosophie und Wissenschaft (kaum Zeitgenossen!), mit deutlicher Vorliebe für Sokrates, Platon, Kant, Schopenhauer und Nietzsche. Daraus ergeben sich lebendig beschriebene lange und kurvenreiche Gedankenwanderungen.

Bei Sokrates und Platon fand Blüher die klarste Unterscheidung zwischen Ideen und Begriffen, die er auf seine Weise in Beziehung setzte:

„Die Ideen sind Urbilder der Dinge, die Begriffe sind Taten des Intellektes zur Erkenntnis der Dinge. So also beschrieben und definiert haben sie nichts miteinander zu schaffen; auf dem Papier sind sie sich Fremdlinge. Das ändert sich aber, wenn man sie in Tätigkeit setzt und ihre Lage in der Natur betrachtet. Dann kommt heraus, daß sie einander genau gegenüber liegen. Sie sind durch eine Achse verbunden, gleich wie zwei Räder eines Wagens, der erst dann fahren kann, wenn man ihre Naben fest miteinander verbindet; oder, wie Nordpol und Südpol der Erde. Um die Achse aber, die Idee und Begriff miteinander verbindet, dreht sich alles; es ist die Achse der Natur.“[126]

Die platonischen Ideen nannte Blüher auch „Archetypen der Natur“, die sich im „Welthintergrunde“ befänden.[127]

Bei Schopenhauer schätzt Blüher besonders dessen Unterscheidung zwischen Verstand und Vernunft, dieser auch dem Tier zugänglich, jene Alleinstellungsmerkmal des Menschen und Beleg, dass die Abstammung des Menschen vom Tier ausscheide. Denn die Vernunft sei nachweislich keine „Weiterentwicklung“ des Verstandes, sondern eine vom Grunde her völlig andere Qualität.[128]

„Daher ist es nicht etwa Glaubenssache, wenn wir zu dem Ergebnis kamen: der biblische Bericht mit der selbstständigen Schöpfung des Menschen befindet sich im Recht gegenüber den darwinistischen Behauptungen, sondern das kann man beweisen. Dadurch wird man gewiß nicht etwa religiöser, aber man irrt sich doch immerhin in einer lebenswichtigen Frage nicht.“[129]

Die Herleitung der Menschwerdung aus der Werkzeugherstellung bzw. darwinistischen Kategorien verurteilt Blüher als „naiven Naturalismus“:

„…etwa seit der französischen Revolution (aber nicht durch sie)…hebt es an, daß der Inhalt des Menschentums wesentlich in der Erfindung neuer Werkzeuge gesucht wird, wobei man annimmt, daß diese dann mit der Verbesserung der Lebenslage auch eine solche des Menschentums selber herbeiführen werden. Mit diesem Gedanken hat soeben diese selbe Menschheit ahnungslos ihren Untergang besiegelt, und man könnte sagen: ein falsches Denken über die Vernunft, vorausgesetzt, daß es Massenwahn wird, kann Völker und Erdteile ins Verderben stürzen.“[130]

Unter dem Aspekt der vergleichenden Anatomie schließt Blüher eine Abstammung des Menschen vom Affen gleichfalls aus und hält allenfalls ein umgekehrtes Abstammungsverhältnis für möglich.[131] Das Menschengeschlecht aber sieht er, „abgesehen davon, in wie viel ethnologische Rassen sie noch im übrigen eingeteilt ist“, in zwei Grundrassen vorliegen, „von denen die eine das Ordinäre, die andere das Edle darstellt“. Die nicht vorhandene Zeugungsschranke zwischen diesen beiden angeblichen Menschenrassen bewirke den Verlust der adligen Substanz „und hat mit transzendentaler Notwendigkeit den Niedergang des Menschentums zur Folge.“[132]

7,3) Natürliche Religiosität und Urteilskraft des Glaubens:

In den Religion und Christentum gewidmeten beiden letzten Großkapiteln seines mit dem Untertitel „System der Philosophie als Lehre von den reinen Ereignissen der Natur“ versehenen Werkes bestimmt Blüher den natürlichen Ursprung aller Religionen in ihrer helfenden Funktion. Das Bedürfnis bzw. der Wille zu beten und zu hoffen eine die Menschen über alle Verschiedenheit der Theologie sowie der Art und Anzahl der Götter hinweg: „daß sie helfen können und es tun, wenn man ihnen dient und sie anbetet – dies haben sie alle gemein; weil es der Punkt ist, darauf es ankommt.“[133]

Die im Sinne Blühers verstandene christliche Religion wirkt analog dem Heilungsvorgang in einem Organismus.[134] Dabei gehe es um einen auf Äonen angelegten kosmologischen Heilungsvorgang des Eros, des verletzlichsten und am tiefsten verletzten (Erkenntnis-)Organs des Menschen, das ausschlaggebend sei für die Einzigartigkeit und Unersetzlichkeit der Person.[135] Der Eros sei erkrankt, und zwar nicht vordergründig, sodass die Ursachen psychologisch, soziologisch, biologisch benannt werden könnten, sondern metaphysisch. Die verletzte Liebe sei zunächst jener objektiven Macht schutzlos preisgegeben, durch die sie selber zu einer Quelle des Bösen werde: Tragik in antiker Begrifflichkeit, Erbsünde in christlicher.[136] Auch die konsequente Einhaltung religiöser Gebote mache niemanden davon frei. Darum hält Blüher eine Gesetzesreligion wie das Judentum nicht für einen Weg, der zur echten Heilung führen kann.[137]

Aber gibt es Liebe, weil man lieben soll? Blüher meint, das Ernstnehmen dieses ethischen Imperatives könne ob seiner Unerfüllbarkeit nur Verzweiflung bewirken oder auch den Abfall von der Religion.[138] Diese Situation aber sei durch die Erscheinung Christi eine andere geworden, und zwar nicht wegen seiner Lehre, sondern durch sein Opfer. Dieses habe in der Achse der Natur eine solche Erschütterung bewirkt, dass sich der Eros, das bisherige Organ für die Person außerdem für die überpersönliche Güte geöffnet habe. Damit sei die endgültige Heilung der Menschheit und sogar der ganzen Natur von ihrer tiefsten Wunde zumindest eingeleitet.[139]

Glauben versteht Blüher als „religiöse Urteilskraft“; und damit sei der Streit zwischen Glauben und Wissen beendet. Alle religiösen Behauptungen seien nur durch den Glauben wahr; den als geminderte Erkenntnis anzusehen, ein grobes Missverständnis sei.[140] Wie jede Urteilskraft im Allgemeinen entspreche der Glaube im Besonderen der Achse der Natur: „Von der objektiven Seite her strömt etwas herauf, das, aus dem Grunde der Natur kommend, den Menschen anruft, ihm zu vertrauen; das ist die Glaubenskraft, die aus Freiheit geschenkt wird. Der Intellekt aber fängt sie auf und bildet, um auch für ruhige Zeiten gesichert zu sein, das Dogma. Das aber ist keineswegs ein willkürliches Gebilde der Vernunft, sondern ein notwendiges des Glaubens, und stellt sich fast automatisch ein. […] Daher sind alle Sätze des Dogmas nur im Glauben wahr – wobei das ‚nur’ aber eine Erhöhung bedeutet.“[141]

Gegenüber dem Christentum sieht Blüher sich selbst in dringlich wichtiger helfender Funktion:

„Die Philosophie hat in der Tat an dieser Stelle zum ersten Mal in ihrer nachchristlichen Geschichte die Mittel in der Hand, um jeden, der über das Christentum spricht, sei es als dessen Priester, sei es als Laie, zu stellen und ihn zu zwingen, Farbe zu bekennen. Entweder – spricht die Philosophie – ist der Kern des Christentums, also die Liebe, ein Abkömmling der gebotenen Nächstenliebe und hängt mit ihr, und nur mit ihr, genuin zusammen: dann tritt die unentrinnbare und zerstörende Konsequenz ein, daß es auf etwas beruht, das, nach eigener Lehre, in seinem Vollzuge der Sünde unterliegt; und dann wird eines Tages niemand mehr daran glauben. Oder: sein Kern ist die Liebe des Hohenliedes Salomonis, also die natürliche: dann gibt es nichts, was es jemals stürzen kann, und alle anderen Religionen verschwinden eines Tages wie wesenlose Schatten. Denn dann steht das Christentum allein da als einziger Träger der von der Natur unaufhörlich gestützten Religion. Der Zeitpunkt ist da, an welchem die Philosophie zum ersten Mal in ihrer Geschichte aus Freiheit dem Christentum – das unglaubwürdig geworden ist – Hilfe leistet.“[142]

Liebe und Güte dienen Blüher auch in diesem Zusammenhang als wichtige Bausteine des Beweisgangs, wobei er auf der Unteilbarkeit des Eros besteht: „So wie man nicht wissen kann, an welcher Stelle der Blitz einschlägt, so kann man auch nicht wissen, wohin die Güte trifft, ob in die feineren Bezirke oder in die Wollust. Beide sind ja auch bloß Vorlagerungen, und erst hinter ihnen, tiefer im Subjekt, liegt der transzendentale Ort, an dem die Organtätigkeit lebendig wird. […] Es ist ein schwerer Verlust, den das Christentum gleich in den ersten schrecklichen Jahrhunderten seines Bestehens erlitten hat, daß es in die Hände von Asketen fiel; es erfuhr dadurch eine Ablenkung von seiner Bahn, in der es sich heute noch befindet und durch die es sich ungerechterweise in den Ruf einer weltverneinenden Religion nach Art der indischen gebracht hat. Wenn es aber so ist – und es ist unwiderleglich so –, daß das Kernereignis des Christentums die Organverlagerung der natürlichen Liebe in Richtung auf die Güte ist, so schließt dieser Vorgang die Askese im mortifizierenden Sinne aus, verbannt sie sogar als eine seelische Ungezogenheit.[143]

Als ein „großes Ärgernis“ im Leben Jesu bezeichnet Blüher den Umstand, dass das ankündigte Reich Gottes weder kurzfristig noch überhaupt eingetreten ist und auch nicht erkennbar in Aussicht stehe.[144] Dennoch handle es sich bei Jesus nicht um einen falschen Propheten: „Die Natur als ein Ganzes in ihrer Lückenlosigkeit reagiert nicht auf falsche Propheten. Der Kern des Lebens Jesu lag aber im Bereich ihrer Achse, und sein Leben selbst ist die empirische Kundgebung eines reinen Ereignisses der Natur.“[145] Ausschlaggebende Bedeutung hat für Blüher das mit Jesu Tod am Kreuz verbundene sakrale Opfer:

„In der Tat weiß er noch bei den ersten Nagelungen nicht, was das alles für einen Sinn haben soll; aber er lehnt betäubende Getränke ab. Völlig ratlos sind natürlich die Jünger, einfach weil sie das immer waren. Aber mitten zwischen den verzweifelten Worten am Kreuz: ‚Mein Gott! Mein Gott! Warum hast du mich verlassen?’ und dem letzten: ‚Es ist vollbracht!‘ muß der Durchbruch in voller Gedankenklarheit erfolgt sein. Dies ist der Augenblick, in dem die Natur in die Welt einbricht und sie in den Stand der Heilsgeschichte versetzt.“[146]

Für Blüher war das der Moment, in dem die Güte ihr Organ in der Liebe fand. Während es in der Ethik des Altertums nur Handlungen aus Edelmut (bei den Hellenen) oder ‚gute Handlungen‘ im Gesetzessinn (bei den Juden) gegeben habe, seien nun Handlungen aus Güte als drittes Element hinzugekommen: „Diese sind naturunmittelbar und unterscheiden sich von denen aus dem Gesetz, aber sie unterscheiden sich auch von denen aus Edelmut. Handlungen aus Güte sind daher christliches Privileg.“[147] Zur Beschaffenheit von Liebe und Eros im christlichen Sinne gibt Blüher abschließend folgende Deutung:

„Aus alledem geht hervor, daß die Liebe, von der im Christentum die Rede ist, unmöglich die ‚Nächstenliebe‘ sein kann, sondern nur die wirkliche des Hohen Liedes Salomonis – das keinerlei allegorische Deutung zuläßt – und der heidnische Eros. Denn ‚Nächstenliebe‘ gibt es nicht; sie ist nirgends in der Natur gegründet. Sondern Nächstenliebe soll es geben. Was aber nicht ist, sondern nur sein soll, das kann nicht Organ sein. Hier gibt es gar kein Entweichen: entweder so ist es richtig, oder die Religion steht im Christentum auf Flugsand.
Wohl aber enthält der christliche Charakter, den es seit dem Kreuzestode gibt, die caritas als seinen wesentlichen Bestandteil. Erst der Christ kann seinen Nächsten lieben und das Gesetz erfüllen, gerade weil diese Erfüllung ‚getrennt vom Gesetz‘ stattfindet. Es gibt im christlichen Menschen eine letzte Hemmung der Humanität, die es ihm unter allen Umständen verbietet, das Leben des Mitmenschen bedenkenlos zu zerstören. Diese Hemmung kannte das Altertum nicht. Die caritas ist demnach ein Produkt des christlichen Weltprozesses.“[148]

8) Rezeption:

Der Historiker Bernd-Ulrich Hergemöller, der eine Blüher-Bibliographie erstellt hat, sieht in Hans Blüher „einen der produktivsten, meistgelesenen und umstrittensten kultur- und sexualwissenschaftlichen Autoren des 20. Jahrhunderts“. Die bisher weitgehend ausgebliebene wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Blüher liege vor allem an einem „unausgesprochenen Tabuisierungsverdikt“ wegen Blühers aggressivem Antisemitismus und seiner Polemik gegen die Frauenemanzipation.[149]

Walter Laqueur, Autor unter anderem eines Standardwerks zur Jugendbewegung, hält Blüher teils für aufrichtig, teils für einen „Poseur und Scharlatan“, der oft auf theatralische und schockierende Effekte gesetzt habe. „Einige seiner Theorien enthielten mehr als nur ein Körnchen Wahrheit, andere sind zu töricht, als daß man sie ernsthaft diskutieren könnte.“ Die Klarheit seines Stils sei leider nicht Ausdruck der Klarheit seines Denkens.[150]

Hans-Joachim Schoeps, bis 1933 führendes Mitglied der jüdischen Jugendbewegung und Blüher über dessen Tod hinaus freundschaftlich verbunden, betonte dagegen seine Hochachtung gegenüber Blüher. Noch 1933 war in Buchform ein Disput zwischen dem jungen jüdischen Religionswissenschaftler Schoeps und Blüher erschienen, „Streit um Israel“, der von den neuen Machthabern aber bald aus dem Verkehr gezogen wurde. Schoeps sah Blühers eigentliche Bedeutung darin, dass er das Erosproblem „aus dem medizinischen Niveau unter Anknüpfung an die alte platonische Erosidee“ in die philosophische Betrachtungsebene erhoben habe.[151]

8,1) Wirkungsradius zu Lebzeiten:

„Berühmt oder berüchtigt?“ fragt Bernd Nitzschke mit Blick darauf, dass das Publikum den Autor Hans Blüher im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts in einem heute kaum mehr nachvollziehbaren Maß diskutiert habe.[152] Schon die Aufnahme der Wandervogel-Trilogie vor dem Ersten Weltkrieg war zwiespältig. Während etwa der Reformpädagoge Gustav Wyneken, der beim Jugendtreffen auf dem Hohen Meißner 1913 eine zentrale Rolle spielte, von Blühers Wandervogel-Darstellung nachhaltig beeindruckt war und ihr „ein tiefes Verständnis für das Problem der Jugendkultur“ attestierte,[153] sprach z. B. der Kritiker Karl Wilke von einem kranken Buch, das die Ehre der germanischen Jugendbünde befleckt habe.[152]

Sigmund Freud, zu dem Blüher 1912 zwecks Expertise-Einholung zum dritten Band seiner Wandervogel-Geschichte Kontakt aufgenommen hatte, bescheinigte ihm: „Kein Zweifel, Sie sind eine starke Intelligenz, ein trefflicher Beobachter und ein Kerl von Mut und ohne viel Hemmungen. Was ich bei Ihnen gelesen habe, ist viel gescheiter als das Allermeiste der homosexuellen Literatur und richtiger als das Meiste der medizinischen.“ Die theoretische Differenz zwischen ihnen beiden sei nicht mehr groß; Blüher habe nur mehr auch das Verhältnis „der Inversion zur Impotenz gegen das Weib“ zu berücksichtigen, die Freud als nicht ganz normal ansah, sondern als Entwicklungshemmung auffasste.[154] Anders fiel Freuds Urteil allerdings aus, nachdem Blüher sich politisch-weltanschaulich zum bekennenden Konservativen gewandelt hatte, der Freud als jüdischem Gelehrten 1922 zwar noch immer eine bedeutende Entdeckung bescheinigte, aber zugleich einschränkte: „Diese Gedanken werden erst fruchtbar, wenn sie durch ein deutsches Gehirn gehen, das imstande ist, ihrem tückischen Untergrunde Widerstand zu leisten.“ Fortan war Blüher für Freud „einer der Propheten dieser aus den Fugen geratenen Zeit“, der mit analytischer Wissenschaft nichts zu tun habe.[154]

Eine ganze Reihe bekannter und weniger bekannter Dichter und Literaten reagierte auf Blühers frühe Schriften. Aus den Schützengräben des Ersten Weltkriegs erhielt Blüher 1915 Feldpost von Franz Werfel, der im Zustand nervlicher Erschöpfung Trost in der Blüher-Lektüre fand, wie er schrieb.[155] Rainer Maria Rilke meldete sich 1919 in mehreren Briefen bei Blüher und teilte unter anderem mit, er habe die „Rolle der Erotik“ stellenweise mit „überraschtester und freudigster Bewunderung“ gelesen und weitere Exemplare an andere Interessierte geschickt.[156] Gottfried Benn widmete Blüher die Schrift Das moderne Ich als „Zeichen meiner schrankenlosen Verehrung seines Werkes“.[157] Mit gänzlich anderer Stoßrichtung erschien 1920 ein Buch von Johann Plenge unter dem Titel: Antiblüher. Affenbund oder Männerbund? Kurt Tucholsky äußerte sich in seinem Essay Der Darmstädter Armleuchter, der sich mit Hermann Graf Keyserling befasst, abwertend.[158]

Auf die „besseren Vertreter der Jugendbewegung“ berief sich 1922 der zur Führung der Neupfadfinder gehörige Karl Sonntag in seinem Urteil über Blühers Schriften: „Wir geben gerne zu, daß vieles richtig ist, was Blüher sagt. Aber wir werden nie ein peinliches Gefühl und ein unmutiges Empörtsein darüber los, was er gesagt hat und wie er es gesagt hat. […] Und es ist ungemein traurig, daß dieser ‚Philosoph‘ einen Hauptlesestoff der Jugend bildet und den Weg zur wahren Literatur versperrt. In heiligen und feierlichen Stunden zu Blühers Büchern zu greifen ist unmöglich. Man kann sie nur nach Tisch lesen, wie Zeitungen …“[159]

Thomas Mann war im Februar 1919 Zuhörer eines Blüher-Vortrags zum Thema Deutsches Reich, Judentum und Sozialismus, für den er Blüher anschließend persönlich dankte und zu dem er in seinem Tagebuch festhielt: „Ein ausgezeichneter Vortrag, mir fast Wort für Wort aus der Seele geredet.“[160] Noch 1922 äußerte Thomas Mann sich in einer Rede partiell zustimmend zu Blühers männerbündischem Erosbegriff („Eros als Staatsmann, als Staatsschöpfer sogar ist eine seit alters her vertraute Vorstellung, die noch in unseren Tagen aufs geistreichste propagiert [wird]“), lehnte aber dessen Gebrauch zu Zwecken der monarchischen Restauration als Unfug ab.[161] Blühers 1926 erschienenes Traktat über die Heilkunde beeinflusste laut Hergemöller „zahlreiche Alternativmediziner, Homöopathen und Psychotherapeuten“.[162]

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8,2) Spärliche Beachtung und Auseinandersetzung im Nachgang:

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/4/4b/Hans_Bl%C3%BCher_1888-1955.jpgÜber bestimmte homophile, pädophile und rechtsextreme Kreise hinaus, die sich zu eigenen Zwecken einzelner Bestandteile von Blühers Veröffentlichungen bedienten, hat Blüher nach seinem Tode in der Forschung lange Zeit kaum Beachtung gefunden. Hergemöller konstatiert eine strikte Tabuisierung seines Namens. Entgegengesetzte Impulse diesbezüglich haben insbesondere Hans Joachim Schoeps, Nicolaus Sombart, Ulfried Geuter und zuletzt Claudia Bruns und Ulrike Brunotte gesetzt, die vor allem auf Blühers homoerotische und männerbündische Theorien zielen. Schoeps bemängelte an Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft in wissenschaftlicher Hinsicht zwar unter anderem eine uneinheitliche Methodik, das Fehlen einer sicheren psychologischen Grundlegung und eine nicht hinreichend differenzierte Trieblehre; mit solcher Kritik würde aber der intuitive Charakter des Werkes verkannt: „Die Fülle genialer Einfälle, die man in ihm findet, ist gewiß unkontrollierbar; aber Reiz und Wesen dieses Buches hängen gerade daran.“ Blüher habe viel dazu beigetragen, „den Typus des Sexualneurotikers zu enthüllen, der seinen Verdrängungszwängen unterliegt und in der Rolle des Verfolgers so gefährlich wird.“[163]

Sombart vertritt die Ansicht, im Wilhelminischen Deutschland habe im Unterschied zu anderen europäischen Gesellschaften eine patriarchalische Gesellschaftsordnung mit einem starken männerbündlerischen Element geherrscht. Gegenwärtige Theorien, die das Phänomen der Homosexualität nicht nur als anthropologisches, sondern als soziales zu deuten versuchten, bewegten sich zwischen einem apologetischen und einem diskreditorischen Pol. Namentlich bezieht sich Sombart dabei einerseits auf die Theorie von Hans Blüher, „in der die mann-männlichen Beziehungen der Heterosexualität gegenüber als eine superiore Form zwischenmenschlicher Beziehungen angesehen werden, Homosexualität mit Polis und Staat in Beziehung gesetzt wird, die «reine Männersache» sind“, aber auch auf die geistige Betätigung schlechthin bezogen wird, zu der allein Männer befähigt seien; den anderen Pol stellt für Sombart die Theorie Alfred Adlers dar, in der Homosexualität als ein spezifischer Fall männlicher Lebensuntüchtigkeit“ erscheine und auf einen männlichen Minderwertigkeitskomplex der Frau gegenüber zurückzuführen sei.[164] Die Eulenburg-Affäre gilt Sombart als „ein typischer Fall also von Homosexuellen-Haß des latent Homosexuellen. Harden verfolgte das, was er in sich unterdrückte. […] Die Negation der eigenen homosexuellen Komponente machte ihn zum Typ des homosexuellen Verfolgers. Hans Blüher hat diesen Verfolgertypus und die für ihn charakteristische Verfolgungsneurose genau beschrieben – und zwar im Anschluß an die Kalamität der Eulenburg-Prozesse -; als die Geschichte «des Mannes, der den ungeheuerlichsten Abscheu und Widerwillen vor der Berührung mit dem eigenen Geschlecht hat, aber ihm doch leidenschaftlich verfallen ist.“[165]

Blühers Rolle bei den ersten heftigen Auseinandersetzungen um homosexuelle Tendenzen innerhalb der Wandervogelbewegung gründlich erforscht hat Geuter, der aus Publikationen und Nachlässen eine ausgedehnte Lagerbildung von Blüher-Freunden und Blüher-Gegnern rekonstruiert.[166] Diese stellt er in den Zusammenhang mit einer Unsicherheit und Desorientierung im Verhältnis zwischen Jungen und Mädchen um die Jahrhundertwende und mit den öffentlich aufbereiteten Homosexualitätsaffären am und im Umfeld des kaiserlichen Hofes. Auch den zweiten Höhepunkt der Diskussionen um die „mann-männliche Liebe“ unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg in der Jugendbewegung sieht Geuter im Zusammenhang mit Blühers Publikationen, insbesondere mit dem Werk Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft.[167] Zu einer „grundlegenden Konzeption der Befreiung der Sexualität“ sei Blüher in seinem Widerspruch gegen die heterosexuelle Normierung nicht gelangt, weil am Ende seiner Theorie nicht der lustvolle Mann gestanden habe, sondern „das Mitglied eines wohlgeordneten Männerbundes, das, wie in der ritterlichen Ordnung, in einem Treueverhältnis zu einer Führungsperson stand.“[168]

Brunotte, die in einem weiten kulturhistorischen Bogen den Zusammenhang von „kriegerischer Politik und technologisch aufgerüsteter Männlichkeit“ bis in die Gegenwart des begonnenen 21. Jahrhunderts spannt, sieht Blühers Theorie der männlichen Gesellschaft notwendig auch in der Perspektive zu den „männerbündisch organisierten Kampfverbänden und Banden der Freikorps, der SA und der SS“, hält die alleinige Deutung des Blüherschen Männerbundmodells als Vorbereitung auf den Nationalsozialismus jedoch für verfehlt. „Es bedarf nur einer kleinen Perspektivverschiebung, um im Männerbundmodell – als eines durch rauschhafte Gefühlserlebnisse um den ‘charismatischen Männerhelden’ bewirkten Zusammenschlusses von brüderlichen Freunden – den dämonischen Doppelgänger republikanischer Brüderlichkeitsideale seit 1789 zu erkennen.“ Ungeachtet der Ambivalenz von Person und Schriften Blühers, von denen ein Großteil in den Giftschrank gehöre, bleibe sein Beitrag „zur Analyse mann-männlicher Soziabilität und zur sexual politics des frühen 20. Jahrhunderts.“[169]

Nitzschke zielt in seinem Urteil wesentlich auf Blühers politische Orientierung und sieht in dessen Haltung, „das Hohe und Höchste in die Vergangenheit zu projizieren und es in der Zukunft wiedergewinnen zu wollen“ eine „gefährliche Geringschätzung des Gegenwärtigen, des Realen, des Nicht-Idealen.“[152] Das philosophische Hauptwerk, Die Achse der Natur, nennt Hergemöller „eine antimodernistische Geschichtsmetaphysik“, die nur von einigen schweizerischen und französischen Wissenschaftlern positiv rezipiert worden sei. Die eigenen bibliographischen Bemühungen um Hans Blüher begründet Hergemöller mit der für das Verständnis der Vergangenheit „mit all ihren Exzessen und Katastrophen“ selbstverständlichen akribischen wissenschaftlichen Forschung auch bezüglich solcher Personen und Gedanken, „die zur Destruktion des Humanum beigetragen haben und die keinerlei Identifikationspotential besitzen“.[149]

9) Literatur:

9,1) Werke:

(in Auswahl)

  • Die Rede des Aristophanes. Prolegomena zu einer Soziologie des Menschengeschlechtes. Hamburg 1966. Kompilation postumer Schriften. Veröffentlicht aus dem Nachlaß Blühers.
  • Die Achse der Natur. System der Philosophie als Lehre von den reinen Ergebnissen der Natur: Hamburg 1949 (EA), Stuttgart 1952.
  • Die Erhebung Israels gegen die christlichen Güter. Hanseatische Verlagsanstalt 1931.
  • Der Standort des Christentums in der lebendigen Welt. Hamburg 1931.
  • Streit um Israel. Hanseatische Verlagsanstalt, Hamburg 1933. Ein jüdisch-christliches Gespräch mit Hans-Joachim Schoeps.
  • Die humanistische Bildungsmacht. Leipzig 1928.
Postume Neufassung: Heidenheim an der Brenz 1976.
  • Philosophie auf Posten. Gesammelte Schriften 1916–1921. Heidelberg 1928.
  • Die Elemente der deutschen Position. Offener Brief an den Grafen Keyserling in deutscher und christlicher Sache. Berlin 1927.
  • Traktat über die Heilkunde insbesondere die Neurosenlehre. Jena 1926.
Weitere Auflage 1928; 3., veränderte Auflage, Stuttgart 1950.
  • Die deutsche Renaissance. Von einem Deutschen. Kampmann & Schnabel, Prien 1924. Anonym erschienen.
  • Der Judas wider sich selbst. Aus den nachgelassenen Papieren von Artur Zelvenkamp. Berlin 1922. Pseudonym erschienen.
  • Secessio Judaica. Philosophische Grundlegung der historischen Situation des Judentums und der antisemitischen Bewegung. Der Weisse Ritter Verlag, Berlin 1922.
Veränderte 3. Ausgabe, Voggenreiter Verlag, Berlin 1933.
  • Die Aristie des Jesus von Nazareth. Philosophische Grundlegung der Lehre und der Erscheinung Christi. Prien, 1921.
  • Deutsches Reich, Judentum und Sozialismus. Prien 1920.
  • Die Wiedergeburt der platonischen Akademie. Diederichs, Jena 1920
  • Werke und Tage (Geschichte eines Denkers). Autobiographie. Jena 1920.
Weitere wesentlich erweiterte Auflage München 1953.
  • Mehrehe und Mutterschaft. Ein Briefwechsel mit Milla von Brosch. Jena 1919.* Empedokles. Oder das Sakrament des freien Todes. o.O. 1918. Als Handschrift gedruckt, nicht im Buchhandel erschienen.
  • Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft. (2 Bde.) Jena 1917/19.
  • Merkworte für den freideutschen Stand. Hamburg 1919.
  • In medias res. Grundbemerkungen zum Menschen. Jena 1919.
  • Führer und Volk in der Jugendbewegung. Jena 1917.
  • Einer der Homere und anderes in Prosa. Leipzig 1914.
  • Wandervogel. Geschichte einer Jugendbewegung. (2 Bde.) I.: Heimat und Aufgang, II.: Blüte und Niedergang. 1. Auflage. Berlin-Tempelhof 1912.
  • Die Wandervogelbewegung als erotisches Phänomen. Berlin-Tempelhof 1912.

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9,2) Sekundärliteratur:

  • Ulrike Brunotte: Zwischen Eros und Krieg. Männerbund und Ritual in der Moderne (= Kleine kulturwissenschaftliche Bibliothek, Bd. 70). Wagenbach, Berlin 2004, ISBN 3-8031-5170-8.
  • Claudia Bruns: Zur Konstruktion des Männerbunds bei Hans Blüher. In: Susanne zur Nieden: Homosexualität und Staatsräson. Männlichkeit, Homophobie und Politik in Deutschland 1900–1945 (= Geschichte und Geschlechter, Bd. 46). Campus-Verlag, Frankfurt am Main u. a. 2005, ISBN 3-593-37749-7, S. 100–117.
  • Claudia Bruns: Politik des Eros. Der Männerbund in Wissenschaft, Politik und Jugendkultur (1880–1934). Böhlau, Köln u. a. 2008, ISBN 978-3-412-14806-5 (Zugleich: Hamburg, Univ., Diss., 2004).
  • Ulfried Geuter: Homosexualität in der deutschen Jugendbewegung. Jugendfreundschaft und Sexualität im Diskurs von Jugendbewegung, Psychoanalyse und Jugendpsychologie am Beginn des 20. Jahrhunderts (= Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft 1113). Suhrkamp, Frankfurt am Main 1994, ISBN 3-518-28713-3.
  • Bernd-Ulrich Hergemöller: Hans Blüher 1888–1955. Annotierte und kommentierte Biobibliographie (1905–2004) (= Hergemöllers historiographische Hilfsmittel 1). HHL-Verlag, Hamburg 2004, ISBN 3-936152-04-7 (Teil C zur Rezeption. Inhaltsübersicht).
  • Susanne zur Nieden, Claudia Bruns: „Und unsere germanische Art beruht bekanntlich zentnerschwer auf unserem Triebleben …“. Der „arische Körper“ als Schauplatz von Deutungskämpfen bei Blüher, Heimsoth und Röhm. In: Paula Diehl (Hrsg.): Körper im Nationalsozialismus. Bilder und Praxen. Fink u. a., München u. a. 2006, ISBN 3-7705-4256-8, S. 111–128.
  • Jürgen Plashues: Ein Leben zwischen Schwarz und Weiß. In: Jahrbuch des Archivs der deutschen Jugendbewegung. 19, 1999/2004, ISSN 0587-5277, S. 146–185.
  • Christopher Treiblmayr: Männerbünde und Schwulenbewegung im 20. Jahrhundert. In: Europäische Geschichte Online. 2011, Zugriff am: 29. Dezember 2011.

10) Weblinks:

Originaltexte von Hans Blüher im Netz:

Sekundäres

11) Anmerkungen:

  1. Hans Blüher (biographische Hinweise). In: Werner Kindt (Hrsg.): Dokumentation der Jugendbewegung. Band I: Grundschriften der deutschen Jugendbewegung. Diederichs, Düsseldorf 1963, S. 558 f.
  2. Hans Blüher: Wandervogel. Geschichte einer Jugendbewegung. Zweiter Teil: Blüte und Niedergang. Zweite Auflage, Berlin-Tempelhof 1912, S. 152 ff.
  3. „Dabei gehörte er aber nicht zu den üblichen Pastorennaturen, die nichts anderes kennen. Seine Liebe war bei den Griechen; das klassische Altertum galt ihm als Vorstufe zur christlichen Wahrheit, und insofern liebte er es, insofern verzieh er ihm.“ (Hans Blüher: Wandervogel. Geschichte einer Jugendbewegung. Erster Teil: Heimat und Aufgang. Dritte Auflage, Berlin-Tempelhof 1913, S. 27)
  4. Hans Blüher: Werke und Tage (Geschichte eines Denkers). Autobiographie. München 1953, S. 25
  5. Hans Blüher: Werke und Tage (Geschichte eines Denkers). Autobiographie. München 1953, S. 16
  6. Zu Fischers Wandervogel-Nomenklatur siehe: „Oberbachant“ Karl Fischer
  7. Hans Blüher: Wandervogel. Geschichte einer Jugendbewegung. Erster Teil: Heimat und Aufgang. Dritte Auflage, Berlin-Tempelhof 1913, S. 133
  8. Hans Blüher: Wandervogel. Geschichte einer Jugendbewegung. Zweiter Teil: Blüte und Niedergang. Zweite Auflage, Berlin-Tempelhof 1912, S. 189/191
  9. Hans Blüher: Wandervogel. Geschichte einer Jugendbewegung. Zweiter Teil: Blüte und Niedergang. Zweite Auflage, Berlin-Tempelhof 1912, S. 167 f.
  10. Hans Blüher: Werke und Tage. München 1953, S. 206 f.
  11. Hans Blüher: Wandervogel. Geschichte einer Jugendbewegung. Erster Teil: Heimat und Aufgang. Dritte Auflage, Berlin-Tempelhof 1913, S. 54 f.
  12. Hans Blüher (biographische Hinweise); in: Werner Kindt (Hrsg.): Dokumentation der Jugendbewegung. Band I: Grundschriften der deutschen Jugendbewegung. Diederichs, Düsseldorf 1963, S. 558
  13. Hans Blüher: Wandervogel. Geschichte einer Jugendbewegung. Zweiter Teil: Blüte und Niedergang. Zweite Auflage, Berlin-Tempelhof 1912, S. 57 f
  14. Vgl.: Bruns, Claudia: Politik des Eros, S. 211
  15. Hans Blüher: Wandervogel. Geschichte einer Jugendbewegung. Zweiter Teil: Blüte und Niedergang. Zweite Auflage, Berlin-Tempelhof 1912, S. 49 f.
  16. Hans Blüher: Werke und Tage. München 1953, S. 323
  17. Hans Blüher: Wandervogel. Geschichte einer Jugendbewegung. Erster Teil: Heimat und Aufgang. Dritte Auflage, Berlin-Tempelhof 1913, S. VI, ff.
  18. Hans Blüher: Wandervogel. Geschichte einer Jugendbewegung. Erster Teil: Heimat und Aufgang. Dritte Auflage, Berlin-Tempelhof 1913, S. 59
  19. Hans Blüher: Wandervogel. Geschichte einer Jugendbewegung. Erster Teil: Heimat und Aufgang. Dritte Auflage, Berlin-Tempelhof 1913, S. 127
  20. „DIE ZEIT“, 31. Oktober 2001, S. 96
  21. Hans Blüher: Wandervogel. Geschichte einer Jugendbewegung. Erster Teil: Heimat und Aufgang. Dritte Auflage, Berlin-Tempelhof 1913, S. 131
  22. Hans Blüher: Wandervogel. Geschichte einer Jugendbewegung. Erster Teil: Heimat und Aufgang. Dritte Auflage, Berlin-Tempelhof 1913, S. 95 f.
  23. Hans Blüher: Wandervogel. Geschichte einer Jugendbewegung. Erster Teil: Heimat und Aufgang. Dritte Auflage, Berlin-Tempelhof 1913, S. 96 f.
  24. Hans Blüher: Wandervogel. Geschichte einer Jugendbewegung. Zweiter Teil: Blüte und Niedergang. Zweite Auflage, Berlin-Tempelhof 1912, S. 185 f.
  25. Hans Blüher: Wandervogel. Geschichte einer Jugendbewegung. Erster Teil: Heimat und Aufgang. Dritte Auflage, Berlin-Tempelhof 1913, S. 80
  26. Hans Blüher: Wandervogel. Geschichte einer Jugendbewegung. Erster Teil: Heimat und Aufgang. Dritte Auflage, Berlin-Tempelhof 1913, S. 46 f.
  27. Hans Blüher: Werke und Tage. München 1953, S. 219
  28. Hans Blüher: Werke und Tage. München 1953, S. 220f.
  29. Den Begriff der Inversion bevorzugte Blüher gegenüber dem der Homosexualität mit der Begründung, Inversion verdeutliche, dass nur die Richtung der Trieborientierung verändert und das Liebesobjekt ein anderes sei, nicht aber das Liebesverhalten. (Geuter 1994, S. 83)
  30. Geuter 1994, S. 76
  31. Hans Blüher: Wandervogel. Geschichte einer Jugendbewegung. Zweiter Teil: Blüte und Niedergang. Zweite Auflage, Berlin-Tempelhof 1912, S. 120 f.
  32. Geuter 1994, S. 69
  33. Hans Blüher: Werke und Tage. München 1953, S. 231
  34. Brunotte 2004, S. 72 f.
  35. Hans Blüher: Werke und Tage. München 1953, S. 33
  36. Hans Blüher: Werke und Tage. München 1953, S. 337
  37. Hans Blüher: Werke und Tage. München 1953, S. 338
  38. Hans Blüher: Werke und Tage. München 1953, S. 339 f.
  39. Christian Füller: Die Revolution missbraucht ihre Kinder. Sexuelle Gewalt in deutschen Protestbewegungen Hanser, München 2015.
  40. Hans Blüher: Werke und Tage. München 1953, S. 251
  41. Hans Blüher: Werke und Tage. München 1953, S. 252 f.
  42. Hans Blüher: Werke und Tage. München 1953, S. 255 f.
  43. Hans Blüher: Die deutsche Wandervogelbewegung als erotisches Phänomen. Zweite Auflage, Berlin-Tempelhof 1912, S. 27
  44. Hans Blüher: Wandervogel. Geschichte einer Jugendbewegung. Zweiter Teil: Blüte und Niedergang. Zweite Auflage, Berlin-Tempelhof 1912, S. 114 f.
  45. Hans Blüher: Die deutsche Wandervogelbewegung als erotisches Phänomen. Zweite Auflage, Berlin-Tempelhof 1912, S. 110
  46. Hans Blüher: Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft. Neuausgabe, Stuttgart 1962 (der 1917/19 in Jena erschienenen zweibändigen Erstausgabe), S. 122
  47. Hans Blüher: Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft. Neuausgabe, Stuttgart 1962 (der 1917/19 in Jena erschienenen zweibändigen Erstausgabe), S. 20
  48. Jay Geller: Freud, Blüher, and the Secessio Inversa: Männerbünde, homosexuality, and Freud’s theory of cultural formation. In: Daniel Boyarin, Daniel Itzkovitz und Ann Pellegrini (Hrsg.): Queer theory and the Jewish question. Columbia University Press, New York 2003, ISBN 978-0-231-11374-8, S. 90–120.
  49. Geuter 1994, S. 16, 308
  50. Florian Mildenberger: Der Diskurs über männliche Homosexualität in der deutschen Medizin von 1880 bis heute. In: Dominik Groß, Sabine Müller und Jan Steinmetzer (Hrsg.): Normal – anders – krank?: Akzeptanz, Stigmatisierung und Pathologisierung im Kontext der Medizin. Medizinisch-wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Berlin 2008, ISBN 978-3-939069-28-7, S. 90.
  51. Ulrike Brunotte: Masculinities as Battleground of German Identity Politics. Colonial Transfers, Homophobia and Anti-Semitism around 1900. In: Waltraud Ernst (Hrsg.): Grenzregime: Geschlechterkonstellationen zwischen Kulturen und Räumen der Globalisierung. Lit-Verlag, Münster 2010, ISBN 978-3-643-10713-8, S. 178.
  52. Geuter 1994, S. 112 f. An Hirschfelds Zwischenstufentheorie kritisierte Blüher, dass Inversion darin als weibliche Eigenschaft des Mannes erscheine. Sie verkenne damit den Männerhelden. (S. 113 f.)
  53. Hans Blüher: Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft. Neuausgabe, Stuttgart 1962 (der 1917/19 in Jena erschienenen zweibändigen Erstausgabe), S. 50 f.
  54. Hans Blüher: „Die Rede des Aristophanes.“ Hamburg 1966, S. 165
  55. Hans Blüher: Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft. Neuausgabe, Stuttgart 1962 (der 1917/19 in Jena erschienenen zweibändigen Erstausgabe), S. 18
  56. Hans Blüher: „Die Rede des Aristophanes.“ Hamburg 1966, S. 165. Die „zwei Männerarten“ wären nur als Idealtypen zu denken. An vielen Stellen spricht Blüher von jener „Kategorie von Bisexuellen, die ihre Liebe dem Manne geben und beim Weibe Wollust suchen und sie ihm geben. Eine scheinbar außergewöhnliche Aufspaltung des Eros, der ich aber in hundert Varianten immer und immer wieder in meinen Sprechstunden begegnet bin.“ S. 94 f.
  57. Hans Blüher: Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft. Neuausgabe, Stuttgart 1962 (der 1917/19 in Jena erschienenen zweibändigen Erstausgabe), S. 199
  58. Hans Blüher: Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft. Neuausgabe, Stuttgart 1962 (der 1917/19 in Jena erschienenen zweibändigen Erstausgabe), S. 201
  59. Hans Blüher: „Die Rede des Aristophanes.“ Hamburg 1966, S. 165.
  60. Hans Blüher: Die Untaten des bürgerlichen Typus. In: Blüher: Gesammelte Aufsätze. Jena 1919, S. 41
  61. Hans Blüher: Die Wiedergeburt der platonischen Akademie. Jena 1920, S. 10
  62. Hans Blüher: Werke und Tage. München 1953, S. 39
  63. Hans Blüher: Die Wiedergeburt der platonischen Akademie. Jena 1920, S. 22
  64. Hans Blüher: Werke und Tage. München 1953, S. 299
  65. Hans Blüher: Ulrich von Wilamowitz und der deutsche Geist 1871–1915. In: Blüher: Philosophie auf Posten. Gesammelte Schriften 1916–1921. Heidelberg 1928, S. 48–51
  66. Hans Blüher: Die Wiedergeburt der platonischen Akademie. Jena 1920, S. 5
  67. Hans Blüher: Ulrich von Wilamowitz und der deutsche Geist 1871–1915. In: Blüher: Philosophie auf Posten. Gesammelte Schriften 1916–1921. Heidelberg 1928, S. 46, 52
  68. Hans Blüher: Werke und Tage. München 1953, S. 300
  69. Hans Blüher: Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft. Neuausgabe, Stuttgart 1962 (der 1917/19 in Jena erschienenen zweibändigen Erstausgabe), S. 322 f
  70. Hans Blüher: Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft. Neuausgabe, Stuttgart 1962 (der 1917/19 in Jena erschienenen zweibändigen Erstausgabe), S. 324
  71. Hans Blüher: Werke und Tage. München 1953, S. 399 f.
  72. Hans Blüher: Werke und Tage. München 1953, S. 176
  73. Hans Blüher: Werke und Tage. München 1953, S. 148
  74. Hans Blüher: Werke und Tage. München 1953, S. 170
  75. Hans Blüher: Werke und Tage. München 1953, S. 144 f.
  76. Sombart 1996, S. 178. Mit dieser durchschlagenden zeitgenössischen Breitenwirkung kontrastiert Sombart deren geringe Beachtung in der heutigen Historiographie: „Die Angelegenheit wird bagatellisiert […] Es gibt in Deutschland kein Buch, keine Monographie über diesen Vorfall.“ (Sombart, a.a.O., S. 159)
  77. Nicolaus Sombart: Wilhelm II. Sündenbock und Herr der Mitte. Berlin 1996, S. 181
  78. Geuter 1994, S. 305. „Es überrascht daher nicht, daß der Kaiser nach dem Ersten Weltkrieg in seinem holländischen Exil Blühers Bücher las und Blüher persönlich empfing.“
  79. Hans Blüher: Wandervogel. Geschichte einer Jugendbewegung. Zweiter Teil: Blüte und Niedergang. Zweite Auflage, Berlin-Tempelhof 1912, S. 96 f.
  80. Hans Blüher: Werke und Tage. München 1953, S. 164
  81. Claudia Bruns: Politik des Eros. Der Männerbund in Wissenschaft, Politik und Jugendkultur (1880–1934). Böhlau, Köln u. a. 2008, S. 442 u.ö.
  82. Hans Blüher: Werke und Tage. München 1953, S. 166 f.
  83. Maria Irod: Antisemitism, Antifeminism and the Crisis of German Culture in Early 20th Century. In: Studia Hebraica. 9–10, 2009–2010, S. 330–339.
  84. Claudia Bruns: The Politics of Masculinity in the (Homo-)Sexual Discourse (1880 to 1920) (PDF; 3,1 MB). In: German History. 23, Nr. 3, S. 306–320. doi:10.1093/0266355405gh342oa.
  85. Claudia Bruns: Politik des Eros: der Männerbund in Wissenschaft, Politik und Jugendkultur (1880–1934). Böhlau, Köln 2008, ISBN 978-3-412-14806-5, S. 443.
  86. Hans Blüher: Wandervogel. Geschichte einer Jugendbewegung. Zweiter Teil: Blüte und Niedergang. Zweite Auflage, Berlin-Tempelhof 1912, S. 187
  87. Hans Blüher: Werke und Tage. München 1953, S. 357
  88. Hans Blüher: Werke und Tage (Geschichte eines Denkers). Autobiographie. München 1953, S. 95
  89. Hans Blüher: Werke und Tage. München 1953, S. 165
  90. Hans Blüher: Werke und Tage (Geschichte eines Denkers). Autobiographie. München 1953, S. 94
  91. Hans Blüher: Werke und Tage. München 1953, S. 95 f.
  92. Hans Blüher: Werke und Tage. München 1953, S. 152
  93. von Hergemöller beispielsweise
  94. Hans Blüher: „Führer und Volk in der Jugendbewegung“. Jena 1918, S. 3
  95. Hans Blüher: „Führer und Volk in der Jugendbewegung“. Jena 1918, S. 32: „Daß in jeder jungen Generation die Menschheit durchbruchartig zu dem vorstößt, was Wyneken ‚Geist‘ nennt, und daß Jugendbewegung demnach geistige Bewegung sein muß, das war seine Erkenntnis und aus ihr heraus kam all sein Handeln. […] Sein Durchdringen hängt ab von einem Akte der Wahl. Wyneken lebt unter der Jugend weder einsam noch im Besitze der Majorität; er lebt als Kraft unter ihr. Langsam tritt eine Abwanderung ein vom Lager der Vielen und Trivialen zu den Wenigen und Gelungenen. Das Volk wird größer und reicher, und es wird immer mehr zu spüren bekommen, daß es unwürdig ist, dem Freiheitsgeschrei der Volkstribunen Beachtung zu schenken, wenn man einen Führer in seiner Nähe weiß, der zwar strenge zu sein und zu herrschen gewohnt ist, der aber dafür die Eigenschaft hat, die Dinge mit den Augen der Götter zu sehen.“
  96. Hans Blüher: Werke und Tage. München 1953, S. 245
  97. Hans Blüher: Werke und Tage. München 1953, S. 328 f. Auch zum Kreis um Stefan George soll sich Blüher mehrfach vergeblich um Zugang bemüht haben. Hier hätte er seine schriftstellerische Vision von der „Wiedergeburt der platonischen Akademie“ (Hans Blüher: Die Wiedergeburt der platonischen Akademie. Jena 1920) möglicherweise verwirklichen wollen (Brunotte 2004, S. 75).
  98. Hans Blüher: Werke und Tage. München 1953, S. 169
  99. Hans Blüher: Werke und Tage. München 1953, S. 168
  100. Hans Blüher: Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft. Neuausgabe, Stuttgart 1962 (der 1917/19 in Jena erschienenen zweibändigen Erstausgabe), S. 25
  101. Hans Blüher: Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft. Neuausgabe, Stuttgart 1962 (der 1917/19 in Jena erschienenen zweibändigen Erstausgabe), S. 28
  102. Hans Blüher: Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft. Neuausgabe, Stuttgart 1962 (der 1917/19 in Jena erschienenen zweibändigen Erstausgabe), S. 26, 28
  103. Hans Blüher: Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft. Neuausgabe, Stuttgart 1962 (der 1917/19 in Jena erschienenen zweibändigen Erstausgabe), S. 30
  104. Hans Blüher: Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft. Neuausgabe, Stuttgart 1962 (der 1917/19 in Jena erschienenen zweibändigen Erstausgabe), S. 238
  105. Hans Blüher: Werke und Tage. München 1953, S. 444
  106. Hans Blüher: Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft. Zit. n. Geuter 1994, S. 171 f.
  107. Hans Blüher: Werke und Tage (Geschichte eines Denkers). Autobiographie. München 1953., S. 424 f.
  108. Hans Blüher: Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft. Neuausgabe, Stuttgart 1962 (der 1917/19 in Jena erschienenen zweibändigen Erstausgabe), S. 265
  109. Hans Blüher: Werke und Tage. München 1953, S. 300 f.
  110. Hans Blüher: Wandervogel. Geschichte einer Jugendbewegung. Erster Teil: Heimat und Aufgang. Dritte Auflage. Berlin-Tempelhof 1913, S. 34 f.
  111. Hans Blüher: Werke und Tage. München 1953, S. 210
  112. Hans Blüher: Werke und Tage. München 1953, S. 301
  113. Hans Blüher: Werke und Tage. München 1953, S. 216
  114. Hans Blüher: Die Aristie des Jesus von Nazareth. Philosophische Grundlegung der Lehre und der Erscheinung Christi. Prien 1921, S. 36
  115. Hans Blüher: Die Aristie des Jesus von Nazareth. Philosophische Grundlegung der Lehre und der Erscheinung Christi. Prien 1921, S. 78. Dagegen hatte Blüher in der Theorie der Religionen und ihres Untergangs noch folgende Anschauung vertreten: „Das Christentum stellt eine Bastardierung zwischen indischem und jüdischem Religionswesen dar. Wir hatten schon oben gesehen, daß es wesentlich ein Nebenprodukt der abendländischen Geschichte ist und daß sein Ja und Nein dem Leben gegenüber schwankt. Eine dem ganz entsprechende Unsicherheit findet sich bei der Bedeutung des Handelns. Der Christ wird nicht gerechtfertigt durch die eigene Sittlichkeit wie der Jude, sondern im Glauben an die Erlösungstat Jesu, der die ‚Schuld‘ der Menschheit auf sich genommen hat.“
  116. Hans Blüher: Die Aristie des Jesus von Nazareth. Philosophische Grundlegung der Lehre und der Erscheinung Christi. Prien 1921, S. 185
  117. Hans Blüher: Die Aristie des Jesus von Nazareth. Philosophische Grundlegung der Lehre und der Erscheinung Christi. Prien 1921, S. 311
  118. Hans Blüher: Die Aristie des Jesus von Nazareth. Philosophische Grundlegung der Lehre und der Erscheinung Christi. Prien 1921, S. 313. Blüher setzte noch hinzu: „Aber es darf nicht aus Gründen der Humanität nicht vergossen werden, sondern aus dem Wissen um den verruchten Zauber des Rituals. Und wer es nicht weiß, der soll der Autorität glauben, die es sagt. Mehr darf nicht gesagt werden. Diesem Werke aber bleibe fern, wer nicht hören will.“ (ebda.)
  119. Hans Blüher: Werke und Tage. München 1953, S. 217
  120. Hans Blüher: Die Achse der Natur. Stuttgart 1952, S. 350
  121. Hans Blüher: Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft. Neuausgabe, Stuttgart 1962 (der 1917/19 in Jena erschienenen zweibändigen Erstausgabe), S. 31
  122. Hans Blüher: Die Achse der Natur . Stuttgart 1952, S. 119
  123. Hans Blüher: Die Achse der Natur. Stuttgart 1952, S. 116
  124. Hans Blüher: Die Achse der Natur. Stuttgart 1952, S. 200
  125. Hans Blüher: Die Achse der Natur. Stuttgart 1952, S. 16
  126. Hans Blüher: Die Achse der Natur. Stuttgart 1952, S. 50
  127. Vgl.Hans Blüher: Die Achse der Natur. S. 85 „Über das archetypische Potential der Natur“
  128. Hans Blüher: Die Achse der Natur. Stuttgart 1952, S. 311 ff., 352 ff.
  129. Hans Blüher: Die Achse der Natur. Stuttgart 1952, S. 313
  130. Hans Blüher: Die Achse der Natur. Stuttgart 1952, S. 83f.
  131. Hans Blüher: Die Achse der Natur. Stuttgart 1952, S. 332
  132. Hans Blüher: Die Achse der Natur. Stuttgart 1952, S. 338. Diese teils an Nietzsche angelehnten Vorstellungen lassen Blüher in Bezug auf „das Volk Israel“ zu dem Schluss kommen: „Die Natur hat beim Volke Israel in der sekundären Rasse besonders tief hinunter und in der primären Rasse besonders hoch hinauf gegriffen, und diese eigentümliche Anlage sichert ihm einen außerordentlichen Bestand für den Lauf der Weltgeschichte.“ (Ebenda, S. 346)
  133. Hans Blüher: Die Achse der Natur. Stuttgart 1952, S. 369
  134. Vgl. das Kapitel über Paracelsus und Samuel Hahnemann, die Blüher für dieselbe Person hält: der eine, seiner Zeit gemäß polternd verkündigend wie Luther, der andere seiner Zeit gemäß enzyklopädisch aufklärend, beide aber besessen von demselben Gesetz, dessen klare Erkenntnis Medizin als Wissenschaft überhaupt erst begründe, nämlich: die Natur ist der Mensch nach außen gewendet – die Krankheit ist die Arzeney nach innen gewendet – das umbewenden gibt der Arzt (Paracelsus). Dadurch erst sei es möglich, die Krankheiten bei ihren richtigen, vom Objekt her stammenden Namen zu nennen, und damit wäre die Erkenntnis genau so ein reines Ereignis der Natur wie die Heilung. Hans Blüher: Die Achse der Natur. Stuttgart 1952, S. 276 ff., vgl. auch Traktat über die Heilkunde, insbesondere die Neurosenlehre. Jena 1926
  135. Vgl. Hans Blüher: Die Achse der Natur. S. 125ff „Der Eros als Organ für die Person“
  136. Vgl. Hans Blüher: Die Achse der Natur. S. 132ff „Eros und Erbsünde“, S. 135f „Medea und die Quelle des Bösen“. Vgl. auch Hans Blüher: „Parerga zur Achse der Natur“, Stuttgart 1952, S. 95: „Exakte Mythologie des Sündenfalles erläutert am hebräischen Text“. Eine Fuge über das hebräische Schlüsselwort jada in Genesis 3, zu dessen Bedeutungsumfang sowohl Erkennen, Wissen als auch Begehren, Lust gehören. Blüher kommt zu dem Schluß, der „Apfelbiß“ sei nur unvermeidlicher Auslöser des Verhängnisses, der tiefere Grund liege im Charakter der Schöpfung.
  137. Vgl. Hans Blüher: Die Achse der Natur. S. 387 „Das Gesetz und die Antimonie des Gesetzes“
  138. Vgl.Hans Blüher: Die Achse der Natur. S.  422ff „Gesetz und Evangelium“
  139. Vgl. Hans Blüher: Die Achse der Natur. S. 568 ff. „Der Durchbruch von Golgatha und die Weltgeschichte“
  140. Hans Blüher: Die Achse der Natur. Stuttgart 1952, S. 383
  141. Hans Blüher: Die Achse der Natur. Stuttgart 1952, S. 384
  142. Hans Blüher: Die Achse der Natur. Stuttgart 1952, S. 418
  143. Hans Blüher: Die Achse der Natur. Stuttgart 1952, S. 419 f.; an anderer Stelle heißt es bekräftigend: „Niemand aber hat Zugang zur Religion, der nicht, ob glücklich oder nicht, die irdische Liebe kennt.“ (Ebda., S. 572)
  144. Hans Blüher: Die Achse der Natur. Stuttgart 1952, S. 432
  145. Hans Blüher: Die Achse der Natur. Stuttgart 1952, S. 436
  146. Hans Blüher: Die Achse der Natur. Stuttgart 1952, S. 569
  147. Hans Blüher: Die Achse der Natur. Stuttgart 1952, S. 571
  148. Hans Blüher: Die Achse der Natur. Stuttgart 1952, S. 572 f.
  149. hergemoeller.de
  150. Walter Laqueur: Die deutsche Jugendbewegung. Verlag Wissenschaft und Politik, Köln 1978, S. 63, 66
  151. Hans-Joachim Schoeps (Herausgeber) im Vorwort zur Neuausgabe von Hans Blüher: Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft. Stuttgart 1962, S. 6, 10
  152. Bernd Nitzschke: Ein Privatgelehrter in des Kaisers Kutsche – über Hans Blühers Buch „Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft“ (1917/19)
  153. Gustav Wyneken: Wandervogel und freie Schulgemeinde. Aus: Die freie Schulgemeinde, Heft 2, vom Januar 1913. Zit. n. Werner Kindt (Hrsg.): Dokumentation der Jugendbewegung. Band I: Grundschriften der deutschen Jugendbewegung. Diederichs, Düsseldorf 1963, S. 84
  154. Zit. n. Bernd Nitzschke: Ein Privatgelehrter in des Kaisers Kutsche – über Hans Blühers Buch „Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft“ (1917/19)
  155. Hans Blüher: Werke und Tage. München 1953, S. 35
  156. Hans Blüher: Werke und Tage. München 1953, S. 348
  157. Hans Blüher: Werke und Tage. München 1953, S. 353
  158. Kurt Tucholsky: Der Darmstädter Armleuchter: „Aber sage mir, wen du zu Gegnern hast, und ich will dir sagen, was du für ein Kerl bist. Dieser zum Beispiel hat Blühern. Das ist der Philosoph der Berliner westlichen Vororte, in denen die Kleinbürger wohnen, ein ewiger Steglitzer. Er hat sich bis ins Mannesalter etwas durchaus Infantiles bewahrt – nicht etwa Jungenhaftes, sondern eine stehengebliebene Pennälerphantasie: alles, was er schreibt, trägt heute noch die Pickel einer mühevollen Zeit. Der also hat einen ‚offenen Brief‘ an Hermann Keyserling gerichtet: ‚in deutscher und christlicher Sache‘: ein Buchhalter, der auf einen Maskenball als Martin Luther geht. ‚Die Elemente der deutschen Position‘ heißt das Ding. Was die beiden voneinander wollen, weiß ich nicht. Keyserling hat den andern für einen großen Magier erklärt, und Blüher buckelt vor jenem herum, ein ziemlich scheußlicher Anblick. Seite 41: ‚Deutschland weist von allen Ländern am markantesten und unfehlbarsten zwei solcher verpflichtenden Gestalten auf, die durch ihr Alter schon in die mythische Sphäre gerückt sind, und denen deshalb, ja nur deshalb, eine wahre historische Macht innewohnt.‘ Wer? – ‚Hindenburg und Stefan George.‘ Dies ist das schönste ‚und‘, das je in deutscher Sprache geschrieben worden ist. In Blüher tobt durchaus und durchum der Kampf der Tertia. ‚Von George noch zu reden erübrigt sich; aber es ist Ihnen vielleicht neu, zu erfahren, daß Hindenburg der angesehenste Mann der Welt ist.‘ Fragen Sie den Vorsteher des Weltpostamts in Steglitz, und er wird Ihnen das bestätigen.“
  159. Karl Sonntag: Hans Blüher. Zit. n.: Werner Kindt (Hrsg.): Dokumentation der Jugendbewegung. Band I: Grundschriften der deutschen Jugendbewegung. Diederichs, Düsseldorf 1963, S. 322, 325
  160. Brunotte 2004, S. 88
  161. Thomas Mann: Von deutscher Republik. Gerhard Hauptmann zum sechzigsten Geburtstag. In: Ders.: Essays, Bd. 2. Frankfurt a. M. 1993, S. 153 f. Zitiert nach: Brunotte 2004, S. 88. Auch rechtsradikale Fememorde brachte Thomas Mann mit dem Männerbund in Zusammenhang: „Die politische Einstellung seiner Gläubigen pflegt nationalistisch und kriegerisch zu sein und man sagt, daß Beziehungen solcher Art den geheimen Kitt monarchistischer Bünde bilden, ja, daß ein erotisch-politisches Pathos nach dem Muster gewisser antiker Freund-Liebschaften einzelnen terroristischen Taten dieser Tage zugrunde gelegen habe.“ (Zitiert nach Brunotte 2004, S. 102)
  162. http://www.hergemoeller.de/hans-blueher.htm (Memento vom 11. November 2009 im Internet Archive)
  163. Hans-Joachim Schoeps (Herausgeber) im Vorwort zur Neuausgabe von Hans Blüher: Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft. Stuttgart 1962, S. 6 f.
  164. Nicolaus Sombart: Wilhelm II. Sündenbock und Herr der Mitte, Berlin 1996, S. 72 f.
  165. Nicolaus Sombart: Wilhelm II. Sündenbock und Herr der Mitte. Berlin 1996, S. 201
  166. Geuter 1994, S. 98–103
  167. Geuter 1994, S. 14 f. Mit Blick auf die gesellschaftliche Gegenwart greift Geuter die „zweite große Welle der Frauenemanzipation“ in den 1970er Jahren auf, „wie damals“ begleitet „von einem Coming out der Homosexuellen“, und reflektiert eine Intensivierung des Geschlechterkampfes sowie irrationale männliche Reaktionen auf das Auftauchen der befreiten Frau: „Das erinnert an die Jugendbewegung. Die Männer von heute suchen zwar nicht den Ausweg in Wandervogelgruppen, doch wie damals finden sich auch heute sensible Teile von ihnen in eigenen Gruppen zusammen: in Männergruppen, in denen die Wanderfahrt nach innen geht und dabei der zarte und verletzliche und neuerdings auch wieder wilde Mann entdeckt wird. Die Schwierigkeit, zu einer erwachsenen geschlechtlichen Identität zu kommen, hat sich ausgeweitet. Statt einer gestreckten Pubertät kennen wir mittlerweile die Postadoleszenz, die beliebig dehnbar ist. Wie jene damals, ist diese heute vor allem ein Phänomen der gebildeten Schichten. Lebenslanges Unfertigsein als ewige Bereitschaft zur Veränderung geriet dort zu einem neuen Ideal.“ (ebda. S. 309 f.)
  168. Geuter 1994, S. 169. „Vielleicht ist das der Grund dafür, daß Blüher in seinem Werk auch nicht für das sexuelle Ausleben der Homosexualität eintrat, sondern die Staat- und Bund-bildende Macht der homosexuellen Gefühle in der Vordergrund stellte.“ (ebda.)
  169. Brunotte 2004, S. 7 f., S. 14, S. 73. Das Blühersche Frühwerk hat für Brunotte die Qualität einer „seismographischen Zeitdiagnose“, die es als eine „bedeutende mentalitätsgeschichtliche Zeit-Quelle“ zu rekonstruieren rekonstruiren gelte (Ebda, S.72,78).                                                                                                                                                         

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    WANDERVOGEL :

    [Wandervogelsknaben, lichtbild aus den dreisigen Jahren.]

    Als Wandervogel wird eine 1896 in Steglitz bei Berlin entstandene Bewegung hauptsächlich von Schülern und Studenten bürgerlicher Herkunft bezeichnet, die in einer Phase fortschreitender Industrialisierung der Städte und angeregt durch Ideale der Romantik sich von den engen Vorgaben des schulischen und gesellschaftlichen Umfelds lösten, um in freier Natur eine eigene Lebensart zu entwickeln. Damit stellte der Wandervogel den Beginn der Jugendbewegung dar, die auch für Reformpädagogik, Freikörperkultur und Lebensreformbewegung im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts wichtige Impulse setzte.

    Der Anstoß zu einer auf Dauer angelegten Organisation der Wanderaktivitäten am Gymnasium Steglitz ging von dem ehemaligen Schüler Karl Fischer aus, der 1901 für die Gründung des Wandervogels als Verein sorgte. Wie andere nach ihm prägte Fischer als Führungspersönlichkeit die Aktivitäten der von ihm geleiteten Gruppierung. Mit dem Anwachsen der Bewegung, die sich binnen weniger Jahre über den ganzen deutschsprachigen Raum ausbreitete, kam es oft zu abweichenden Leitvorstellungen und Schwerpunktsetzungen, die zu vielfältigen Abspaltungen und Neugründungen führten. Umstritten waren beispielsweise Fragen der Mädchenbeteiligung und der Alkoholabstinenz.

    Gegenüber Versuchen der politischen Einflussnahme und Vereinnahmung suchten die Wandervogel-Verantwortlichen meist Neutralität zu wahren. So fand der Erste Freideutsche Jugendtag auf dem Hohen Meißner im Oktober 1913, für den der Wandervogel den Boden bereitet hatte, offiziell ohne seine Beteiligung statt. Der Erste Weltkrieg schuf neue Verhältnisse auch für die Jugendbewegung und den Wandervogel. Den entscheidenden Einschnitt bildete aber erst die nationalsozialistische Auflösung bzw. Zwangseingliederung der Jugendbünde in die Hitlerjugend. Die nach dem Zweiten Weltkrieg gegründeten Nachfolgeorganisationen sind dem Erbe des Wandervogels verbunden. Eine Gedenktafel zu seiner Gründung ist am Rathaus Steglitz zu finden, im Steglitzer Stadtpark (im Parkteil zwischen der Sedan- und Klingsorstraße) steht ein Gedenkstein.

    Das Vorspiel – Die Phase Hermann Hoffmann

                                                        (1896–1900)

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    Vor der Gründung des Wandervogels als Verein gab es eine Auftaktphase, die wesentlich im Zeichen Hermann Hoffmanns (1875–1955) stand. Dessen Wanderaktivität war ausgelöst worden durch ein Schulerlebnis als Fünfzehnjähriger 1890 in Magdeburg. Die in sommerlicher Wärme dösende Klasse, befasst mit einem Lesestück „Hoch auf das Wandern“, wurde durch einen Schlag ihres Deutschlehrers Sträter auf das Pult aus der Schlafmützigkeit gerissen und eindringlich darüber ins Bild gesetzt, wie Sträter selbst und seine Altersgenossen in ihrer Jugend die Groschen angespart hatten, um zu Pfingsten oder in den großen Ferien Wandertouren zu unternehmen. Hoffmann hielt dazu in einem Manuskript „Aus der Frühzeit des Wandervogels“ fest:

    „Das packte! Wenigstens einige von uns. In den nächsten Sommerferien wanderte ich mit meinem jüngeren Bruder und einem Klassenkameraden zum Magdeburger Tor hinaus, den Tornister auf dem Rücken – die Zeit der Rucksäcke war für Norddeutschland noch nicht gekommen –, wanderte in Tagesmärschen von vierzig Kilometern zum Harz, im Zickzack durch diesen und nach achtzehn Tagen heimwärts durch das gleiche Tor.“[1]

    Nach dem Abitur 1894 ließ sich Hoffmann in Berlin für Philologie (orientalische Sprachen) und Rechtswissenschaften immatrikulieren und gab unter anderem am Gymnasium Steglitz ab 1895/96 halbjährige Stenographie­kurse für die Schüler.[2] Er selbst berichtete, dass ihn gelegentlich Kursteilnehmer in seiner Studentenwohnung besuchten, unter ihnen auch Karl Fischer. Bei gemeinsamem Stöbern in seinen Büchern stieß man auf Hoffmanns Wanderbeschreibungen, und sogleich hieß es: „Das müssen Sie auch mit uns machen!“[3]

    Daraufhin folgten erste Fahrten: 1896 eine eintägige „Testwanderung“ in den Grunewald, im Sommer zwei Tage in die Teupitzer Gegend, 1897 bereits eine zweiwöchige „Fahrt“ in den Harz mit 15 Teilnehmern, 1898 eine vierwöchige Fahrt von Thüringen über den Spessart bis nach Köln mit 11 Teilnehmern und schließlich 1899 die vierwöchige „Böhmerwald­fahrt“, die durch Blühers Chronik bekannt wurde und die dadurch eine große Bedeutung erlangte, dass die Teilnehmer dieser Fahrt später maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung des Wandervogels nahmen.[4] Hoffmann galt als jemand, der nichts dem Zufall überließ.

    Bereits früh gab es Satzungen, welche die Unterordnung unter die Führer regelte. Hoffmann nannte sich „Oberhäuptling“, bei großen Fahrten hatte er zwei „Häuptlinge“ unter sich, die ihn unterstützten. Bei der Böhmerwaldfahrt waren dies sein Bruder Ernst und Karl Fischer, der später noch besondere Bedeutung für die Entwicklung des Wandervogel-Vereins erlangen sollte. Schon in der Vorphase ordnete sich die Hierarchie der Gruppen nach Erfahrung. Erprobte Wanderer wurden „Wanderburschen“, Anfänger „Wanderfüchse“ genannt. Die Wandergruppen hießen „Herden“. Zu dieser Zeit gab es noch keine Wanderausrüstung: Getragen wurden das Schulzeug und die Schülermütze, dazu Regenschirme gegen Regen, Sonne und Wind.[5]

    Am Ende des Jahres 1900 ernannte Hoffmann Karl Fischer zu seinem Nachfolger. Er selbst folgte einem Ruf nach Konstantinopel und begann dort eine Diplomatenkarriere. Zuvor legte er Fischer in der sogenannten „Fichtebergabrede“ am Paulsendenkmal in Steglitz nahe, diese Art des Jugendwanderns über Steglitz hinaus unter der deutschen Jugend zu verbreiten.[6]

    Die Erfolgschancen einer solchen in die Breite zielenden Jugendbewegung waren, folgt man dem Philosophen und Literaturwissenschaftler Rüdiger Safranski, wesentlich einem erneuerten Begriff von „Leben“ zuzuschreiben, wie er insbesondere auf Nietzsche zurückging:

    „‚Leben‘ bedeutete die Einheit von Leib und Seele, Dynamik, Kreativität. Es wiederholte sich der Protest von Sturm und Drang und Romantik. Damals war ‚Natur‘ beziehungsweise ‚Geist‘ die Kampfparole gegen Rationalismus und Materialismus gewesen. Der Begriff ‚Leben‘ hat jetzt dieselbe Funktion. ‚Leben‘ ist Gestaltenfülle, Erfindungsreichtum, ein Ozean der Möglichkeiten, so unabsehbar, so abenteuerlich, daß wir kein Jenseits mehr brauchen. Das Diesseits bietet uns genug. Leben ist Aufbruch zu fernen Ufern und doch zugleich das ganz Nahe, die eigene gestaltfordernde Lebendigkeit. ‚Leben‘ wird zur Losung der Jugendbewegung, des Jugendstils, der Neuromantik, der Reformpädagogik.“[7]

    Die Wandervogel-Vereinsgründung: Der Ausschuß für Schülerfahrten e. V. (1901–1904)

    Wandervogel                                    [Lichtbild: Wandervogel, 1904]

    Hoffmanns Schüler Karl Fischer war von den gemachten Erfahrungen so begeistert, dass er beschloss, eine Wanderorganisation für Jugendliche aufzubauen. Am 4. November 1901 wurde im Ratskeller des Steglitzer Rathauses der „Wandervogel – Ausschuß für Schülerfahrten e. V.“ (AfS) gegründet, um den Wandergruppen eine gegenüber Schule und Elternhäusern vorzeigbare juristische Form zu geben. Dabei halfen Fischer einige mit seinem Vorhaben Sympathisierende aus dem Umkreis der Steglitzer Honoratioren. Die Gründungsmitglieder waren die Schriftsteller Wolfgang Kirchbach, Heinrich Sohnrey, Heinrich Hagedorn und Hermann Müller-Bohn sowie der Arzt Anatol Hentzelt. Heinrich Sohnrey wurde zum Vorsitzenden gewählt und verfasste zusammen mit Karl Fischer die spätere Satzung des Vereins.[8] Anwesend waren auch einige Schüler: Bruno Thiede, Wolfgang Meyen, der „Wandervogel“ als Vereinsnamen vorschlug, Siegfried Copalle und Karl Fischer sowie der Sohn Kirchbachs.[9] Die Initiative zur Vereinsgründung soll jedoch eher auf Wolfgang Kirchbach zurückgehen.[10]

    Siehe auch: Jugendbewegung: Die Wandervogel-Ära (1896–1913)

    Ursprung des Namens

    Die Bezeichnung „Wandervogel“ für die Wanderbewegung wurde 1901 auf Vorschlag von Wolfgang Meyen gewählt. Nach Auskunft seines Vetters Albrecht Meyen[11] stammt der Begriff aus einem Gedicht Otto Roquettes (1824–1896) aus Waldmeisters Brautfahrt – Ein Rhein-, Wein- und Wandermärchen von 1851, das in der Steglitzer Wandervogel-Gruppe als Lied gesungen wurde. Darin wird der Begriff Wandervogel zum ersten Mal auf Personen angewendet:

    Ihr Wandervögel in der Luft,
    im Ätherglanz, im Sonnenduft
    in blauen Himmelswellen,
    euch grüß’ ich als Gesellen!
    Ein Wandervogel bin ich auch
    mich trägt ein frischer Lebenshauch,
    und meines Sanges Gabe
    ist meine liebste Habe.

    Eine andere Deutung führt die Herkunft auf Walt Whitmans Gedichtsammlung Grashalme (1855) zurück, deren Buch XVII den Titel Birds of Passage = Wandervögel trägt. Johannes Schlaf überschrieb 1907 in seiner Auswahlübersetzung für Reclam den zweiten Gesang, den Gesang der Pioniere, mit Wandervögel:

    Alle Pulse dieser Erde
    Fallen ein und schlagen mit uns, schlagen mit des Westen Vormarsch;
    Einzeln und allzusammen; immer vorwärts, alles für uns!
    Pioniere! Pioniere!

    Diese Ableitung gilt jedoch als unwahrscheinlich.[12] Auch spielte Whitman allenfalls auf dem eher linken Flügel der „Freideutschen Jugend“ eine Rolle. 1921 wurden Gedichte Whitmans in der Schlafschen Übersetzung auf der Titelseite der Zeitschrift Freideutsche Jugend abgedruckt.[13]

    Eine dritte Herleitung verweist auf einen Grabstein auf dem St.-Annen-Kirchhof. Er schmückt das Grab von Kaethe Branco († 1877), einer früh verstorbenen Tochter Hermann von Helmholtz‘. Die Grabinschrift lautet:

    Wer hat Euch Wandervögeln
    Die Wissenschaft geschenkt,
    Daß Ihr auf Land und Meeren
    Nie falsch die Flügel lenkt?
    Daß ihr die alte Palme
    Im Süden wieder wählt,
    Daß ihr die alten Linden
    Im Norden nicht verfehlt?

    „Oberbachant“ Karl Fischer 

    Fischer bekam als selbstständiger Geschäftsführer durch die Vereinssatzung umfassende Autorität zugestanden. Er konnte nach § 7 der Satzung Ergänzungsbestimmungen erlassen und hatte lediglich die Pflicht, dem Vereinsausschuss einmal im Monat Bericht zu erstatten. Der Ausschuss selbst übte Zurückhaltung und fungierte hauptsächlich als „Schutzschild gegen die Öffentlichkeit“. Nach dem Schriftsteller Hans Blüher handelte es sich um die denkbar loseste Organisation, die nichts weiter zu tun hatte als „zu schützen, zu vertreten und Geld zu zahlen“. Wohl wurden gelegentlich „ein paar gute Ratschläge“ erteilt. Auch Wolfgang Kirchbach aber habe berücksichtigt, dass die Jugendlichen am liebsten unter sich blieben, und habe ihnen diesen begrenzten erziehungsfreien Raum gegönnt.[14]

    Als romantisches Vorbild seiner Wanderorganisation diente Fischer das Ideal der fahrenden Schüler aus dem Mittelalter. Aus den Wanderfüchsen und Burschen wurden „Scholaren“, die Wanderführer nannte er „Bachanten“ (abgeleitet von „Vagant“). Er selber ernannte sich zum „Oberbachanten“ und beanspruchte eine unangefochtene Führungsrolle. Wer als Neuling aufgenommen wurde und mitwandern durfte, entschied er. Eine Voraussetzung war die Ablegung eines Treuegelöbnisses vor Fischer.[15] Insgesamt entwickelte sich erst unter Fischer ein gemeinsamer Stil. Man hatte einen gruppeninternen Erkennungspfiff, grüßte sich fortan mit „Heil!“ und sang bevorzugt Volks- und Marschlieder. Zudem entwickelte man eine besondere Tracht, um nicht für Landstreicher gehalten zu werden.[8]

    Ein spezifischer Wandervogel-Habitus

    In ihrer Wanderkluft und in der Art, sich auf Fahrten zu geben, orientierten sich die Wandervögel anfänglich vielfach an den ebenfalls oft zu Fuß sich fortbewegenden „Kunden“ und fahrenden Handwerksburschen. Die auf ihre Weise außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft sich durchschlagenden Kunden faszinierten insbesondere Wolf Meyen, der ihre Sprache und ihre Bräuche übernahm und in der Wandervogelbewegung popularisierte:

    „Jene Kerle, die vom Sonnenbrande halb blödsinnig geworden waren mit wankenden Knien von Flohstichen blutentsaugt, die liebte er und machte gerne ihre Gebärden nach und schnappte ihre Weisheiten auf. Das wirkte auf die anderen und so pflanzte es sich fort. Es kam zu einer Art Bastardisierung. Der Wandervogel von echtem romantischem Blute ist eine Mischung aus einem deutschen Schüler, einem Kunden und einem fahrenden Scholasten aus dem Mittelalter. […] Ein brauner dreckiger Kerl mit einem Schlapphut, ein paar grün-rot-goldenen Bändern irgendwo, den Rucksack auf dem Buckel, draußen einen rußigen Kochtopf und auf der Schulter eine Guitarre, – dieses Bild ging nie verloren, und wenn so ein Bengel des Mittags am See stand, das ausgebrannte Feuer hinter sich, die krumme Tabakspfeife zwischen den Zähnen und trotzig die Schultern emporgereckt, so war es, als ob die Natur ihr Versöhnungsdenkmal schmückt.“[16]

    Vereinsstabilisierung und Zerwürfnis

    Der Lehrer Ludwig Gurlitt, der dem Ausschuss für Schülerfahrten 1902 beitrat, erreichte 1903 sogar die behördliche Anerkennung des Vereins durch das preußische Kultusministerium.[17] Damit wurde der AfS der erste außerschulische Schülerverein, der aber offiziell als Verein Erwachsener auftreten musste. Dies war notwendig, weil es nach preußischem Recht Schülern verboten war, Mitglied in außerschulischen Vereinen zu werden. Diese Tatsachen und Fischers Werbung führten zu einer Expansion des AfS. 1903 sind für die 13 Fahrten und 103 Wandertage insgesamt 250 Teilnehmer, sogenannte „Eingetragene“, registriert. Vier weitere Ortsgruppen gründeten sich in der Zeit von 1901 bis 1904 in Lüneburg, Posen, München und Rawitsch.

    Dennoch kam es 1904 zum Zerwürfnis der Bachanten Siegfried Copalle, Bruno Thiede und Richard Weber mit ihrem Oberbachanten Fischer. Nach einem von Hans Blüher ausgelösten Eklat auf einer Wanderung unter Copalles Leitung und einer im März 1904 unter Ablehnung Fischers, aber mit Zustimmung des Vorstandes angesetzten Osterfahrt trat Fischer vom Posten des Oberbachanten zurück.[18] Der AfS zerbrach in zwei Vereine, zum einen den „Wandervogel – eingetragener Verein zu Steglitz“ (Steglitzer e. V.), um den sich die Gegner Fischers scharten, und zum anderen den „Alt-Wandervogel“ (AWV), der Fischers Vorstellungen übernahm. Die Sitzung zur Auflösung des AfS fand am 29. Juni 1904 statt und markiert den Anfangspunkt für die dritte Phase der Wandervogelgeschichte.[19]

    Spaltung und Expansion (1904–1911)Die dritte Phase des Wandervogels ist dadurch gekennzeichnet, dass mehrere Wandervogelvereine mit unterschiedlichen Programmen und Strukturen parallel existierten.

    Der Wandervogel – eingetragener Verein zu Steglitz (1904–1912)

    Der Steglitzer e.V. blieb im Gegensatz zum AWV immer ein lokaler Verein, und von den größeren Bünden war er stets der kleinste. Im Dezember 1912 hatte er nur 715 „Eingetragene“ (darunter 216 Mädchen) und 414 erwachsene Mitglieder. Fast alle Mitglieder des AfS, vor allem aber die Honoratioren, wechselten in den Steglitzer e.V. Dieser konstituierte sich unmittelbar nach der Auflösung des AfS am 29. Juni 1904. Ludwig Gurlitt wurde Vorsitzender für die nächsten drei Jahre; Heinrich Sohnrey übernahm nach ihm das Amt. Als Grund für Fischers Cäsarismus machte man weniger seine Person als die Satzung des AfS verantwortlich. So hieß es in einer Stellungnahme der neu herausgegebenen Zeitschrift des Vereins im September 1904:

    „Die ganze Organisation war so sehr auf die eine Person des Oberbachanten zugeschnitten, daß mit dieser einen Person das Ganze stand und fiel […]. Der grundsätzliche Fehler, der bei der Einsetzung des Ausschusses gemacht wurde, bestand nun darin, daß ihm durch die Satzung, die der Organisation zugrunde gelegt wurde, nicht diejenigen Rechte und derjenige Einfluß gesichert wurden, die ihm seiner Bedeutung wegen zukamen.“

    – Nachrichtenblatt des „Wandervogel“[20]

    Man schaffte das Amt des Oberbachanten ab und setzte stattdessen ein siebenköpfiges Führerkollegium ein, in dem anfangs Copalle, Thiede, Weber und deren Schulkameraden Richard Schumann, Lothar Lück, Sohn des Direktors des Steglitzer Gymnasiums, sowie Rudolf Hartmann und Günter Wendland saßen.[21] Der Geschäftsleiter wechselte nun vierteljährlich. Als Vermittler zwischen Vereinsvorstand und Führerkollegium wurde ein „Obmann“ eingeführt. Fast durchgängig Obmann des Steglitzer e.V. und zugleich auch lange Zeit Schatzmeister war Heinrich Albrecht. Führerkollegiumssitzungen hießen „Konvente“. Die Begriffe Scholar und Bachant wurden fallen gelassen. Stattdessen hieß es „Schüler“ und „Führer“ bzw. „Hilfsführer“. Studenten waren als Führer bevorzugt. Statt des „Klotzens“ als Wanderstil, wie es Fischer von Copalle vorgeworfen wurde,[22] war besinnendes Erleben der Natur durch ruhiges Wandern angedacht. Der Führer sollte dabei die Aufgabe des Dolmetschers zwischen Natur und Wandergesellschaft übernehmen.

    Der Alt-Wandervogel e. V. (1904–1926)

    blüher1.jpg (33568 bytes)Der Alt-Wandervogel wurde später als der Steglitzer e. V. konstituiert. Eine Neugründung fand nie statt, die Vereinssatzung des AfS blieb bewusst als Zeichen erhalten, als sich am Ende des Jahres die Befürworter von Fischers Stil um diesen scharten, um den „alten Wandervogel“ wieder aufzubauen. Wolfgang Kirchbach war einer der wenigen Honoratioren, die sich dem AWV anschlossen. Der AWV ist derjenige Wandervogelbund, der die größte Ausbreitung im Deutschen Reich erreichte und von dem sich am häufigsten kleinere Gruppen abspalteten. Die Namensgebung fällt auf Ende Oktober 1904 zurück.[23] Fischer war zuvor nach Halle umgezogen, um dort einem Jura– und Sinologie­studium nachzugehen. Hier entstand die neue Zentralstelle des AWV, in der Fischer nunmehr „Groß-Bachant“ genannt wurde. Fischer regte zugleich mit Kirchbach die Etablierung eines „Ehren- und Freundesrates“ (Eufrat) an, dessen Gründung die befreundeten Eltern unter der Leitung Kirchbachs am 18. November 1904 zustimmten.[24]

    Auch hier zeigte Fischer wieder starkes Engagement, um neue Mitglieder und Freunde für den AWV zu werben. Zu seiner Unterstützung ernannte er Hans Breuer, Wolfgang Meyen und Ernst Anklam zu „Oberbachanten“. Mit vermehrten Neugründungen im gesamten Kaiserreich erlebte der AWV eine starke Ausbreitung. Von 681 eingetragenen Schülern im Jahre 1905 stieg die Zahl bis 1908 auf 2076 Eingetragene in 44 Ortsgruppen.[25] 1912 hatte der AWV rund 15.000 „Eingetragene“ in etwa 300 Ortsgruppen.

    Der autoritäre Führungsstil Fischers mit der Zentralisierung des AWV auf seine Person geriet schnell erneut zu einem Problem. Der Rittergutsbesitzer Wilhelm Jansen aus Friemen, seit 1905 Oberbachant im AWV, überzeugte Fischer schließlich vom Rücktritt. Am 1. Januar 1906 trat er zurück, wenig später folgte auch Wolfgang Kirchbach und gab seinen Vorsitz beim Eufrat auf.[26] Nur kurz übernahm Jansen selbst das Amt des Großbachanten, da es bereits am 4. April 1906 zu einer Generalversammlung des Eufrat kam, wo eine neue Satzung erlassen wurde. Das autokratische System Fischers ersetzte man durch eines, das dem Steglitzer e.V. nicht unähnlich war. Ein fünfköpfiges Führerkollegium erhielt die Bundesleitung des AWV. Als zweites wichtiges Organ trat das Kollegium zum Eufrat hinzu. Jansen wurde Vorstandsvorsitzender des Eufrat, Ernst Semmelroth am 18. Mai 1906 Vorsitzender der Bundesleitung. Alle mittelalterlichen Bezeichnungen entfielen. Aus Bachanten wurden wieder Führer etc. Da das auch für Karl Fischer galt und eine von ihm angemeldete Fahrt von der Bundesleitung nicht genehmigt wurde, trat dieser entmachtet im August 1906 aus dem AWV aus und ging wenig später in den militärischen Dienst, der ihn bis nach Kiautschou in China führte.

    In einem durch die Harden-Eulenburg-Affäre aufgeladenen öffentlichen Klima entzündete sich im Wandervogel an Wilhelm Jansen die erste offene Auseinandersetzung um Homosexualität, da er zu manchen der jugendlichen Wandervögel auch erotische Beziehungen unterhielt und zu dem ebenfalls in der Wandervogelführung tätigen Willie Jahn „eine zumindest liebesähnliche Beziehung“ hatte.[27] Jansen gehörte 1903 zu den Gründern des Vereins Gemeinschaft der Eigenen, der die Homosexuellen-Zeitschrift Der Eigene unterstützen sollte, und war 1905 zum Wandervogel durch Vermittlung von Hans Blüher gestoßen, der später das Buch Die Wandervogelbewegung als erotisches Phänomen verfasste. Jansen musste 1908 seine Ämter niederlegen und wurde nach neuerlicher Thematisierung seiner sexuellen Neigungen 1910 aus der Organisation ausgeschlossen.[28]

    Vom AWV spalteten sich zwei Gruppierungen ab, die sich selbst zu größeren Wandervogelbünden entwickelten. Zum einen der „Wandervogel, Bund für Jugendwanderungen“ (DB) sowie der „Jung-Wandervogel“ (JWV) mit Wilhelm Jansen. Nach der Neugründung wandte sich Jansen in einem Manifest an die Eltern der Jugendlichen im AWV, in dem es unter anderem hieß, sie würden sich daran gewöhnen müssen, sogenannte Homosexuelle in ihren Reihen zu haben, solange sich diese gegen die Jungen einwandfrei verhielten. „Ihr Eltern habt in dem ganzen Kampfe, in dem Eure Söhne mehr Schaden, als Nutzen davongetragen haben, teilweise leider eine auffallende Teilnahmslosigkeit gezeigt. Es ist an der Zeit, wirklich einmal sich selbst darum zu kümmern, wie unter dem Deckmantel empörter Sittlichkeit in Wahrheit auf Eure Söhne eingewirkt worden ist, endlich einmal nötig, Nutzen und Schaden parteilos abzuwägen und ohne die Brille der Heuchelei, hinter der selbstische Interessen stecken, die Dinge zu sehen, wie sie sind.“ Die Behandlung des Themas in der Öffentlichkeit und innerhalb der Organisation habe unter den Jugendlichen Hass, Undankbarkeit und für sie schädliche Aufklärung bewirkt.[29]

    Wandervogel, Deutscher Bund für Jugendwanderungen (1907–1911/13)

    1907 trat die gesamte Jenaer Ortsgruppe aus dem AWV aus, da die Bundesleitung den Antrag nach Abstinenz von Alkohol und Nikotin auf den Fahrten abwies. Der Leiter dieser Ortsgruppe, der Dipl.-Ing. und Lehrer Ferdinand Vetter, hatte einen entsprechenden Antrag am 3. Januar 1907 gestellt. Zusammen mit dem Marburger Studenten Wilhelm Erhardt gründete er daher am 20. Januar den Wandervogel, Deutscher Bund für Jugendwanderungen (DB).

    Zunächst hatte der DB nur 42 „Eingetragene“, also Schüler, die in den Listen des Wandervogels registriert waren. Zum Jahresende umfasste er bereits 16 Ortsgruppen (ca. 170 Eingetragene). Auf dem ersten Bundestag des DB vom 6. bis 8. April wurde der Lehrer Kurt Haehnel zum Bundesleiter und Vetter zum Schatzmeister gewählt. Viele Mitglieder anderer Wandervogelvereine schlossen sich dem DB an, darunter befanden sich auch Ludwig Gurlitt, Frank Fischer, Hans Lißner und Hans Breuer.[30] Breuer wurde 1909 zum Bundesleiter gewählt. Während er in Heidelberg sein Medizinstudium mit dem Prädikat „summa cum laude“ abschloss, avancierte er zusammen mit seinem Freund Lißner zum neuen geistigen Führer der gesamten Bewegung. So gab er unter anderem den „Zupfgeigenhansl“ heraus, eine Sammlung von Volksliedern, die er vermutlich aus den Beständen der Universitätsbibliothek von Heidelberg und aus den Einsendungen engagierter Wandervögel zusammengestellt hatte.

    Die Programmatik des DB wich in vielen Punkten von den anderen Bünden ab. Sie folgte einem scharfen Abstinenzgebot und trat entschieden für das gemischte Wandern von Jungen und Mädchen ein. Weiterhin verfolgte sie den Wunsch, das Wandern auf alle „Stände“ hin auszudehnen. Durch die starke Dezentralisierung des DB zugunsten der einzelnen Ortsgruppen unterschied er sich auch strukturell erheblich von den anderen Bünden. Die Ortsgruppen besaßen das Recht auf Selbstbestimmung und Selbstverwaltung im Rahmen der Bundessatzung. Zuletzt gab er sich das Ziel, die Einheit der gesamten Bewegung wiederherzustellen.[31] Der DB hatte Ende 1911 in 210 Ortsgruppen 8.138 eingetragene Schüler.

    Der Jung-Wandervogel (1910–1916)

    Eine zweite große Abspaltung vom AWV erfolgte Ende November 1910. Unter der Leitung von Wilhelm Jansen und Willie Jahn löste sich die Hamburger Gruppe auf und gründete den Jung-Wandervogel (siehe oben). Er entstand aus einer Diskussion über den Einfluss der Älteren und das Eindringen dieser in die „Wandervogelwelt“. Mit der Devise „Weg mit den Oberlehrern!“ löste man sich vom „unjugendlichen“ AWV, der von Lehrern dominiert zu sein schien.[32] Der JWV besaß, wie der DB, eine föderale Struktur. Ortsgruppen konnten „sich nicht direkt dem Bunde anschließen“,[33] sondern mussten einem Kreis angehören. Weiterhin versuchte der JWV erfolgreich, die Ortsgruppen unter 40 „Eingetragenen“ zu halten. So hatte der JWV 3.700 Schüler in 112 Ortsgruppen organisiert, was einer Ortsgruppengröße von durchschnittlich 33 Schülern entsprach.[34]

    Ein gemeinsamer Bund in den Vorkriegsjahren, der „Wandervogel e. V.“Ausgehend von einer Initiative des DB unter Hans Lißner und Hans Breuer kam es vom 14. bis 16. Mai 1910 zur „Sachsenburger Pfingsttagung“, an der auch Vertreter des AWV und Steglitzer e.V. teilnahmen. Auf dieser forderte Breuer den Zusammenschluss der Wandervogelbünde. Beim Steglitzer e.V. löste das bevorstehende Treffen eine Krise zwischen dem Vorstand und dem Führerkollegium aus, da der Vorstand einer Vereinigung eher skeptisch gegenüberstand.[35] Dies hatte zur Folge, dass Albrecht von seinen Ämtern als Obmann und Schatzmeister zurücktrat. Er wurde von Conradin Brinkmann abgelöst.

    Auch der Vorstand des AWV hatte eine ablehnende Haltung gegenüber den Einigungsbestrebungen eingenommen und wusste einen großen Teil der Führerschaft hinter sich. Beide Vereine, sowohl der AWV als auch der Steglitzer e.V., fürchteten eine Vereinnahmung durch den DB. Dennoch nahmen etwa 500 Wandervögel an dem Treffen teil, darunter auch 100 Führer. Aus diesem Kreis wurden sieben Vertreter in einen Ausschuss gewählt, der die Einigungsbestrebungen vorantreiben sollte. Am 8. Januar 1911 gründete sich der Verband Deutscher Wandervögel (VDW), eine Interessengemeinschaft aus den beiden größten Bünde AWV und DB, der sich im Laufe des Jahres neben weiteren Bünden im März auch der Steglitzer e.V. anschloss. Es setzte nun eine Entwicklung ein, der die Bundesleitungen teilweise machtlos gegenüberstanden. Viele DB- und AWV-Ortsgruppen schlossen sich eigenmächtig zu geeinten Ortsgruppen zusammen, auch wenn auf einem gemeinsamen Bundestag vom 8. bis 10. April 1911 in Marburg keine inhaltlichen Einigungen zum Mädchenwandern, zur Abstinenzfrage und zur Ausdehnung der Bünde auf Volksschüler erzielt wurden.

    Eher inoffiziell war auch die Gründung des Wandervogel e. V., Bund für deutsches Jugendwandern (Wandervogel e.V.) im Juni 1912. Der damalige Bundesleiter des DB, König, gab eine Satzung vor und ließ diese ins Vereinsregister eintragen, noch bevor die Gegensatzung des AWV berücksichtigt werden konnte.[36] Daraus ergab sich, dass der AWV niemals offiziell dem Wandervogel e.V. beitrat, obwohl sich zwei Drittel der Ortsgruppen eigenmächtig angeschlossen hatten. Auch der JWV blieb unabhängig von dem großen Einigungsbund, nicht zuletzt aufgrund der Differenzen in der Erwachsenenfrage. Dagegen ging der Steglitzer e.V. nach einem Auflösungsbeschluss vom 29. Dezember 1912 vollkommen im neuen Bund auf. Der DB folgte am 5. Januar 1913 und der Verband deutscher Wandervögel im Februar 1913. Damit hatte sich der zahlenmäßig größte Teil der Wandervögel im Bund Wandervogel e.V. zusammengeschlossen. Sein Leiter wurde am 21. September 1913, kurz vor dem ersten „Freideutschen Jugendtag“ auf dem Hohen Meißner, der Schuldirektor Edmund Neuendorff.

    Wandel und Bedeutungsverlust: Vom Meißner-Treffen 1913 bis zur Gegenwart

    Auf dem Ersten Freideutsche Jugendtag am 11. und 12. Oktober 1913 auf dem Hohen Meißner bei Kassel trat der Wandervogel e.V. offiziell nicht auf, obwohl er mit dazu eingeladen hatte.[37] Offiziell verhielt man sich abwartend gegenüber der Freideutschen Jugendbewegung und kritisierte den Einfluss der Reformer und Lenker auf diese Bewegung. Dennoch nahmen viele Vertreter des Bundes an dem Treffen teil.

    In einer eigenständigen Gegenveranstaltung der organisierten Jugend setzte man sich bei diesem Treffen ab von den hurra-patriotischen Veranstaltungen des Kaiserreiches zur Hundertjahrfeier der Völkerschlacht bei Leipzig. Mit der in Vorberatungen von den Beteiligten erarbeiteten Meißner-Formel wurde ein spezifisches jugendliches Ideal zum Ausdruck gebracht.

    Insbesondere in und nach dem Ersten Weltkrieg kam es unter Mitgliedern von Wandervogelbewegung und Pfadfindern zu einer Neugruppierung und Vermischung. Daraus entstand in einer zweiten Phase der Jugendbewegung die Bündische Jugend. Zu den eigentlichen Wandervogel-Schwerpunkten, den Fahrten, dem Naturerleben und einer romantisch verklärten Rückbesinnung auf die als ursprünglich empfundene Volkskultur, traten in der Bündischen Jugend vermehrt gesellschaftliches und politisches Engagement hinzu.

    In einem 1928 verfassten Beitrag zur Wandervogelkultur skizzierte der Pädagoge Erich Weniger auch Merkmale eines Wandels im äußeren Erscheinungsbild der Gruppen, die auf Fahrt gingen:

    „Vieles, was als ‚zünftig‘ für alle Zeiten festzustehen schien, hat sich allmählich und für viele unmerklich gewandelt, die Jugendherberge hat das Heulager und Zelt abgelöst, in der Kleidung ist man von wahllos romantischer Buntheit über allerlei Stilexperimente zu sachlicher Schlichtheit gekommen, die eigentümlich aufgelöste Form des Tippelns – die weit auseinandergezogene Gruppe […], von Ferne an den Zug von Wildvögeln erinnernd und ein merkwürdiges Ineinander von trotzigem Individualismus und von selbstverständlicher Gebundenheit – ist unter dem Einfluß der Pfadfinder, aber wohl aus tieferen Notwendigkeiten heraus, abgelöst durch die geschlossene, marschierende Gruppe mit dem vorausgetragenen Wimpel.“[38]

    Zwischen 1933 und 1935 wurden die verbliebenen Wandervogelbünde, ebenso wie die anderen Gruppierungen der Bündischen Jugend und die Jungenschaftsgruppen, von den Nationalsozialisten verboten, unterdrückt und in die Hitlerjugend überführt.

    Nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden viele dieser Gruppierungen neu; sie existieren noch heute in verschiedensten, voneinander unabhängigen Organisationen. Die ausstrahlende Bedeutung der Wandervogelbewegung vor dem Ersten Weltkrieg war und ist ihnen aber nicht beschieden. Größere noch aktive Bünde sind der Nerother Wandervogel und der Zugvogel – deutscher Fahrtenbund mit jeweils mehreren hundert Mitgliedern.

    Wandervogel in Österreich

    Anleitung: Neutraler Standpunkt Die Neutralität dieses Artikels oder Abschnitts ist umstritten. Eine Begründung steht auf der Diskussionsseite im Abschnitt „ÖWV – Neutralität“. Weitere Informationen erhältst du hier.

    Geschichte des Österreichischen Wandervogels

    Der Österreichische Wandervogel (ÖWV) wurde 1911 vom Studenten Hans Mautschka (1888–1914) gegründet, welcher Verbindungen zum deutschen Wandervogel hatte. Seinem Aufruf zum Gründungstreffen des ÖWVs folgten 41 Studenten aus Böhmen und Wien. Die offizielle, vereinsrechtlich gültige Versammlung erfolgte am 30. Juni 1911 in Wien unter dem Namen: „Österreichischer Wandervogel, Bund für deutsches Jugendwandern“. Bundeszeichen wurde der bis heute verwendete silberne Greif auf blauem Grund.[39] Schon bald erlebte der ÖWV starken Zulauf; er gliederte sich in Ortsgruppen, nicht nur in Deutschösterreich, sondern auch in anderen Teilen der Habsburger Monarchie, besonders in Böhmen.[40]

    Die Programmatik des ÖWV begründete sich zu einem Gutteil auf der Ablehnung der traditionellen bürgerlichen Werte in der späten Monarchiezeit. Die Wandervögel wollten ihr Leben einfach, gesund und naturbezogen gestalten, sich abseits von gesellschaftlichen Konventionen kleiden und frei von Suchtmitteln sein. Der Genuss von Alkohol, Nikotin und sonstigen Drogen war im ÖWV seit jeher verpönt.[41] Im Wandern, im gemeinsamen Singen, in der Literatur, im Volkslied und -tanz sowie oft auch im Laienspiel wollten sie ihre kulturellen Wurzeln finden. Interesse und Offenheit gegenüber anderen Kulturen fanden im Liedgut und in Auslandsfahrten ihren Ausdruck.[42]

    Allerdings folgte der ÖWV der vor dem Ersten Weltkrieg herrschenden politischen Hauptströmung und orientierte sich dementsprechend deutschnational und antisemitisch. Jede parteipolitische Bindung wurdejedoch abgelehnt.[43] Schon von 1936 bis 1937 war der ÖWV verboten, weil der Austrofaschismus ein klares Bekenntnis zur Parteilinie forderte. Am 12. März 1938 wurde der ÖWV von der Reichsjugendführung erneut aufgelöst; ein allerletzter Umzug in Wien wurde von der Hitler-Jugend überfallen.[44]

    1947 erfolgte die offizielle Neugründung des ÖWV als eingetragener Verein. Während unter den Angehörigen der Vorkriegszeit oft die alten deutschnationalen Denkmuster weiter wirkten, schlossen sich 1953 einige Jugendgruppen der neuen Generation zum Jungen Bund im ÖWV zusammen, wo die deutschnationale Orientierung mehr und mehr zu einer Randerscheinung wurde.

    Im Laufe der 1960er Jahre kam es zunehmend zu offenen weltanschaulichen Auseinandersetzungen zwischen Vertretern der älteren Generation und aktiven jungen Mitgliedern. Viele jugendliche Wandervögel standen unter den Einflüssen der 68er-Bewegung und legten Wert auf eine klare Abgrenzung und Distanzierung gegenüber jeglichen rechtsgerichteten Relikten.

    1969 organisierte der Österreichische Wandervogel das Europolislager am Michelberg nördlich von Wien, an dem Jugendgruppen aus vielen europäischen Ländern teilnahmen. In den folgenden Jahrzehnten engagierten sich viele Mitglieder in der Umweltbewegung, der Anti-Atomkraft-Bewegung und der Friedensbewegung. So fanden gruppeninterne Ausflüge zu den Demonstrationen gegen das AKW Zwentendorf (1979) und den Bau des Wasserkraftwerks im Reichraminger Hintergebirge (1984), der Besetzung der Hainburger Au (Dezember 1984) und gegen die Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf (1986) statt.[45]

    Im Zuge der Vorbereitung zum 100-jährigen Jubiläum gab es erneut Auseinandersetzungen und Diskussionen um die Vergangenheit. So kam es neben der Überarbeitung der Richtlinien, Statuten und Begrifflichkeiten 2011 zur generationsübergreifend ausgearbeiteten Kefermarkter Erklärung, einer Beschreibung und Befassung mit der 100-jährigen Geschichte.[46]

    Organisation und Aktivitäten

    Der ÖWV gliedert sich in drei Kreise, von denen der „Junge Wandervogel“ den aktiven Kernbereich bildet. Daneben gibt es den „Familienkreis“ und den „Sing- und Wanderkreis“ der älteren Generationen. Der „Junge Wandervogel“ besteht aus ca. 80 aktiven Mitgliedern im Alter von 8 bis 26 Jahren, die sich österreichweit in regionalen Mädchen-, Burschen- oder auch gemischten Gruppen organisieren. So wie die Gruppen von Gleichaltrigen geleitet werden, wird auch die Organisation von Lagern, österreichweiten Aktionen und Fahrten ins Ausland von den Mitgliedern (ohne Hilfe von Erwachsenen) übernommen. Dadurch lernen die Jugendlichen, Verantwortung zu tragen, sich aktiv einzubringen und ihre Ideen und Vorstellungen umzusetzen, die im Alltag keinen Platz haben. Ebenso wichtig wie die Selbständigkeit und die Eigenheiten jeder Person ist im WV das Leben in und mit der Gemeinschaft, in der man auch engen Kontakt mit anderen Altersgruppen hat.

    Das Zusammenleben gestaltet sich nach folgenden Interessen und Vorstellungen (gemäß der Meißnerformel von 1913):

    • selbstständig sein, selbstständig denken und Verantwortung für sich selbst und andere übernehmen
    • die Umwelt aktiv erleben und die Natur achten und schützen
    • als Gemeinschaft religiös und politisch unabhängig sein
    • die Freizeit ohne Nikotin, Alkohol oder anderen Drogen gestalten
    • durch einen einfachen und billigen Lebensstil dem allgemeinen Konsumrausch einen Kontrapunkt setzen
    • jedes Mitglied unabhängig von Alter und Geschlecht in seiner Einzigartigartigkeit wahrnehmen und gleichberechtigt an Entscheidungsprozessen teilhaben lassen.

    Inwieweit dies jeder Einzelne in seinem Privatleben umsetzt, bleibt ihm und ihr überlassen.

    Neben circa vierteljährlichen gesamtösterreichischen Lagern gibt es gruppeninterne Wanderungen, Fahrten und Treffen, außerdem Volkstanzfeste, Musikwochen, Segeltörns und alle drei Jahre eine mehrwöchige Großfahrt ins Ausland. Das Lager- und Fahrtenleben gestaltet sich möglichst einfach und naturbezogen. Geschlafen wird unter freiem Himmel und in Kohten und Jurten; gekocht wird auf offenem Feuer.[47]

    Wandervogel in der SchweizDer Wandervogel in der Schweiz wurde 1907 als „Wandervogel. Schweizerischer Bund für alkoholfreie Jugendwanderungen“ gegründet, der vor 1918 mit 1500 Mitgliedern seine größte Verbreitung erreichte. Formell wurde die Bewegung 1955 aufgelöst. Bundesobmann des Wandervogels von 1919 bis 1921 war Fritz Baumann. Er ist auch der Autor einer Geschichte des Wandervogels in der Schweiz. Das Archiv des Wandervogels befindet sich im Schweizerischen Sozialarchiv in Zürich.[48]

    Wirkungsgeschichte des WandervogelsBereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt, 1912, hat Hans Blüher unter dem Titel „Wandervogel. Geschichte einer Jugendbewegung“ mit starken persönlichen Akzenten eine erste Bilanz der Wandervogelbewegung vorgelegt, in der nicht nur der „Aufgang“, sondern auch bereits ein „Niedergang“ der Bewegung thematisiert wurde. Der Erste Weltkrieg bedeutete für die Wandervogelbewegung dann tatsächlich eine Zäsur hin zu etwas Neuem.

    Als wirkungsgeschichtlicher Rückblick und programmatischer Ausblick in einem ist zu verstehen, was 1920 der Altwandervogel Ernst Buske in der Übergangsphase der Jugendbewegung von der Wandervogel- zur bündischen Zeit geschrieben hat. Buske, der späterhin als Bundesführer der Deutschen Freischar den nach Mitgliederzahl wichtigsten Jugendbund der Weimarer Zeit leitete, sah im Wandervogel vor allem ein wertvolles Bindeglied zwischen dem Individuum und seinem natürlichen und gesellschaftlichen Umfeld:

    „Wen es jahraus, jahrein, Sonntag für Sonntag und in den Ferien auch für mehrere Wochen aus Unnatur und Zwang, aus Hast und Gier des lebenstötenden Stadtgetriebes hinaus in die ewigjunge, spannungauslösende Natur getrieben hat, wer durch das geheimnisvolle Weben eines Sommermorgens im steilen Walddom geschritten ist, wer über blühende Heide bei totenstiller Mittagszeit durch flimmernde Sonnenstäubchen wanderte, wer auf ragender Bergeshöh oder am rauschenden Meer oder auf stiller Schneehalde die Sonne sinken sah, wer aus dumpfem Gemäuer verfallener Burgen zum sternenübersähten Nachthimmel aufschaute, wer, wenn das Sonnwendfeuer allmählich verglommen, über den Bergen das Frührot aufsteigen sah – wer so sich selbst als Teil der Natur und die Natur als Teil seines Selbst fühlt, der ist nicht mehr wurzellos wie der Städter, seine Wurzeln senken sich tief hinein in das Land, das er durchwandert, und er umfaßt die Heimat mit seiner ganzen Liebe. – Aber nicht nur das Land, auch seine Bewohner und ihre Art werden dem Wanderer Leben und Erleben. Wer heut beim Bauer, morgen beim Dorfhandwerker, übermorgen beim Förster, Lehrer oder Pfarrer sein einfaches Nachtlager findet, wer heut hier am Herd sitzt und sich von der freundlichen Großmutter von alten Sagen und Gebräuchen und wunderbaren Menschenschicksalen erzählen läßt, wer morgen mit der Dorfjugend unter der weitausladenden Dorflinde die alten Volkslieder singt oder in lustigen Reigen sich schwingt, wer übermorgen mit dem Bauern aufs Feld geht und bei dringlicher Arbeit fleißig mit Hand anlegt – wer so mit freundlichem Blick und mit helfender Hand den Menschen begegnet, dem bleiben sie nicht fremd. Und aus dem Verstehen der Menschen, ihrer Art und Arbeit kommt Achtung und Liebe, kommt das tiefe Gefühl des Teilseins, das Bewußtsein eines übernatürlichen Zusammenhangs, in dem wir alle umfangen sind.“[49]

    In der Abgeschiedenheit unter Eingeweihten hatte der Wandervogel seine Bräuche entwickelt, unterstreicht Barth. Dann aber wurden sie von der gesamten Jugendarbeit kopiert; nahezu alle Welt ging nun auf Fahrt. Der daraus entstehende Organisationsbedarf verschaffte Erwachsenen mehr und mehr Gelegenheit zur Einflussnahme auf die Bewegung. „So fingen dann auch Parteien an, Jugendabteilungen aufzubauen, nach dem Motto ‚Wer die Jugend hat, hat die Zukunft‘“.[50]

    In der Wandervogelbewegung entstand 1909 Der Zupfgeigenhansl (Hrsg. Hans Breuer), eines der einflussreichsten und am weitesten verbreiteten deutschen Volksliederbücher. Das heute weltumspannende Jugendherbergswerk und die Reformpädagogik haben zu einem erheblichen Teil ihre Wurzeln in der Wandervogelbewegung. Ein studentischer Ableger der Wandervogelbewegung ist die 1923 gegründete Deutsche Gildenschaft (siehe auch: Studentenverbindung).

    Kritik der zeitgenössischen Öffentlichkeit hatte der Wandervogel im Umfeld einer Affäre mit homosexuellem Hintergrund auf sich gezogen, in deren Mittelpunkt Fürst Philipp zu Eulenburg stand, ein Freund Kaiser Wilhelms II. Denn im Wandervogel gab es, insbesondere nach dem Zeugnis Hans Blühers, homoerotische Tendenzen von nicht näher bestimmbarem Ausmaß, die nun skandalisiert wurden. Die Wandervogel-Verantwortlichen waren zeitweise Schmähreden ausgesetzt, wurden gar als „Päderastenklub“ bezeichnet. Nach vehementer allgemeiner Distanzierung von diesem Vorhalt seitens der meisten Wandervogelführer und -mitglieder verebbte schließlich die Diskussion darum.[51]

    In dem Erinnerungssammelband Die Blaue Blume des Wandervogels verteidigte der Schriftsteller Werner Helwig als Zeitzeuge und prominentes Mitglied des Nerother Wandervogels die Bewegung gegen den Vorwurf, dem Nationalsozialismus Vorreiterdienste geleistet zu haben, indem er noch für die Zeit der Weimarer Republik befand: „Abirrungen nach Extrem-Rechts kamen nicht häufiger vor als nach Extrem-Links.“ Wo Einzelne sich in parteipolitischen Engagements versucht hätten, seien sie meist sehr schnell kaltgestellt worden. Der Nationalsozialismus hingegen habe alles in sich aufgesogen, „was irgend den Charakter von Bewegung hatte. […] Die Träger der adoptierten Bewegung wurden ausgerottet, bevor sie sich als Fermente auswirken konnten. Die Formen, die sie mitgebracht hatten, blieben gleichsam sinnentleert übrig …“[52] Auch Helwig sah die Wirkung dessen, was der Wandervogel in Gang gebracht hatte, hauptsächlich in dem, was er Mitgliedern und Nachfolgern vermittelte und bedeutete:

    „Die Jugendbewegung förderte Askese, liebte schlichte Lebensformen, pflegte den Geist der Selbstverantwortung, half die Welt erschließen mit den einfachsten Mitteln. Mied die Hotels, verachtete in einer guten Periode ihrer späten Phase sogar die selbstgeschaffenen Jugendherbergen, schätzte Abhärtungen, schwierige Dichter, Denker, Weltbildrevolutionäre und – auf dem Umweg über das wiederentdeckte Volkslied – strenge musikalische Formen. […] Freuen wir uns der Tatsache, daß es den Wandervogel gab. Denn wer – wann immer er von dessen musischem Bann ergriffen war – wer von uns möchte ihn missen?“[53]

    Siehe auch

    Einzelnachweise

    1. Zit. n. Werner Helwig: Die Blaue Blume des Wandervogels. Heidenheim an der Brenz 1980, S. 28.
    2. Günther Köhler: Der Steglitzer Wandervogel 1896–1914. In: Gerhard Ille, Günther Köhler (Hrsg.): Der Wandervogel – Es begann in Steglitz, Berlin 1987, S. 55.
    3. Hermann Hoffmann in: Das Nachrichtenblatt des Wandervogel, Nr. 30 vom Februar 1955, S. 6f.
    4. Hans Blüher: Wandervogel – Geschichte einer Jugendbewegung. Erster Teil: Heimat und Aufgang. 2. Aufl. Berlin 1912, S. 106f. Blüher datierte die Böhmerwaldfahrt hier irrtümlich auf 1897.
    5. Ottomar Johannes Dupré: Hans Breuers Leben. In: Hans Breuer. Wirken und Leben, zusammengestellt von Heinz Speiser, Burg Ludwigstein 1977, S. 15.
    6. Hoffmann zitiert nach: Gerhard Ziemer, Hans Wolf: Wandervogel und Freideutsche Jugend. Bad Godesberg 1961, S. 38f.
    7. Rüdiger Safranski: Romantik. Eine deutsche Affaire. München 2007, S. 303f.
    8. Walter Laqueur: Die deutsche Jugendbewegung. Eine historische Studie. Verlag Wissenschaft und Politik, Köln 1962, S. 28f.
    9. Winfried Mogge: Aufbruch einer Jugendbewegung. Wandervogel – Mythen und Fakten. In: Sabine Weißler (Hrsg.): Fokus Wandervogel – Der Wandervogel in seinen Beziehungen zu den Reformbewegungen vor dem Ersten Weltkrieg. Marburg 2001, S. 10f.
    10. Georg Korth: Wandervogel 1896–1906. Frankfurt am Main 1967, S. 157.
    11. Idee und Bewegung 56, 2001, S. 53/54.
    12. Winfried Mogge: „Ihr Wandervögl in der Luft …“ Fundstücke zur Wanderung eines romantischen Bildes und zur Selbstinszenierung einer Jugendbewegung. Würzburg 2009, S. 53.
    13. Walter Grünzweig: Walt Whitmann [sic]: die deutschsprachige Rezeption als interkulturelles Phänomen. Wilhelm Fink, München 1991, S. 126–130.
    14. Hans Blüher: Wandervogel. Geschichte einer Jugendbewegung. Erster Teil: Heimat und Aufgang. 3. Auflage, Berlin-Tempelhof 1913, S. 128f.
    15. vgl. Köhler 1987, S. 64
    16. Hans Blüher: Wandervogel. Geschichte einer Jugendbewegung. Erster Teil: Heimat und Aufgang. 3. Auflage, Berlin-Tempelhof 1913, S. 120f.
    17. Werner Kindt (Hrsg.): Dokumentation der Jugendbewegung. Band II: Die Wandervogelzeit – Quellenschriften zur deutschen Jugendbewegung 1896 bis 1919. Düsseldorf 1968, S. 53ff.
    18. vgl. Köhler 1987, S. 73
    19. vgl. Hans Blüher: Wandervogel – Geschichte einer Jugendbewegung. Zweiter Teil: Blüte und Niedergang. 2. Aufl. Berlin 1912, S. 11ff.
    20. Nachrichtenblatt des „Wandervogel“ – eingetragener Verein zu Steglitz bei Berlin, 1/1904, S. 3.
    21. vgl. Kindt 1968, S. 97
    22. vgl. Ille/Köhler 1987, S. 106f.
    23. vgl. Kindt 1968, S. 106
    24. Ille/Köhler 1987, S. 87
    25. vgl. Kindt 1968, S. 1075
    26. vgl. Kindt 1968, S. 107
    27. Geuter 1994, S. 38 ff.
    28. Geuter 1994, S. 38 ff.
    29. Zit. n. Geuter 1994, S. 56 f.
    30. vgl. Kindt 1968, S. 143f.
    31. Zur Programmatik des DB: Jakob Müller: Die Jugendbewegung als deutsche Hauptrichtung neukonservativer Reform. Zürich 1971, S. 19.
    32. Vgl. Ille/Köhler 1987, S. 91f.
    33. Otto Piper zitiert nach: Ziemer, Gerhard: Jung-Wandervogel – Zur Geschichte. In: ders., Hans Wolf: Wandervogel und Freideutsche Jugend. Bad Godesberg 1961, S. 258.
    34. vgl. Kindt 1968, S. 1076
    35. vgl. Kindt 1968, S. 100
    36. vgl. Kindt 1968, S. 146
    37. Einladung u. a. veröffentlicht in: Der Anfang – Zeitschrift der Jugend (5/1913), S. 129ff.
    38. Erich Weniger: Die Jugendbewegung und ihre kulturelle Auswirkung. In: „Geist der Gegenwart“, Stuttgarter Verlagsinstitut GmbH, 1928. Zit. n. Werner Kindt (Hrsg.): Dokumentation der Jugendbewegung, Band I: Grundschriften der deutschen Jugendbewegung. Diederichs, Düsseldorf 1963, S. 546.
    39. Gerhard Seewann: Österr. Jugendbewegung: österreichische Jugendbewegung 1900 bis 1938. Band 1. dipa-Verlag, Frankfurt/Main 1971, S. 67.
    40. Heimo Meiche: Geschichte und Entwicklung des Österreichischen Wandervogels. Hausarbeit aus Pädagogik. Paris Lodron Universität Salzburg, 1978, S. 52.
    41. Gerhard Ziemer, Hans Wolf (Hrsg.): Wandervogel und Freideutsche Jugend. Voggenreiter Verlag, Bad Godesberg 1961.
    42. Andreas Gärtner: Der Österreichische Wandervogel – Geschichte (bis 1918) und Charakterisierung unter Berücksichtigung der Entwicklung im Deutschen Reich und jener der Ortsgruppe Salzburg. Diplomarbeit Univ. Salzburg, 1995, S. 103 ff.
    43. Doris Hillebrand: Das Phänomen Wandervogel anhand von Lebensbildern. Diplomarbeit Univ. Innsbruck, 2002, S. 127.
    44. Wolfgang Kos (Hrsg.): kampf um die stadt – politik, kunst und alltag um 1930. In: Ausstellungskatalog Wien Museum. Wien 2010, S. 351f.
    45. Haberl, Helmut: Der Junge Bund Jg. 85/2
    46. Rainald Grugger u.a.: Kefermarkter Erklärung, 2013 (abgerufen am 29. März 2015).
    47. Bernhard Kotek: Über uns. (abgerufen am 29. März 2015).
    48. Schweizerisches Sozialarchiv Archivfindmittel, Archiv: Wandervogel. Schweizerischer Bund für alkoholfreie Jugendwanderungen, Signatur: Ar 19.
    49. Ernst Buske: Jugend und Volk. Aus der Schrift: Ursprung und Aufgaben der freideutschen Jugend von Adolf Grabowsky und Walther Koch, Gotha 1920. Zit. n. Werner Kindt (Hrsg.): Dokumentation der Jugendbewegung. Band I: Grundschriften der deutschen Jugendbewegung. Diederichs, Düsseldorf 1963, S. 198f.
    50. Reinhard Barth: Jugend in Bewegung. Die Revolte von Jung gegen Alt in Deutschland im 20. Jahrhundert. Berlin 2006, S. 31.
    51. Hans Blüher: Wandervogel. Geschichte einer Jugendbewegung. Zweiter Teil: Blüte und Niedergang. 2. Aufl. Berlin-Tempelhof 1912, S. 112.
    52. Werner Helwig: Die Blaue Blume des Wandervogels. Heidenheim an der Brenz 1980, S. 316f.
    53. Werner Helwig: Die Blaue Blume des Wandervogels. Heidenheim an der Brenz 1980, S. 317/319.

    Literatur

    • Ulrich Aufmuth: Die deutsche Wandervogelbewegung unter soziologischem Aspekt. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1979.
    • Fritz Baumann: Der Schweizer Wandervogel. Das Bild einer Jugendbewegung, Aarau 1966.
    • Hans Blüher: Wandervogel. Geschichte einer Jugendbewegung. Nachdruck der 2. Auflage von 1913/14. dipa, Frankfurt am Main 1976, ISBN 3-7638-0210-X.
    • Werner Helwig: Die Blaue Blume des Wandervogels. Überarbeitete Neuausgabe. Deutscher Spurbuchverlag, Baunach 1998, ISBN 3-88778-208-9.
    • Ulrich Herrmann (Hrsg.): „Mit uns zieht die neue Zeit“ – Der Wandervogel in der deutschen Jugendbewegung. Juventa, München 2006.
    • Gerhard Ille, Günter Köhler (Hrsg.): Der Wandervogel – Es begann in Steglitz. Stapp, Berlin 1987.
    • Werner Kindt: Dokumentation der Jugendbewegung. Band II: Die Wandervogelzeit. Quellenschriften zur deutschen Jugendbewegung 1896 bis 1919. Diederichs, Düsseldorf 1968.
    • Nerohm (Fritz-Martin Schulz): Die letzten Wandervögel. 2. Auflage. Deutscher Spurbuchverlag, Baunach 2002, ISBN 3-88778-197-X.
    • Otto Neuloh, Wilhelm Zilius: Die Wandervögel. Eine empirisch-soziologische Untersuchung der frühen deutschen Jugendbewegung. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1982.
    • Marion E. P. de Ras: Körper, Eros und weibliche Kultur. Mädchen im Wandervogel und der Bündischen Jugend 1900–1933. Centaurus, Pfaffenweiler 1988, ISBN 3-89085-286-6.
    • Sabine Weißler: Fokus Wandervogel. Der Wandervogel in seinen Beziehungen zu den Reformbewegungen vor dem Ersten Weltkrieg. Jonas Verlag, Marburg 2001, ISBN 3-89445-290-0.
    • Gerhard Ziemer, Hans Wolf: Wandervogel und freideutsche Jugend. Voggenreiter Verlag, Bad Godesberg 1961.
    • Gerhard Ziemer, Hans Wolf: Wandervogel Bildatlas. Voggenreiter Verlag, Bad Godesberg 1963.

    Weblinks

     Commons: Wandervogel – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
     Wiktionary: Wandervogel – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Lichtbild: Stadtpark Steglitz, Berlin.

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Acerca de ricardodeperea

Nacido en Sevilla, en el segundo piso de la casa nº 8 (después 18) de calle Redes de Sevilla, el 21 de Septiembre de 1957. Primogénito de D. Ricardo, tenor dramático de ópera (que estuvo a punto de hacer la carrera en Milán), y pintor artístico; y de Dñª. Josefina, modista y sastre ( para hombre y mujer), mas principalmente pintora artística de entusiata vocación. Desafortunadamente dedicóse tan abnegadamente a su familia y hogar, que poco pudo pintar, pero el Arte, el retrato, dibujo y pintura fueron su pasión hasta la muerte, que la sorprendió delante de un óleo de San Antonio de Escuela barroca sevillana, y al lado de una copia, hecha por mi padre, de la Piedad de Crespi, en tiempo litúrgico de San José. Seminarista en Roma, de la Archidiócesis de Sevilla desde 1977-1982, por credenciales canónicas de Su Eminencia Revmª. Mons. Dr. Don José María Bueno y Monreal. Alumno de la Pontificia Universidad de Santo Tomás de Aquino en Roma, 1977-1982, 1984, por encomienda del mismo Cardenal Arzobispo de Sevilla. Bachiller en Sagrada Teología por dicha Universidad (Magna cum Laude), donde hizo todos los cursos de Licenciatura y Doctorado en Filosofía (S.cum Laude), y parte del ciclo de licenciatura en Derecho Canónico (incluido Derecho Penal Eclesiástico). Ordenado de Menores por el Obispo de Siena, con dimisorias del Obispo Diocesano Conquense, Su Exciª.Rvmª. Mons. Dr. en Sagrada Teología, D. José Guerra y Campos. Incardinado en la Diócesis de Cuenca (España) en cuanto ordenado "in sacris", Diácono, por Su Exciª.Rvmª. Mons. Dr. en Sagrada Teología, D. José Guerra y Campos, el 20 de Marzo de 1982. Delegado de S.E.R. Mons. Pavol Hnilica,S.J., en España. Ordenado Presbítero, por dimisorias del mismo sapientísimo, piadoso e insigne católico Doctor y Obispo Diocesano conquense, el 8 de Enero de 1984 en la Catedral de Jerez de la Frontera (Cádiz), por Su Exciª. Rvmª. Mons. D. Rafael Bellido y Caro. Capellán Castrense del Ejército del Aire, asimilado a Teniente, y nº 1 de su promoción, en 1985. Fue alumno militarizado en todo, en la Academia General del Aire de San Javier (Murcia), destinado al Ala nº 35 de Getafe, y después a la 37 de Villanubla (Valladolid); luego de causar baja, como también el nº 2 de la promoción, a causa de encubiertas intrigas políticas pesoistas [ocupó pués, así, la primera plaza el nº 3, primo del entonces presidente de la Junta de Andalucía, un Rodríguez de la Borbolla] en connivencia con el pesoista Vicario Gral. Castrense, Mons. Estepa. Fue luego adscrito al Mando Aéreo de Combate de Torrejón de Ardoz. Párroco personal de la Misión Católica Española en Suiza, de Frauenfeld, Pfin, Weinfelden, Schafhausen, ... , y substituto permanente en Stein am Rhein (Alemania) . Provisor Parroquial de Flims y Trin (cantón Grisones), en 1989-90; Provisor Parroquial (substituto temporal del titular) en Dachau Mittendorf y Günding (Baviera), etc.. Diplomado en alemán por el Goethe Institut de Madrid y el de Bonn (mientras se hospedaba en la Volkshochschule Kreuzberg de esa ciudad renana) . Escolástico e investigador privado en Humanidades, defensor del Magisterio Solemne Tradicional de la Iglesia Católica y fundamentalmente tomista, escribe con libertad de pensamiento e indagación, aficionado a la dialéctica, mayéutica de la Ciencia. Su lema literario es el de San Agustín: "In fide unitas, in dubiis libertas et in omnibus Charitas". Ora en Ontología, ora en Filosofía del Derecho y en Derecho Político admira principalmente a los siguientes Grandes: Alejandro Magno (más que un libro: un modelo para Tratados) discípulo de "El Filósofo", Aristóteles, Platón, San Isidoro de Sevilla, Santo Tomás de Aquino, los RRPP Santiago Ramírez, Cornelio Fabro, Juán de Santo Tomás, Domingo Báñez, el Cardenal Cayetano, el Ferrariense, Domingo de Soto, Goudin, los Cardenales Zigliara y González, Norberto del Prado; Friedrich Nietsche, Martin Heidegger ; Fray Magín Ferrer, Ramón Nocedal y Romea, Juán Vázquez de Mella, Enrique Gil Robles, Donoso Cortés, Los Condes De Maistre y De Gobineau, el R.P. Taparelli D'Azeglio; S.E. el General León Degrelle, Coronel de las SS Wallonien, Fundador del Movimiento católico "Rex", el Almirante y Excmº. Sr. Don Luis Carrero Blanco (notable pensador antimasónico, "mártir" de la conspiración de clérigos modernistas, y afines, suvbersivos, y de la judeleninista ETA), S.E. el Sr. Secretario Político de S.M. Don Sixto (Don Rafael Grambra Ciudad), los Catedráticos Don Elías de Tejada y Spínola y Don Miguel Ayuso, entre otros grandes pensadores del "Clasicismo Natural" y "Tradicionalismo Católico"; Paracelso, el Barón de Evola, etc. . En Derecho Canónico admira especialmente a Manuel González Téllez y Fray Juán Escobar del Corro; Por supuesto que no se trata de ser pedisecuo de todos y cada uno de ellos, no unánimes en un solo pensamiento ("...in dubiis libertas"). Se distancia intelectual, voluntaria, sentimental y anímicamente de todo aquel demagogo, se presente hipócriamente como "antipopulista" siendo "polulista", o lo haga como antifascista, "centrista", moderado, equilibrado, progresista, moderno, creador y garante de prosperidad, o como lo que quiera, el cuál, sometiéndose a la mentira sectaria, propagandística y tiránica, inspirada en cualquiera de las "Revoluciones" de espíritu judío (: la puritana cronwelliana (1648,) la judeomasónica washingtoniana (1775), la judeomasónica perpetrada en y contra Francia en 1789, y las enjudiadas leninista y anarquista), ataque sectariamente o vilipendie a Tradicionalistas, franquistas, Falangistas, Fascistas, Nacionalsocialistas, Rexistas, etc., o se posicione nuclearmente, a menudo con la mayor vileza inmisericorde, y a veces sacrílega, contra mis Camaradas clasicistas ora supervivientes a la Gran Guerra Mundial (1914-1945), ora Caídos en combate o a resultas; se considera y siente parte de la camaradería histórica y básica común con los tradicionalismos europeistas vanguardistas de inspiración cristiana (al menos parcial), y con sus sujetos, aliados de armas contra la Revolución (jacobina, socialista, comunista, anarquista).
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